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Knochensplitter

Raubsaurier T-Rex Forscher lösen Biss-Rätsel

Beisskraft-Studie: Der Biss des T-rex Fotos
Stephan Lautenschlager/ University of Bristol

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Raubsaurier Tyrannosaurus rex verbreitete Schrecken: Sein Biss hatte die Kraft von rund 5800 Kilogramm pro Quadratzentimeter. Forscher können die Gewalt nun erklären.

Wenn man ein Gummi oder eine Bogensehne spannt, dann wächst deren Widerstand kontinuierlich an, bis kurz vor dem Punkt, an dem sie reißt.

Bei Muskeln ist das etwas anders: Natürlich können auch sie reißen. Doch ihr Wirkungsoptimum ist deutlich "mittiger" verortet als bei einem Gummiband. Sie funktionieren - auch abhängig von den Punkten, an denen sie im Kieferapparat ansetzen - nur innerhalb einer definierten Spannbreite optimal und entfalten ihre größtmögliche Kraft.

Bei Krokodilen und Vögeln - beide näher mit Dinosauriern verwandt als beispielsweise wir - liegt dieses Optimum bei einem Dehnungsgrad zwischen 100 und 130 Prozent. Unter- oder überspannt nimmt ihre Kraft deutlich ab, bei Dehnungen über 170 Prozent beginnen sie zu reißen.

Wenn man also über die Kraft redet, mit der ein Tier zubeißen kann, muss man schon genau hinsehen: In welchem Winkel steht der Kiefer, wenn er seine größte Beißkraft entfaltet? Das ist keine triviale Frage, weil die Antwort Rückschlüsse auf die Ernährungsweise und damit das Verhalten des untersuchten Tieres zulässt.

Man weiß, dass der Biss des Tyrannosaurus rex zumindest unter Landtieren wohl seinesgleichen suchte. Kräftiger als T-rex (Beißkraft: bis zu 57 Kilonewton pro Quadratzentimeter) bissen wohl nur das Riesenkrokodil Deinosuchus (Beißkraft: geschätzt 102 Kilonewton) und der Riesenhai Megalodon (Beißkraft: 176 Kilonewton) zu. Zum Vergleich: Ein Weißer Hai schlägt seine Zähne heute mit rund 17 Kilonewton in die Beute - beängstigend, aber eben nur etwa ein Drittel so stark wie der Biss des T-rex.

Biss in die Flanke

Aber Kraft allein ist ja nicht alles. Es kommt auch darauf an, wofür sie eingesetzt wird. Die Frage, ob ein mächtiger Kiefer mit Vorliebe in flache Muscheln beißt oder in die Flanke einer großen Beute ist spätestens dann relevant, wenn man keine Muschel ist. Ein gigantischer Nuss-, Muschel- oder Knockenknacker - lange Zeit wurde gemutmaßt, dass T-rex möglicherweise "nur" ein Aasfresser war - war wohl zu jeder Zeit weniger beängstigend als eine agile, sieben Tonnen schwere Fressmaschine, die potenziell alles zerpflücken konnte.

Solchen Fragen ging Stephan Lautenschlager von der Uni Bristol in einer aktuellen Studie nach, die nun auf der Open-Access-Plattform "Royal Society Open Science" erschien. Er verglich den Kieferapparat dreier Theropoden auf Basis der rekonstruierten Muskelansätze und wollte wissen, bei welchen Kieferstellungen diese Raubsaurier mit Macht zubeißen konnten.

Den T-rex im Blick zog er zum Vergleich den erheblich grazileren Allosaurus fragilis sowie Erlikosaurus andrewsi heran, einen wahrscheinlich pflanzenfressenden Theropoden. Entsprechend klein fiel bei diesem sowohl der größtmögliche Öffnungswinkel des Kiefers aus, als auch der Schließwinkel, in dem Erlikosaurus seine größte Bisskraft entfaltete.

Optimaler Winkel

Anders das Bild bei den beiden fleischfressenden Raubsauriern. Der etwas kleinere und deutlich leichter gebaute Allosaurus (geschätzt: rund zwei Tonnen) konnte sein Maul demnach fast schlangenhaft weit aufreißen.

Der größere T-rex (maximal rund sieben Tonnen) brauchte das womöglich nicht im gleichen Maße: Sein Schädel war bis zu 1,5 Meter lang und damit rund ein Drittel länger als der von Allosaurus. Selbst der leicht kleinere Öffnungswinkel hätte es T-rex ermöglicht, sein Gebiss in größere Beute zu schlagen.

Ansonsten zeigt Lautenschlagers Studie aber vor allem eine interessante Parallele. Bei beiden Raubsauriern entfalten die Kiefermuskeln ihre größte Kraft bei einem Schließwinkel von etwa 30 Grad.

Man muss sich das wohl als den optimalen Halte- oder Reißpunkt vorstellen: Die Zähne waren in dieser Position tief ins Fleisch des Beutetieres geschlagen, und der Kiefer war so fest geschlossen wie der sprichwörtliche Schraubstock. Der Druck, mit dem das geschah, entsprach beim T-rex bis zu 5812 Kilogramm.

Was den T-rex aber vor allem auszeichnete, war die ungewöhnlich große Spannbreite, in der er mit enormer Kraft zubeißen konnte. Keine Frage: Dieses Tier hatte kein Problem damit, auch riesige Beutetiere anzugreifen.

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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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