Von wegen Gipfelstürmer: Gänse fliegen lieber durch Täler

Streifengänse gelten als Flugkünstler, die extreme Höhen erreichen. Die Tiere können im Gebirge über sieben Kilometer hoch fliegen - Täler sind ihnen aber lieber, berichten Forscher. Günstige Winde nutzen die Vögel kaum aus, stattdessen nehmen sie lieber einmal einen Umweg in Kauf.

Streifengans mit Küken: Zum Überwintern überfliegen die Vögel sogar den Himalaya Zur Großansicht
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Streifengans mit Küken: Zum Überwintern überfliegen die Vögel sogar den Himalaya

Streifengänse gelten als wahre Überflieger. Die Vögel brechen im Herbst von ihren Brutgebieten im Norden Chinas auf, gelegen in der Mongolei oder im tibetischen Hochland. Dabei überfliegen sie das Himalaya-Gebirge, um im warmen Indien zu überwintern. Wie ein internationales Forscherteam in den "Proceedings B" der britischen Royal Society berichtet, meiden die Vögel allerdings sehr hohe Gipfel und fliegen, wenn möglich, durch Täler. Dies widerspricht der gängigen Annahme, dass Streifengänse bei ihrem Zug keine extremen Höhen scheuen. Auch gab es Berichte, denen zufolge die Tiere auch in Höhen von über 8000 Metern anzutreffen sind.

Um die Flugrouten der Gänse zu verfolgen, statteten die Forscher um Lucy Hawkes von der britischen Universität Bangor 91 Gänse mit einem GPS-Sender aus. Bei 38 Tieren lieferten die Sender kontinuierlich Daten. Alle ein bis zwei Stunden erfassten sie die Position. Die Messdaten zeigten, dass die Gänse in 95 Prozent der Fälle unterhalb einer Höhe von 5500 Metern flogen. Höher waren sie selten unterwegs. Einsame Spitzenreiterin war eine Streifengans - diese orteten die Wissenschaftler über dem Königreich Bhutan in 7290 Metern Höhe.

Ein solcher Höhenflug ist in zweierlei Hinsicht beeindruckend: Zum einen ist die Luft dort sehr dünn und das Fliegen aufgrund des geringeres Auftriebs anstrengender. Zum anderen steigt der Sauerstoffbedarf bei größerem Kraftaufwand, wobei die Luft mit zunehmender Höhe immer weniger Sauerstoff enthält. So müssten die Gänse in einer Flughöhe von 8000 Metern 50 Prozent mehr Kraft aufbringen, um sich in der Luft zu halten. Gleichzeitig stünden 40 Prozent weniger Sauerstoff zur Verfügung, schreiben die Forscher.

Nicht vom Wind getragen

Trotz der widrigen Bedingungen lassen sich die Zugvögel bei ihrer Reise in den Süden offenbar nicht von den Windverhältnissen beeinflussen, obwohl sie durch geschicktes Ausnutzen von Luftströmungen viel Energie sparen könnten. "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass südwärts ziehende Gänse besondere Wetterverhältnisse für ihre Migration wählten", schreibt das Team, schränkt aber ein, dass die Auflösung seiner meteorologischen Daten für eine abschließende Beurteilung dieser Frage nicht hoch genug ist. Auch wählten die Vögel nicht den kürzesten Weg nach Indien, sondern flogen auf ihrer etwa 3000 Kilometer langen Route einen durchschnittlichen Umweg von 112 Kilometern. Dabei mieden sie sehr hohe Gipfel und wichen auf niedriger gelegene Täler aus.

Hinweise auf extreme Flughöhen von über 8000 Metern fanden die Forscher nicht. Immer wieder tauchen jedoch Berichte von Bergsteigern auf, die die Gänse in solch luftigen Höhen gesehen haben wollen. Für derartige Beobachtungen haben die Forscher eine gewagte Erklärung: Oft handele es sich wahrscheinlich um Fehler der Höhenmessgeräte. Denkbar sei aber auch, dass die Augenzeugen in diesen lebensfeindlichen Sphären selbst Entfernungen falsch einschätzen. "Es ist bekannt, dass große Höhen die neurologischen Fähigkeiten beeinflussen", schreiben die Wissenschaftler. Die Höhenluft habe demnach die Urteilsfähigkeit der Beobachter eingeschränkt, persönliche Schilderungen seien zum Teil spekulativ und wissenschaftlich nicht haltbar.

twn/dpa

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