Gefräßige Krustentiere: Der Antarktis droht die Königskrabben-Invasion

Biologen haben eine riesige Ansammlung von Königskrabben in der antarktischen Tiefsee entdeckt. Steigende Wassertemperaturen ermöglichten wohl das  Vordringen der räuberischen Krustentiere - mit verheerenden Folgen für das Ökosystem.

Königskrabben: Mehr als eine Million Tiere in antarktischen Gewässern entdeckt Zur Großansicht
Ghent University/ Katrien Heirman

Königskrabben: Mehr als eine Million Tiere in antarktischen Gewässern entdeckt

Hamburg - Königskrabben und andere Räuber, die Gehäuse und Panzer ihrer Beute knacken können, gibt es in den Meeren rund um die Antarktis nur in großer Tiefe. Der gesamte Festlandsockel des Eiskontinents ist frei von diesen Tieren, und das wahrscheinlich schon seit mindestens 14 Millionen Jahren. Der Grund dafür ist unter anderem die Wassertemperatur: Sie ist in flacheren Gewässern der Antarktis besonders niedrig, in den Tiefen dagegen für Krabben noch erträglich.

Nun aber erwärmt sich auch der Ozean um die Antarktis langsam, um etwa ein Zehntelgrad pro Jahrzehnt. Das scheint den Krabben zu nutzen: Ein internationales Forscherteam hat Königskrabben höher als jemals zuvor auf den Flanken des Kontinentalsockels beobachtet. Es handelt sich dabei anscheinend um eine große, stabile Population der Tiere in einer Senke innerhalb des Schelfs. Die Krabben haben also bereits die erste Kältebarriere überwunden und sich nahe der Antarktischen Halbinsel festgesetzt, berichtet Craig Smith von der University of Hawaii im Fachmagazin "Proceedings B" der britischen Royal Society.

Smith und seine Mitarbeiter untersuchten mittels eines ferngesteuerten Unterwasserroboters die bis zu 1440 Meter tiefe Palmer-Senke, eine Vertiefung innerhalb des Festlandsockels westlich der Antarktischen Halbinsel. Bei den Kamerafahrten entdeckten sie zahlreiche große Königskrabben, darunter trächtige Weibchen. Die genetische Untersuchung eines Exemplars zeigte, dass es sich um die Art Neolithodes yaldwini handelte, die man bisher nur aus großen Tiefen der Ross-See kannte.

Mehr als 1,5 Millionen Königskrabben in der Palmer-Senke

Den Berechnungen zufolge leben auf dem Boden der Senke etwa 10.600 Tiere pro Quadratkilometer. Das ist eine größere Dichte als die der kommerziell genutzten Kamtschatka-Krabben vor Alaska, berichten die Forscher. In der Palmer-Senke leben demnach mehr als 1,5 Millionen Königskrabben. Ein erwachsenes Exemplar der Art N. yaldwini wiegt etwa ein Pfund.

Überall auf dem Sediment in der Tiefe sahen die Forscher Spuren, die die großen Krebse mit ihren Beinen und Zangen hinterlassen hatten. Zum Teil habe der weiche Sedimentboden regelrecht durchpflügt gewirkt. Die Krabbeninvasion beeinträchtige die restliche Fauna: Die Vielfalt der Meerestiere in der Palmer-Senke sei deutlich geringer als an der Flanke des Kontinentalsockels, wo es noch keine Königskrabben gebe. Auf Steinen und dem Sediment der Senke lebten fast nur noch Schwämme und Seeanemonen, aber nur wenige Würmer und keine Seesterne oder Seeigel, eine bevorzugte Nahrung der Krabben.

Die Größe dieser Population bedeutet nach Meinung der Forscher, dass die Tiere schon seit längerer Zeit die Kältebarriere überwunden haben müssen, die die Senke umgibt - wahrscheinlich innerhalb der vergangenen 50 Jahre. Da nur geringe Temperaturunterschiede die Tiere bisher vom kalten Schelfbereich zurückgehalten haben, bedeute dies, dass eine zunehmende Erwärmung der Ozeane rund um die Antarktis diese letzten Barrieren immer durchlässiger machen könnte.

Die Krabbenpopulation in der Palmer-Senke könnte damit erst ein Vorgeschmack auf eine folgendreiche Krabbeninvasion der kalten Antarktisgewässer sein, vermuten die Forscher. Anzeichen dafür hatten Experten bereits entdeckt. In anderen Meeresregionen droht die gleiche Gefahr. Vor Norwegen etwa breiten sich die besonders großen Kamschatka-Krabben (Paralithodes camtschatica) aus.

wbr/dpa

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