Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Foto aus Fukushima: Was ist bloß mit diesen Blümchen los?

In der Nähe der Atomruine Fukushima will ein Twitter-User mutierte Margeriten fotografiert haben. Nun rätselt das Netz, ob radioaktive Strahlung schuld ist.

Auch viereinhalb Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima ist die Situation in der Region noch immer weit von der Normalität entfernt. Die Aufräumarbeiten in der Atomruine werden noch Jahrzehnte andauern. Manche Gemeinden sind trotz aufwendiger Säuberung so stark verstrahlt, dass Umweltschützer vor der Rückkehr der Bewohner warnen.

Nun macht auf Twitter ein Foto die Runde, das für manche ein weiterer Beleg für die Gefahr zu sein scheint, die von der Reaktorruine ausgeht: Hochgeladen wurde das Bild am 27. Mai - und zu sehen sind mutierte Margeriten. Die Pflanzen will ein User in der Stadt Nasushiobara fotografiert haben. Die liegt rund hundert Kilometer vom Reaktor entfernt, in südwestlicher Richtung. Die Strahlungswerte hier gelten aus Sicht der japanischen Behörden als unproblematisch.

Immer wieder sorgen Fotos angeblich oder tatsächlich mutierter Pflanzen und Tiere aus der Umgebung von Fukushima für Aufsehen. Belastbare Schlussfolgerungen ließen sich daraus nicht ziehen. Doch sind nun womöglich die Margeriten ein Beleg dafür, dass etwas nicht stimmt in Nasushiobara oder anderen Orten der Region? Tragen strahlende Partikel aus der Atomruine Schuld an den Mutationen?

Höchstwahrscheinlich nicht.

Zu sehen ist ein Phänomen, das Biologen als Verbänderung oder Fasziation bezeichnen. Nachgewiesen wurde es bei mehr als hundert Pflanzenarten. "So etwas kommt immer wieder vor, das sind normale Mutationen", sagt Biologe Ingolf Kühn von der Martin-Luther-Universität in Halle. Vergleichsweise häufig tritt die Verbänderung zum Beispiel beim Fingerhut oder beim Löwenzahn auf. In der freien Natur ist die Mutation nicht vererblich, nur bei einigen Arten von Zierpflanzen wird sie durch die Zucht erhalten.

Freude in Niedersachsen

Die Verbänderung kann als spontane Mutation auftreten, gewissermaßen als Laune der Natur. Schuld daran können aber auch bestimmte Pilze, Milben, Viren oder Bakterien sein - oder radioaktive Strahlung. Bei betroffenen Pflanzen verändert sich die Spitze des Sprosses. Sie ist normalerweise punktförmig, doch durch die Mutation wird sie verbreitert, so entstehen die entstellten Formen.

Dass Strahlung für die wundersamen Margeriten von Nasushiobara verantwortlich ist, lässt sich nicht gänzlich ausschließen. Doch falls dem so wäre, könnten durchaus auch die UV-Strahlen der Sonne schuld sein. "Wenn das nur Einzelfunde sind, sagt das gar nichts", sagt Wissenschaftler Kühn. Nur wenn sich nachweisen ließe, dass die Veränderungen an Pflanzen rund um Fukushima häufiger vorkämen als in anderen Teilen der Welt, ließen sich daraus Schlüsse ziehen.

In einem ganz anderen Teil der Welt freute man sich zum Beispiel erst vor Kurzem über ein mutiertes Gänseblümchen: Als im April im niedersächsischen Westerstede eine Pflanze mit gleich achtfach verlängertem Blütenkopf zu sehen war, gab es sogar in der lokalen Zeitung eine freudige Notiz.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass auf dem Foto Gänseblümchen zu sehen sind. Das war eine Verwechslung. Tatsächlich handelt es sich um Margeriten. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

chs

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. :
toxic 23.07.2015
Sorgen sollte man sich machen, wenn die Gänseblümchen anfangen zu beißen...
2. Statistik
dasdondel 23.07.2015
---Zitat--- bestimmte Pilze, Milben, Viren oder Bakterien sein - oder radioaktive Strahlung ---Zitatende--- - dem wäre noch Gift hinzuzufügen. Zorpheus : ---Zitat--- Wenn man einen Effekt nachweisen will muss man eine ausreichend große Statistik machen ---Zitatende--- und die oben genannten anderen möglichen Gründe zuverlässig ausschliessen. Mit diesen Vorraussetzungen haben wir nun gezeigt, dass ein Beweiss im Bezug auf Strahlung nicht möglich ist - ein Gegenbeweis allerdings auch nicht.
3. Ich
leuca11 23.07.2015
warte auf den drei-äugigen Fisch aus der Simpson Serie.
4.
jakam 23.07.2015
Unfaßbar, daß man die Menschen in der Nähe dieser Giftruine rücksiedeln lassen will.....unverantwortlich.
5. einfach
firehorse67 23.07.2015
mal verbänderung bei google eingeben und sich die bilder anschauen. ^^
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Fukushima: Hohe Strahlung trotz Dekontaminierung

Interaktive Grafik
Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: