Fund in Süddeutschland: Kieferknochen verrät Uralt-Echse

Winzige Sensation: Nur einen Zentimeter groß ist dieser Millionen Jahre alte Kieferknochen einer Brückenechse Zur Großansicht
Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart/ Rainer Schoch

Winzige Sensation: Nur einen Zentimeter groß ist dieser Millionen Jahre alte Kieferknochen einer Brückenechse

Er ist nur rund einen Zentimeter groß und in Fachkreisen doch eine Sensation: Forscher haben in Baden-Württemberg den bislang ältesten Knochen einer Echse gefunden. Er lag 240 Millionen Jahre lang im Gestein verborgen - und ist äußerst untypisch gebaut.

Stuttgart - Brückenechsen sind die nächsten Verwandten von Schlangen, Leguanen und Echsen. Noch heute leben diese Tiere in Neuseeland - doch ihre Vorfahren stapften einst auch durch das heutige Baden-Württemberg. Das beweist ein Fossil, welches nun in der Nähe von Vellberg entdeckt wurde. Vor rund 240 Millionen Jahren, und damit noch vor der Zeit der Dinosaurier, lagerte sich der Kieferknochen einer Brückenechse am Grund eines Sees ab.

Er ist damit rund 10 bis 15 Millionen Jahre älter als die bislang ältesten Fossile der Tiergruppe unserer heutigen Echsen. "Der Fund hilft uns, die Zeit vor den Dinosauriern näher kennenzulernen", sagte der Paläontologe und Projektleiter Rainer Schoch vom Naturkundemuseum in Stuttgart. Wie die Region aussah, welche Tiere und Pflanzen existierten, bevor die Dinosaurier vor rund 235 Millionen Jahren einwanderten, sei bislang völlig unbekannt. Veröffentlicht wurde die Studie zum Rekord-Fossil im Fachmagazin "BMC Evolutionary Biology".

Außergewöhnliches Geschöpf

Interessant für die Forscher ist vor allem die Feststellung, dass die Zähne mit dem Kiefer verwachsen sind. "Normalerweise wechseln Reptilien alle paar Monate ihre Zähne", sagte Schoch. Dass die Brückenechse nur einmal Zähne bekommt, die dann die gesamte Lebenszeit im Kiefer bleiben, sei in höchstem Maße außergewöhnlich. "Mit dem kräftigen Knackgebiss konnten sie auch sehr feste Panzer von Insekten zerquetschen", sagte Schoch.

Das Alter des kleinen Kiefers, zu dem inzwischen auch vollständige Skelette gefunden wurden, bestimmten die Forscher über die Erdschicht, in der sie den Knochen ausgruben. Die deutet auf das Erdzeitalter des Trias hin, welches mehr als 200 Millionen Jahre zurückliegt. "Innerhalb des Trias können wir den Knochen auf ein bis zwei Millionen Jahre genau datieren", sagte Schoch. Der Knochen selbst gebe keinen Aufschluss über sein Alter.

In der Region Nordwürttembergs haben Paläontologen in den vergangenen 13 Jahren mehr als 25 neue Arten gefunden. Die Fundstätte sei deshalb so ertragreich, weil dort die Erdschichten über viele Steinbrüche gut erreichbar seien. "Auch woanders lagern viele Funde im Boden, aber wir erreichen sie nicht, weil die Gebiete entweder bebaut oder bewachsen sind", sagte Schoch.

Mit dem Pinsel im Steinbruch

Schon lange widmen sich die Wissenschaftler den Steinbrüchen, jahrzehntelang fanden sie dort vor allem große Saurierteile. "Mittlerweile ist der Blick für die Details geschärft, und wir schauen mit jedem Jahr genauer hin", sagte Schoch. Sie trugen die Erde mit Skalpell und Pinsel ab und fanden so den Miniknochen. "Erst dachten wir, es seien zerfallene Fischknochen, das wäre nichts Besonderes gewesen", sagte der Projektleiter. Dann folgte die kleine Sensation.

Die Brückenechse selbst war vermutlich ebenfalls von eher winziger Statur und nur fünf bis zehn Zentimeter groß. "So konnte sie wohl eine ökologische Nische nutzen, die noch nicht besetzt war", sagte Schoch. Noch heute leben auf einigen Inseln vor der Küste Neuseelands Brückenechsen. "Im Vergleich können wir sehen, dass die Tiere sich seit 240 Millionen Jahren kaum verändert haben", sagte Schoch. Sie seien lediglich ein bisschen größer geworden. Brückenechsen werden sehr alt, genauere Angaben sind umstritten. 2009 zeugte eine neuseeländische Brückenechse mit dem Namen Henry noch mit 111 Jahren Nachkommen.

Im Stuttgarter Naturkundemuseum verwaltet Schoch die Sammlung, die rund 100.000 Saurierfunde beherbergt. Jedes Jahr kommen rund tausend Exponate hinzu. Gemeinsam mit Kollegen aus Washington, Buenos Aires, London und Berlin beschreibt und katalogisiert Schoch die Fossilien und hofft, so eines Tages die Welt vor den Dinosauriern beschreiben zu können.

kbl/dpa

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1. die gefundene Brückenechse konnte sicher
rbn 25.09.2013
Zitat von sysopEr ist nur rund einen Zentimeter groß und in Fachkreisen doch eine Sensation: Forscher haben in Baden-Württemberg den bislang ältesten Knochen einer Echse gefunden. Er lag 240 Millionen Jahre lang im Gestein verborgen - und ist äußerst untypisch gebaut. Fund in Süddeutschland: Kieferknochen verrät Uralt-Echse - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/fund-in-sueddeutschland-kieferknochen-verraet-uralt-echse-a-924418.html)
alles ausser Hochdeutsch. Wäre sie weiter nördlich gefunden worden, hätte sie nichts gekonnt ausser Hochdeutsch. Gratulation den Baden-Württemberger Museen. Wieder ein Millionenfund.
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