Gefährdete Eisbären: Forscher berichten von massivem Eisschwund

Dramatische Berichte aus der Arktis: Das Eis im Nordpolarmeer ist nach Angaben eines kanadischen Forschers an vielen Stellen so dünn geworden, dass es die Eisbären nicht mehr trägt. Andere Wissenschaftler berichten, dass ausgewachsene Bären vermehrt Jungtiere zerfleischen.

Eisbär (2008): "Je weiter wir nach Norden kamen, desto weniger Eisbären gab es" Zur Großansicht
dpa

Eisbär (2008): "Je weiter wir nach Norden kamen, desto weniger Eisbären gab es"

Winnipeg - Satellitenbilder sind eine wichtige Quelle, wenn man sich für den Zustand des Meereises in der Arktis interessiert. Doch die fliegenden Späher aus dem All liefern normalerweise nur Angaben zur Ausdehnung der weißen Fläche. Informationen zur Dicke sind nicht ohne weiteres zu erhalten - auch wenn sich die Lage mit dem bevorstehenden Start des Esa-Satelliten "Cryosat 2" etwas verbessern soll.

Und so tut man gut daran, sich Berichte von Forschern anzuhören, die in der Arktis unterwegs sind, wenn man etwas über die Veränderungen in dem Gebiet erfahren will. Sie liefern vielleicht nicht immer einen globalen Blick, zeigen aber schlaglichtartig, wohin die Reise in der immer wärmer werdenden Arktis geht. Nun macht der kanadische Forscher David Barber von der University of Manitoba mit einer dramatischen Schilderung Schlagzeilen. Er ist gerade von einer Expedition in die Beaufortsee zurückgekehrt.

Und Barber berichtet, dass an vielen Stellen der Arktis das Eis mittlerweile so dünn sei, dass der Lebensraum der Eisbären massiv gefährdet ist. Das dicke, mehrjährige Eis sei einer dünnen Eisschicht gewichen. Sie trage die Eisbären aber nicht, sagte Barber. Die Tiere könnten nur noch in einem kleinen Bereich leben, in dem es das mehrjährige Eis weiterhin gibt. "Je weiter wir nach Norden kamen, desto weniger Eisbären gab es", so der Forscher.

Quadratkilometer von mehrjährigem Eis binnen Minuten zerbrochen

Die genaue Zahl der Eisbären auf der Erde kennt niemand, ihre Population wird auf 25.000 geschätzt - maximal. Genaue Zahlen sind schwer zu beschaffen, weil Bestandsaufnahmen in den unwirtlichen Habitaten kaum durchzuführen sind. Daten der Weltnaturschutzunion IUCN und der Umweltstiftung WWF legen nahe, dass rund um den Pol immer mehr Eisbärpopulationen schrumpfen.

Im Jahr 2005 seien die Bestandszahlen von fünf Populationen rückläufig gewesen, hatte der WWF im Juli erklärt. Innerhalb von nicht einmal vier Jahren habe sich diese Zahl mittlerweile auf acht erhöht. Damit würden zwei Drittel der zwölf wissenschaftlich untersuchten Eisbärbestände schrumpfen.

Bei der Eisausdehnung in der Arktis wurde in diesem Jahr der drittniedrigste Stand seit Beginn der Satellitenbeobachtungen im Jahr 1979 registriert - und offenbar hat der Sommer dafür gesorgt, dass die Schollen weiter an Dicke verloren haben. Forscher Barber sagte, das normalerweise bis zu zehn Meter dicke Eis sei von seinem Forschungsschiff mühelos durchbrochen worden. An einer bestimmten Stelle der Reise habe das Team einen Punkt erreicht, an dem alle gedacht hätten, dass das Eis stabil sei. Gerade als eine Gruppe aussteigen wollte, sei es aber auseinandergebrochen: "Ich konnte zusehen, wie innerhalb von fünf Minuten das ganze mehrjährige Eis auseinanderbrach. Das Gebiet war rund 16 Quadratkilometer groß."

Das Eis könne auch nicht mehr den rauen Wellen und Stürmen widerstehen. Früher habe mehrjähriges Eis bis zu 90 Prozent des Nordpolarmeeres bedeckt, erklärte Barber. Jetzt seien es noch 17 Prozent. Wo es früher zehn Meter dick war, sind es jetzt noch höchstens zwei Meter.

Andere Forscher berichteten, das zurückgehende Eis zwinge Eisbären offenbar vermehrt, Jungtiere anzugreifen und zu fressen. In mindestens sieben Fällen sei in der Nähe von Churchill in der kanadischen Provinz Manitoba beobachtet worden, wie erwachsene Eisbären Jungtiere gefressen hätten, erklärte der Biologe Ian Stirling vom Canadian Wildlife Service. Es gebe Hinweise, dass die Tiere nicht getötet worden seien, weil sich die erwachsenen Eisbären mit der Mutter paaren wollten. Das Eis in der Hudson Bay, von dem aus die Eisbären Robben jagten, sei einige Wochen später als sonst gekommen, sagte Stirling weiter.

chs/AP

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Arktisches Monopoly
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Arktis: Tauwetter im hohen Norden