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Gefährliche Zersetzungsprodukte: Plastikmüll flutet Ozeane mit Gift

In riesigen Wirbeln treibt Kunststoffschrott in den Weltmeeren. Wie viel Plastik täglich in die Ozeane gelangt, kann niemand genau sagen. Japanische Forscher haben jetzt herausgefunden, dass der Abfall giftige Substanzen freisetzt, die zum Teil auch im Verdacht stehen, Krebs zu verursachen.

Plastikmüll am Strand in Hongkong: Gefährliche Substanzen werden bei Zersetzung frei Zur Großansicht
dpa

Plastikmüll am Strand in Hongkong: Gefährliche Substanzen werden bei Zersetzung frei

Washington - Die Weltmeere vermüllen. Allein im Nordpazifik treibt mittlerweile Plastikabfall auf einer Fläche, die größer ist als Mitteleuropa. Bisher glaubten Forscher, dass sich der Kunststoff nur sehr langsam zersetzt, denn immer wieder fanden sich auf hoher See Plastikteile, deren Geschichte sich jahrzehntelang zurückverfolgen ließ. Doch der Glaube an die chemische Stabilität des schwimmenden Unrats ist falsch, sagen japanische Wissenschaftler nun: Plastikmüll, so argumentieren sie, wird im Meer schon bei niedrigen Temperaturen teilweise abgebaut.

Doch was wie eine gute Nachricht klingen könnte, ist genau das Gegenteil davon: Durch Umwelteinflüsse wie Regen oder Sonne entlassen die Plastikteile gefährliche Chemikalien in die Ozeane. Dort werden die Substanzen von Meereslebewesen aufgenommen, sie reichern sich in der Nahrungskette an und beeinflussen den Hormonaushalt vieler Arten, deren Fortpflanzung in der Folge durcheinander gerät.

Forscher um den Chemiker Katsuhiko Saido von der Nihon-Universität in Chiba präsentierten auf einem Treffen der American Chemical Society in Washington nun Belege dafür, dass der Abbauprozess der Kunststoffe - entgegen bisheriger Expertenmeinungen - schon weniger als ein Jahr nach dem Auftauchen des Mülls im Meer beginnt. Dabei würde unter anderem die Substanz Bisphenol A frei, die im Verdacht steht, gesundheits- und erbgutschädigend zu sein. Und die häufig vorkommenden Polystyrol-Abfälle setzen verschiedene giftige Styrol-Verbindungen frei. Sie stehen im Verdacht, Krebs zu verursachen.

150.000 Tonnen Müll pro Jahr allein in Japan

Um den Ablauf dieser Prozesse zu erforschen, entwickelte Saidos Team eine neue Methode, die den Abbau von Plastikprodukten bei niedrigen Temperaturen simulieren kann. Ihre Ergebnisse deckten sich sehr genau mit den im Meer gemessenen Konzentrationen der untersuchten Schadstoffe. Die Gifte, über deren Ursprung bisher nur spekuliert werden konnte, stammen also vom Plastikmüll, zumal sie in der Natur ohne menschliches Zutun nirgends vorkommen.

Bisher gingen Ökologen davon aus, dass der Müll für Tiere vor allem ein Problem darstellt, wenn sie sich in ihm verfangen und ersticken, oder wenn sie ihn fressen. In vielen sezierten Wildtieren finden sich unverdauliche Plastikteile. Da der Kunststoff im Alltag aber sehr robust ist, gingen Forscher davon aus, dass er auch im Meer stabil bleibt und wenn, dann erst nach langer Zeit chemisch abgebaut wird. Doch das scheint nicht zu stimmen.

Wie viel Plastik täglich in die Weltmeere gelangt, kann niemand genau sagen. Saido schätzt die Menge, die allein in Japan pro Jahr angespült wird, auf 150.000 Tonnen. Das Problem würde selbst dann nicht aus der Welt geschafft, wenn ab sofort kein Plastik mehr produziert würde. Diese neue Quelle globaler Verschmutzung werde vielmehr noch lange bestehen, erklärt Saido.

Und momentan ist weder ein Stopp der Verschmutzung, noch eine Methode, die Schadstoffe zu sammeln oder aus dem Wasser zu filtern, in Sicht.

chs/ddp

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