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Galapagos-Riesenschildkröte: Eine neue Liebe für den "Einsamen George"

Von Cinthia Briseño

Er ist vermutlich der letzte seiner Art - jetzt soll er endlich Vater werden: Lonesome George, die berühmte Galapagos-Riesenschildkröte, bekommt zwei neue Mitbewohnerinnen im Gehege. Das ist nicht der erste Fortpflanzungsanlauf, viele Jahre lang wollte George nicht.

Riesenschildkröte George: Der letzte seiner Art Zur Großansicht
AFP/ Charles Darwin Research Station

Riesenschildkröte George: Der letzte seiner Art

George hat die Langsamkeit für sich entdeckt. Interessiert reckt er seinen schrumpeligen Hals in die Luft und blickt auf die andere Seite des kleinen Wassertümpels, wo der Tumult ist. Einen kurzen Moment scheint es, als wolle George sofort dorthineilen und nachsehen, was da vor sich geht. Dann setzt er zum ersten Schritt an. Langsam. Sehr langsam. Als wollte George sagen: "Zeit spielt für mich keine Rolle."

Es ist zu vermuten, dass George gar nicht weiß, wie schlecht es in Wahrheit um seine Art bestellt ist: Die Riesenschildkröte, die seit den siebziger Jahren in der Charles Darwin Research Station auf der Galápagos-Insel Santa Cruz lebt, könnte das allerletzte bekannte Exemplar der Unterart Chelonoidis nigra abingdoni sein. Deshalb nennen ihn die Tierpfleger "Lonesome George", "einsamer George".

Einsam soll George aber nicht sterben. Die Riesenschildkröte soll endlich Vater werden. Bisher waren die Bemühungen des Nationalparks nicht von Erfolg gekrönt - jetzt starten die Forscher auf der Station einen neuen Versuch: George bekommt Gesellschaft von zwei artverwandten Weibchen, die ihn dazu animieren sollen, sich fortzupflanzen. Das hat die Leitung der Charles-Darwin-Forschungsstation am Donnerstag verkündet.

Wochenlanges Hoffen auf die Brut

Ob es dieses Mal mit dem Nachwuchs klappen wird, kann aber keiner sagen. Seit mehr als drei Jahrzehnten versuchen die Biologen, das Reptil zur Fortpflanzung zu bewegen. Schon zweimal musste sich George das Gehege mit einer Riesenschildkrötendame teilen. 2008 und 2009 gab es die ersten Hoffnungsschimmer, als die Pfleger von den Weibchen gelegte Eier entdeckten, die anschließend in einem Brutkasten ausgebrütet wurden.

Über hundert Tage lang hofften die Biologen, dass kleine Riesenschildkröten aus ihnen schlüpfen würden. Dann aber stellte sich heraus, dass die Eier keine lebensfähigen Nachkommen in sich trugen.

Neue Liebe, neues Glück? Bei Georges ehemaligen Mitbewohnerinnen handelte es sich jeweils um Exemplare der Unterart Chelonoidis nigra becki. Die Forscher hoffen nun, dass eine andere Unterart der Galapagos-Riesenschildkröte, Chelonoidis nigra hoodensis, möglicherweise doch die bessere Wahl sein könnte.

Die beiden Riesenschildkrötendamen sind inzwischen auf der Galápagos-Insel Santa Cruz angekommen. Zuvor lebten sie einige Kilometer weiter auf der Insel Española. Den neuesten Erkenntnissen der Forscher zufolge ist diese Unterart genetisch näher mit Chelonoidis nigra abingdoni verwandt. Die Damen könnten also "viel kompatibler" sein und lieferten eine "größere Wahrscheinlichkeit für lebensfähigen Nachwuchs", hieß es in einer Erklärung des Nationalparks.

Keine Lust auf Streicheleinheiten

Bis die ersten Erfolge zu vermelden sein könnten, werden aber unter Umständen noch einige Jahre vergehen: Zunächst hatte George viele Jahre lang keinerlei Anzeichen für ein Fortpflanzungsverhalten gezeigt - und sich sogar teilweise sehr aggressiv gegenüber seinen Begleiterinnen verhalten. Die Forscher rätselten über das Warum: Weiß George schlichtweg nicht, wie er mit Frauen umzugehen hat? Ist er möglicherweise sogar schwul? Angeblich soll das Riesenreptil selbst auf eine spezielle "Streichelpraxis" ziemlich ungerührt reagiert haben, die andere Schildkröten in kürzester Zeit zum Orgasmus bringt.

Die Wende kam erst vor wenigen Jahren: Plötzlich tat George doch, was männliche Tiere oft tun, und wuchtete sich auf den Panzer einer seiner Gespielinnen. Allerdings ist diese langsame Entwicklung des Verhaltens nicht unbedingt verwunderlich. Schließlich gehört George zu den Methusalem-Tieren und kann sich für die einzelnen Lebensabschnitte viel Zeit lassen: Mindestens 60 Jahre ist er alt. Vielleicht aber auch 90. Genau weiß das keiner. Und wenn er nicht vergiftet, von einem Auto überfahren oder schwer krank wird, frisst er auch noch in 80 Jahren frische Blätter.

Viele Schildkröten verweigern stur das Altern. Fast als ob sie die Fähigkeit besäßen, das Ticken ihrer inneren Uhr zu stoppen. Angeblich lebte das Seychellen- Riesenschildkrötenmännchen Adwaitya, der Einzige, wie sie es nannten, gute 250 Jahre, bevor es im März 2006 im Zoo von Kalkutta an einer Infektion starb.

Britische Seefahrer hatten Adwaitya in das koloniale Indien gebracht. Seit 1875 befand er sich im Zoo, so ist es in den Unterlagen nachzulesen. Damals herrschte Königin Victoria über das Empire, Bayerns König Ludwig II. ließ gerade Schloss Linderhof erbauen. Und ein Mensch hatte eine Lebenserwartung von nicht mal 40 Jahren.

George aber ist jetzt in seinem "besten Alter". Und er wird es auch noch einige Zeit sein. Selbst wenn jetzt wieder nichts aus dem Nachwuchs wird, die Forscher können noch einige Jahre lang hoffen. Sollte die Aufzucht eines Tages doch von Erfolg gekrönt sein, könnte das die Rettung für Chelonoidis nigra abingdoni bedeuten. Zwar handelt es sich bei den Nachkommen dann zunächst nicht um reinrassige Exemplare. Aber über verschiedene Linien könnte man versuchen, reinrassige Nachfahren des Einsamen George zu züchten, hoffen die Forscher.

Allerdings benötigt man in etwa vier Generationen, um wieder annähernd reinrassige Tiere einer Art zu haben. In Riesenschildkröten-Zeitmaßstäben könnte das also noch ein kleines Weilchen dauern.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Vielleicht bringt's ja was fuer die Forschung.
own_brain_user 21.01.2011
In Hinblick auf Oekologie, Biodiversitaet etc. waere der Aufwand allerdings nicht wirklich zu vertreten. Wenn es von der Art nur noch ein Tier gibt, dann ist sie praktisch schon ausgestorben. Kreuzungen mit anderen Arten sind eben Kreuzungen. Deren Nachkommen, malt man sich man das angedeutete Zuchtprogramm aus sind auch zunaechst Kreuzungen und dann noch mit Inzuchtrisiken belastet. Hoechstens DNA von anderen Exemplaren koennte vielleicht noch helfen. Aber - wozu das ganze? Einzig den Forscherdrang koennte ich noch nachvollziehen. Eine erfolgreich ausgewilderte Riesenschildkroete dieser Art werden wohl die naechsten zehn Menschengenerationen und wahrscheinlich auch alle danach nicht erleben.
2. Endlich mal was Positives!
maipiu 21.01.2011
Wo kann man sich in die Liste derer eintragen, die eine Patenschaft übernehmen? Falls ich noch ein paar Jährchen lebe, würde ich gerne Pate von Georges Kinderchen werden. Und wie bringt man Schildkröten zum Orgasmus? Das alles würde mich doch sehr sehr interessieren. Alles Gute George!
3. Super...
egils 21.01.2011
..."Go Georgie!"...wir sollten alles tum n as möglicvh ist. Nicht fuer die Wissenschaft, nicht um irgendetwas zu lernen, sondern einfach weil es möglich ist, und man etwas "menscheln" darf bei solch einer Raritaet wie George.
4. Ich wünsche..
johannesdoe 21.01.2011
..George einfach viel Glück. Alleine sollte keiner sein, schon gar nicht, wenn er der letzte seiner Art ist. Vielleicht bringen die Mädels ja ein bisschen Stimmung in seine Junggesellenbude ;-) Und ich schließe mich dem "Go George!" mal an :-)
5. Hagestolz
spiegel-hai 21.01.2011
Zitat von sysopEr ist vermutlich der letzte seiner Art - jetzt soll er endlich Vater werden: Lonesome George, die berühmte Galapagos-Riesenschildkröte, bekommt zwei neue Mitbewohnerinnen im Gehege. Das ist nicht der erste Fortpflanzungs-Anlauf, viele Jahre lang wollte George nicht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,740778,00.html
ach was, das ist einfach ein alter Hagestolz, der Weiber nur ungern zur Kenntnis nimmt und dem Kinder zuviel Krach machen ;-)
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