Gefährliche Kohlenstoffe Turbo fürs Treibhaus

In den Böden der Arktis ist einer neuen Studie zufolge viel mehr Kohlenstoff gespeichert als vermutet. Durch die globale Erwärmung könnte daraus schnell weiteres Treibhausgas werden. Beim Klimagipfel in Montreal gab es massive Kritik an der Verweigerungshaltung der USA.


Eine Studie sorgte diese Woche bei Jahrestagung der American Geophysical Union (AGU) für besondere Beunruhigung. Nach Ergebnissen von Jennifer Horwath von der University of Washington enthält der Boden der Arktis viel mehr Kohlenstoff, als man bislang annahm. Wenn der Permafrostboden durch den Klimawandel auftaut, wird dieser Kohlenstoff nach und nach freigesetzt - und befeuert somit den Klimawandel noch mehr.

Satellitenbild der Arktis: Gletscher schmelzen, Kohlenstoff droht frei zu werden. Die gelbe Linie zeigt die Eis-Konzentration im September 1979
AFP

Satellitenbild der Arktis: Gletscher schmelzen, Kohlenstoff droht frei zu werden. Die gelbe Linie zeigt die Eis-Konzentration im September 1979

Horwath spricht von einer Kohlenstoffkonzentration in der polaren Wüstenregion, die 125 Mal höher liegt als bislang vermutet. Insgesamt schätzt sie die Menge in der arktischen Wüste und Halbwüste auf fast 11 Milliarden Tonnen. Zum Vergleich: Großbritannien etwa spart seit 1990 durch Klimaschutzmaßnahmen pro Jahr 12,7 Millionen Tonnen emittiertes Kohlendioxid ein.

In den meisten Böden zersetzen Mikroorganismen organisches Material, wandeln es in Mineralien um - und setzen dabei Kohlenstoff frei. Weltweit speichert die Erde etwa 300 Mal so viel davon, wie pro Jahr durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt wird. Howarth sagte: "Wir wissen bereits, dass sich das Klima in der Arktis erwärmt, und unterdessen nimmt die Tiefe des Permafrostes ab. So wird mehr Kohlenstoff aktiv und kann sich in Kohlendioxid umwandeln, das in der Atmosphäre am stärksten vertretene Treibhausgas."

Unbeeindruckte USA verweigern sich weiter

Die USA ließen sich durch solche und andere Forschungsergebnisse wie üblich nicht aus der Ruhe bringen, Klimaschutzvereinbarungen lehnen sie weiterhin ab. "Wir sind der Meinung, dass solche formalen Gespräche nichts bringen", sagte die amerikanische Delegationsleiterin bei der Uno-Klimakonferenz in Montreal, Paula Dobriansky. Zuvor hatte der kanadische Ministerpräsident Paul Martin die US-Regierung aufgefordert, sich endlich dem Kyoto-Protokoll anzuschließen. Eine Einigung bei einem der Hauptthemen - verbindliche Werte zur Verringerung der Treibhausgase über 2012 hinaus - war damit auch in der Schlussphase der Konferenz nicht in Sicht.

Von verschiedenen Seiten wurden die USA mehr oder weniger direkt für ihre Haltung kritisiert. Der kanadische Regierungschef Paul Martin sagte: "Allen Ländern, die noch zögern, einschließlich der USA, will ich eines sagen: Es gibt ein Weltgewissen, und es wird Zeit, darauf zu hören." Der französische Präsident Jacques Chirac sagte in einer Videobotschaft: "Der Klimawandel ist zu einer brutalen und drängenden Realität geworden." Er sei "die größte Bedrohung" für die Zukunft der Menschheit. "Verheerende Naturkatastrophen, Konflikte um Energie-Ressourcen, Klimaflüchtlinge... die Rechnung könnte schnell zu hoch werden", sagte Chirac. "Was wir in unseren Händen haben, ist die Zukunft unseres Planeten."

Feste Ziele abgelehnt

EU-Umweltkommissar Stavros Dimas erläuterte vor dem Plenum, die 25 derzeitigen EU-Mitglieder könnten von 1990 bis 2010 ihre CO2-Emissionen um 11,3 Prozent reduzieren, die 15 alten EU-Staaten um 9,3 Prozent. Es sei nun wichtig, den nächsten Schritt im Kyoto-Prozess zu tun. Die USA hingegen wollen sich nur auf freiwillige, zwischen einzelnen Staaten vereinbarte Klimaschutzprojekte einlassen. Feste Ziele lehnen sie ab.

Der kanadische Umweltminister Stephane Dion hoffte dennoch auf einen Kompromiss. Mehrere Gespräche seien "offen und produktiv verlaufen", sagte Dion. Noch immer könne eine Formulierung gefunden werden, wie auch die USA von einer Beteiligung überzeugt werden könnten. Mit der Ministerrunde, an der 120 Fachminister aus aller Welt teilnahmen, ging die Weltklimakonferenz gestern in ihre Schlussphase.

Gletscherschmelze schreitet schnell voran

Während in Montreal Umweltminister über die Erderwärmung diskutieren, stellen Experten in den USA alarmierende Fakten vor: Zwei der größten Gletscher Grönlands schmelzen mit beunruhigender Geschwindigkeit, zwei bis drei Mal so schnell wie noch vor vier Jahren. Grund dafür sei höchstwahrscheinlich der globale Klimawandel, erklärten Wissenschaftler auf der Jahrestagung der American Geophysical Union (AGU) am Mittwoch in San Francisco.

Die Fließgeschwindigkeit beispielsweise des Kangerdlugssuaq in Grönland habe sich seit 2001 verdreifacht, teilte Gordon Hamilton vom Institut für Klimawandel an der University of Maine mit. Auch in Nordamerika schmilzt ein Gletscher besonders rasch: Der Columbia-Gletscher in Alaska, etwa so groß wie die Metropole Los Angeles, ist seit den 1980er Jahren um 15 Kilometer geschrumpft. Mit dem Klimawandel allein sei das Abschmelzen des Columbia-Gletschers und anderer Gletscher allerdings nicht zu erklären, betonte Tad Pfeffer von der University of Colorado.

Forscher gehen vielmehr davon aus, dass dieser Vorgang mit einer Wärmeperiode zusammenhängt, die bereits vor fünf Jahrhunderten langsam eingesetzt hat. Entscheidend für das Abschmelzen des Columbia-Gletschers ist Pfeffer zufolge vermutlich der Druck des Meerwassers, der riesige Eisbrocken von dem Gletscher abbrechen lässt. An einigen Stellen hat der Gletscher bereits einen Großteil seiner ursprünglichen Mächtigkeit von 915 Metern eingebüßt und misst nur noch 390 Meter.

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.