Gefahr im Gehölz Wild, Bauern und Feuer bedrohen deutsche Wälder

Agrarminister Horst Seehofer will den alljährlichen Waldzustandsbericht abschaffen. Kritiker schimpfen: Die Walddaten-Sammlung sei wertvoller denn je - als Hilfsmittel beim dringend notwendigen Umbau des deutschen Waldes. Denn die Forste werden von Bränden und Wild bedroht.

Von Jochen Bölsche


Rudolf Fenner ist Waldreferent der Naturschutz-Organisation "Robin Wood". Wenn er an Landwirtschaftsminister Horst Seehofer denkt, kommt ihm ein bekloppter Doktor in den Sinn.

"Welcher Arzt", fragt Waldschützer Fenner, "käme auf die Idee, das Messen der Fiebertemperaturen einzustellen, wenn es dem Patienten am schlechtesten geht?"

Agrarminister Seehofer verhehlt nicht, dass er am liebsten darauf verzichten würde, weiterhin einmal pro Jahr jenen Waldzustandsbericht vorzulegen, der bereits seit 1983 – zunächst unter dem Namen "Waldschadensbericht" - erhoben wird. Ein Bericht alle vier Jahre genüge, findet Seehofer.

Der Dank des Bauernverbandes wäre dem CSU-Politiker gewiss. Denn der Waldzustandsbericht erhellt von Jahr zu Jahr deutlicher die Mitverantwortung der Landwirtschaft an der Luftbelastung durch Stickoxide aus Düngemitteln und Massentierhaltung - und damit den Anteil der Agrarindustrie an der Schädigung der Wälder.

Der Bauern-Lobby zuliebe wolle Seehofer, so argwöhnt Waldschützer Fenner, "den sterbenden Wald nun auch noch totschweigen". Die Rolle der Intensiv-Landwirtschaft nur noch einmal pro Legislaturperiode darzutun, meint auch Thomas Norgall vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), sei ein "massiver Versuch, die Aufmerksamkeit von dem Thema wegzulenken".

Bauern belasten Wald stärker als Dreckschleudern von einst

Tatsächlich belasten die landwirtschaftlichen Emissionen den Wald mittlerweile mehr als die schwefelhaltigen Kraftwerkabgase von einst; der Ausstoß von Schwefeldioxid ist seit den Achtzigern radikal reduziert worden.

Nie war er so wertvoll wie heute – so urteilen nicht nur Waldforscher, sondern auch die Forstbesitzer über den Waldbericht. Denn die feingerasterte, flächendeckende und jährlich aktualisierte Datensammlung über den Zustand der Bäume sei ein unverzichtbares Hilfsmittel, um den vom Klimawandel erzwungenen Waldumbau – weg von der hochsensiblen Fichte – richtig zu steuern.

Es gebe nun einmal nicht den Idealbaum, der allerorten die Fichte ersetzen könne, argumentieren die Seehofer-Kritiker. Die Auswahl der jeweils standortgerechten Baumarten aber setze intensive Kenntnisse voraus.

Daher müsse der Waldbericht eher noch erweitert werden, über die Erfassung der Kronenbelaubung hinaus etwa auf den Bodenzustand, fordert Hubert Weiger vom bayrischen Bund Naturschutz. Eine Abschaffung des Jahresberichts, fürchtet auch der Waldbesitzerverband, würde die "Reaktionsfähigkeit auf den Waldzustand verringern".

Begonnen hat der große Waldumbau, laut Umweltbundesamt die "nationale Aufgabe" der Zukunft, beispielsweise nördlich von Berlin. Dort waren die armen, drögen Streusandböden des nordostdeutschen Tieflandes einst mit Kiefern aufgeforstet worden. In Brandenburg, dessen Wälder ohne Zutun des Menschen nur zu sieben Prozent aus Kiefern bestehen würden, machen die Bestände dieser Koniferenart weit mehr als 70 Prozent der Forstfläche aus.



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