G7-Klimagespräche Umweltministerin fordert Schluss mit Kohle, Öl und Gas

Es geht um Hunderte Milliarden Euro und den radikalen Umbau der Wirtschaft: Umweltministerin Barbara Hendricks spricht kurz vor dem G7-Gipfel über ihre Vision, Umweltsünder wie China oder Russland in Klimaschützer zu verwandeln.

Ein Interview von und

Ruhrgebietsindustrie: "Wir brauchen eine klimaneutrale Weltwirtschaft"
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Ruhrgebietsindustrie: "Wir brauchen eine klimaneutrale Weltwirtschaft"


Am Wochenende wandelt sich das Fünf-Sterne-Hotel Schloss Elmau in Bayern in eine Festung. Dort empfängt Kanzlerin Angela Merkel am 7. und 8. Juni US-Präsident Barack Obama und seine Amtskollegen aus Frankreich, Italien, Großbritannien, Japan und Kanada. Hauptthema der Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrieländer (G7) ist die Eindämmung der Erderwärmung.

Es ist ein Rennen gegen die Zeit: Im Dezember soll in Paris ein Welt-Klimavertrag geschlossen werden, doch nicht einmal 40 Staaten haben ihre Ziele für die Senkung ihrer CO2-Emissionen veröffentlicht. Die G7-Länder vertreten etwa die Hälfte der Wirtschaftskraft der Welt. Was wollen sie unternehmen gegen den drohenden Klimawandel?

Lesen Sie hier die wichtigsten Antworten zum Gipfel der G7-Gastgeberin, Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD).

Zur Person
  • DPA
    Barbara Hendricks, Jahrgang 1952, leitet im schwarz-roten Kabinett das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Die langjährige Abgeordnete war unter anderem Schatzmeisterin der SPD und Staatssekretärin im Finanzministerium. Hendricks lebt in Berlin und im nordrhein-westfälischen Kleve.
SPIEGEL ONLINE: Frau Ministerin Hendricks, bis auf Japan haben alle G7-Staaten ihre Klimaziele bekannt gegeben. Wie wollen Sie in Elmau erreichen, dass neben Japan auch andere große CO2-Verursacher wie China, Indien oder Russland endlich Klimaziele benennen?

Barbara Hendricks: Sechs der sieben G7-Staaten haben ihre Klimabeiträge ja bereits vorgelegt, richtig. Auch Japan wird seinen Beitrag bald einreichen. Jetzt kommt es darauf an, dass bis spätestens Oktober auch alle anderen großen Emittenten ihre Zusagen für den Pariser Klimagipfel machen. Ich hoffe, dass vom G7-Gipfel eine klare Orientierung ausgeht: Wir brauchen eine klimaneutrale Weltwirtschaft in diesem Jahrhundert.

SPIEGEL ONLINE: Was Sie fordern, ist eine komplette Abkehr von fossilen Energien weltweit. Das ist doch illusorisch. Das kann - wenn überhaupt - nur funktionieren, wenn in Elmau beschlossen wird, ärmere Staaten bei der Energiewende zu unterstützen.

Hendricks: Deutschland hat ja im Mai schon eine sehr konkrete Zusage gemacht. Wir werden unsere internationale Klimafinanzierung bis 2020 auf vier Milliarden Euro verdoppeln. Das ist unser fairer Anteil am Versprechen von Kopenhagen. Ich hoffe, dass sich auch die G7 glaubwürdig zu dem Versprechen bekennen, jeweils ihren fairen Anteil zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Versprechungen, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar an Klimahilfen für arme Länder zu zahlen. Etwa die Hälfte des Geldes soll von Privatfirmen kommen - aber es gibt noch immer keine Zusagen.

Hendricks: Wenn wir das staatliche Geld klug einsetzen, werden wir keine Probleme haben, auch private Gelder zu bekommen. Dabei kalkulieren wir, dass wir 40 Prozent öffentliche Mittel benötigen und die übrigen 60 Prozent aus dem Privatsektor kommen. Momentan testen wir, was die besten Hebel für Privatinvestitionen sind. Es geht übrigens nicht darum, dass Firmen in Klimafonds einzahlen sollen. Es geht um viel mehr: Wir wollen langfristig alle Investitionen umlenken von schmutzigen in saubere Technologien. Das sind dann noch viel größere Summen als 100 Milliarden.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker monieren, die deutschen Klimahilfen würden Milliarden von Euro Entwicklungshilfe in die falschen Bahnen lenken - vernachlässigt man wegen des Klimaschutzes etwa die Bekämpfung von Malaria oder die Hilfe Hungernder?

Hendricks: Was für eine absurde Sichtweise! Der Klimaschutz geht doch einher mit der Bekämpfung von Krankheiten und Hunger, indem er Entwicklungschancen ermöglicht - wenn wir zum Beispiel dabei helfen, eine dezentrale erneuerbare Energieversorgung aufzubauen. Außerdem sind es doch gerade die ärmeren Länder, denen eine Zukunftsperspektive verbaut würde, wenn wir nicht helfen, die wirtschaftliche Entwicklung auf einen klimaneutralen Pfad auszurichten. Und schließlich stellen wir die Klimaschutzmittel ja zusätzlich bereit.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie optimistisch, dass es einen wirksamen Klimavertrag geben wird, trotz der Zurückhaltung wichtiger CO2-Verursacher wie China, Indien oder Russland?

Hendricks: Wir werden in Paris keinen Big Bang erleben, der alle Klimaprobleme ein für alle Mal aus der Welt schafft. Aber wir wollen gemeinsame Regeln für den Klimaschutz verabreden. Dazu gehört auch ein wirksamer Mechanismus, nach dem Staaten regelmäßig alle fünf Jahre ihre Klimaziele überprüfen und fortschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie denn die USA und China dazu bringen, sich kontrollieren zu lassen?

Hendricks: Ich will, dass die USA, China und alle anderen großen Emittenten Teil des neuen Abkommens werden. Und dieses Abkommen muss natürlich auch Mechanismen enthalten, die die Nachvollziehbarkeit von Zielen und ihre Umsetzung beinhalten - damit jedes Land weiß, was das andere tut. Ich gehe davon aus, dass die USA und China das ähnlich sehen.

SPIEGEL ONLINE: Also kann jedes Land weiterhin Versprechungen machen, die nicht kontrolliert werden?

Hendricks: Wir brauchen natürlich Vergleichbarkeit, und das ist auch eine der Herausforderungen für den Pariser Gipfel, dass wir Vergleichbarkeit und Messbarkeit verabreden. Ich sage voraus, dass das gelingen wird und wir mit dem Pariser Vertrag endlich eine Grundlage bekommen, mit allen Ländern gemeinsam an einer klimaneutralen Weltwirtschaft zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Das Ziel der Weltgemeinschaft, die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, kann Wissenschaftlern zufolge nur erreicht werden, wenn es auch gelingt, CO2 in der Erde zu verklappen - aber Deutschland hat die Forschung zum sogenannten CCS so gut wie eingestellt. Ist das glaubwürdig?

Hendricks: Deutschland hat sich dagegen ausgesprochen, CCS einzusetzen bei der Stromerzeugung. Für den Energiesektor haben wir mit der Energiewende bessere Lösungen. Aber bei der industriellen Produktion könnte CCS in Deutschland eines Tages durchaus Anwendung finden, wenn man beispielsweise an die technisch nicht vermeidbaren Emissionen aus der Zementindustrie denkt.

SPIEGEL ONLINE: Um CO2 einzusparen, wollen Sie auch eine Klimaabgabe für ältere Kohlemeiler in Deutschland. Aus der CDU und von Gewerkschaften kommt jedoch Widerstand. Fürchten Sie, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dem Druck nachgibt?

Hendricks: Wir brauchen die 22 Millionen Tonnen an zusätzlichen CO2-Einsparungen in der Stromproduktion. Alle müssen ihren Beitrag für den Klimaschutz leisten, auch die Energiewirtschaft. Dabei bleibe ich. Sigmar Gabriel hat sich der Verantwortung gestellt und dazu ein kluges Konzept vorgelegt. Ich finde das sehr anerkennenswert - vor allem, wenn man sieht, wer sich in der Union alles opportunistisch dagegen stellt oder bemüht zur Seite guckt.

SPIEGEL ONLINE: Also kommt die Abgabe?

Hendricks: Wie genau die 22 Millionen Tonnen erbracht werden, kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht sicher beantworten, weil über diesen Punkt noch beraten wird. Ich bin aber weiterhin der Auffassung, dass die Klimaabgabe ein wohldurchdachter und tauglicher Vorschlag ist. Sie führt weder zu erhöhten Strompreisen, noch verschlingt sie zusätzliche Steuermittel.

SPIEGEL ONLINE: Zurück nach Elmau - wären solch kleine Klimakonferenzen wichtiger CO2-Verursacher wie der G7-Gipfel nicht vielleicht wirkungsvoller als die großen Uno-Klimakonferenzen?

Hendricks: Es gibt doch bereits ambitionierte kleine Gruppen: Die Europäische Union beispielsweise schreitet beim Klimaschutz voran mit allen 28 Mitgliedsländern. Generell ist es doch ein großer Fortschritt, dass alle Staaten miteinander verhandeln und nicht mehr nur die Industrieländer.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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weiß+blau 05.06.2015
1. man sieht schon...
...wie kapitalistisch und machtgeil es da zugeht. Hauptsache blockieren und wutbürgern;-)
mcpoel 05.06.2015
2. Welch eine Heuchelei!
Hätte man es z.B. bei einer Mineralölsteuer belassen statt eine Energiesteuer einzuführen, wären CO2 neutrale Kraftstoffe (wie z.B. gebrauchtes / nachhaltig angebautes Pflanzenöl) noch weit verbreitet. Stattdessen erfand man die Beimischungspflicht und gab alles in die Hand der Mineralölindustie!
DidiViefie 05.06.2015
3. Ach nee wie freundlich
Und der groesste Umweltsuender Amerika. Man glaubt den vagen Zusagen eines Herrn Obama. Wie schnell, wenn die Rupublikaner an die Macht kommen, das geaendert wird, koennen wir heute schon voraussehen. Aber immer schoen die anderen BOESEN in die Frontlinie schieben.NAIV und duemmlich!
disi123 05.06.2015
4. Umweltsuender
Wem soll man hier eigentlich noch glauben? Heute morgen ein Artikel zu den wahren G7 anhand des CO2 Ausstosses und nun ist Russland Umweltsuender? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/g7-gipfel-wer-heute-eigentlich-teilnehmen-muesste-a-1036759.html Demnach ist China groesster Suender, gefolgt von den USA und dann kommt ganz lange garnichts. Irgendwann tauchen dann Indien, Russland und Brasielien auf, in der Reihenfolge.
Floak 05.06.2015
5. Scheinheilig.
Solange 90% unserer Waren made in China sind, sollte man bitte Ruhe geben und aufhören sich als Umweltfreundlich hin zu stellen. Wenn man die Emissionen Chinas mal auf die "Großen" 7 umrechnet und deren Verbrauch chinesischer Waren in deren Umweltstatistik einberechnet, sieht das alles nämlich plötzlich schlagartig anders aus. Eine Umweltministerin die Deutschland Umweltziele setzt und zugleich toleriert, dass der größte Umweltsünder der Welt in Hauptsache mit der Produktion für Deutschland beschäftigt ist, ist nichts anderes als Scheinheilig und Populistisch. Da ändert es sicher nichts, wenn man Pressewirksam ein paar Phrasen drescht, die dann wie Seifenblasen blatzen und im Nirvana verschwinden.
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