Blei im Aas Warum in Afrika so viele Geier sterben

Auf Geier schießen Großwildjäger eigentlich nicht. Doch ihre Munition hat tödliche Nebenwirkungen.

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Die Großwildjagd ist weltweit umstritten - nicht nur in afrikanischen Ländern. Es handele sich dabei um ein blutrünstiges Vergnügen für wohlhabende Menschen aus reichen Staaten, sagen die Kritiker. Die Jäger dagegen argumentieren mit der Regulierung der Arten, die durch den Abschuss von Großwild erzielt werde. Und nebenbei finanziere der Jagdtourismus Nationalparks und andere Schutzgebiete samt Arbeitsplätzen.

Doch welche schädlichen Nebenwirkungen die Jagd in Afrikas Steppen und Savannen haben kann, bestätigen nun Forscher in einer neuen Studie. Sie zeigt, wie eine stark gefährdete Geierart, die selbst gar nicht das Jagdziel ist, unter den Folgen leidet. Denn mit Blei angereicherte Munition setzt sich in geschossenen Kadavern ab, die die Geier fressen - und vergiftet so die Tiere.

Die Untersuchung führten die Wissenschaftler in Botswana an Weißrückengeiern (Gyps africanus) durch, die Tiere sind seit 2016 auf der Roten Liste gefährdeter Arten als vom Aussterben bedroht eingestuft. Das Blut von einem Drittel der gut 560 untersuchten Tiere aus verschiedenen Landesteilen weise einen erhöhten Gehalt des Nervengifts Blei auf, schrieb das Team der Universität Kapstadt im Magazin "Science of the Total Environment".

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Gefährdete Greifvögel: Diagnose Bleivergiftung

Den Forschern zufolge gelangt das gefährliche Blei "höchstwahrscheinlich" in den Blutkreislauf der Raubvögel, wenn diese von Jägern angeschossenes oder erlegtes Aas fressen. Während der Jagdsaison und in der Nähe von Jagdgebieten seien bei Geiern in den vier Jahren des Untersuchungszeitraums besonders hohe Bleiwerte festgestellt worden. Die Munition sei daher die "einzig logische Erklärung" für die Bleivergiftungen, schrieb die Leitautorin der Studie, Beckie Garbett. Wenn ein Tier mit Bleimunition getroffen wird, können sich deren Fragmente demnach im ganzen Körper verteilen. Wildreservate, die Trophäenjagd erlauben, lassen die Kadaver oft für die Geier liegen.

"Wir waren alle schockiert, festzustellen, wie weit verbreitet Bleivergiftungen waren und wie klar diese erhöhten Werte mit der Jagd in Verbindung stehen", erklärte Arjun Amar, Professor für Vogelkunde von der Universität Kapstadt. Bleivergiftungen seien nicht der wichtigste Grund für die Abnahme der Geierbestände, sie seien aber eine leicht zu behebende Ursache.

Weltweit soll es Schätzungen zufolge noch etwa 270.000 der Geier geben. Die Tiere haben einen weiten Aktionsradius, der sie auch immer wieder jenseits der Grenzen von Nationalparks führt. Dort können sie sich leicht tödliche Vergiftungen zuziehen, etwa beim Fressen von Vieh, das mit Pestiziden belastet ist oder das mit Medikamenten wie dem Schmerzmittel Diclofenac behandelt wurde. Es kommt aber auch immer wieder zu gezielten Vergiftungen von Geiern, etwa durch ansässige Bauern oder durch Kriminelle, die ihre Körperteile für den Einsatz in der traditionellen Medizin verkaufen.

Ende Februar etwa waren in Mosambik knapp 90 Geier vergiftet worden. Wilderer hatten Gift in einem getöteten Elefanten versteckt. Sie vergiften die Vögel manchmal, weil diese über Kadavern kreisen und damit Nationalparkwächter auf ihre Fährte locken. Bisweilen vergiften Wilderer auch Elefanten, etwa mit Zyanid. Die Kadaver sind dann auch für Geier tödlich.

Auch chemischer Zusammenhang nachgewiesen

Dass Aasfresser besonders stark von Vergiftungen betroffen sind, hatten schon ältere Studien gezeigt. So konnten Forscher 2012 in einer Untersuchung chemisch nachweisen, dass der seltene Kalifornische Kondor in vielen Fällen eine kritisch hohe Bleikonzentration im Blut hat. Die Studie zeige, dass die Bleivergiftung einer Epidemie gleichkommt, schrieben die Forscher damals. Auch in Deutschland sind Vögel betroffen, etwa der Seeadler. Die Greifvögel fressen feine Munitionsteile mit, wenn sie angeschossene Vögel jagen. Eine Studie aus dem Jahre 2015 schätzt, dass allein in Großbritannien jährlich zwischen 50.000 und 100.000 Enten, Schwäne und Gänse durch Bleimunition sterben, weil sie die Bleikügelchen für Nahrung halten und fressen.

Umweltschützer fordern deshalb schon länger ein weltweites Verbot von bleihaltiger Jagdmunition - auch die mit der aktuellen Studie verbundene Artenschutzorganisation Raptors Botswana. Jäger sehen das kritisch und argumentieren, dass Bleimunition sehr viel effektiver sei als etwa Kupfer- oder Stahlgeschosse.

In Deutschland ist aufgrund der toxischen Wirkung in einigen Bundesländern die Jagd mit Bleimunition generell oder zumindest an Gewässern verboten. Europaweit gibt es aber unterschiedliche Regelungen. Immerhin: Derzeit arbeitet eine EU-Kommission an einer einheitlichen Regelung.

joe/dpa



insgesamt 9 Beiträge
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helmut.alt 18.03.2018
1. Wenn überhaupt,
dürfte nur Schrotmunition, die für die Jagd auf Kleintiere und Vögel verwendet wird, für Aasfresser gefährlich sein. Für Jagd auf Grosswild kommt Schrotmunition nicht in Frage.
wannbrach 18.03.2018
2.
Was für ein Schwachsinn, denn das Wildbret der erlegten Tieren wird in das Auto geladen und zum Camp gebracht wo es von der Crew zerlegt und geräuchert und so haltbar gemacht wird. Dies geschieht auch bei Elefanten etc. Ich habe Jahrzehnte als Berufsjäger in mehreren Ländern Afrikas gearbeitet und nie wurde das erlegte Tier zurückgelassen.
herwescher 18.03.2018
3. Oh, welch ein Satz ...
"Denn mit Blei angereicherte Munition setzt sich in geschossenen Kadavern ab ..." Eine Gewehrkugel setzt sich also in einem Kadaver ab ... Klar: Mit 800 km/h ...
Gerdd 18.03.2018
4. Blei. Okay. Aber ...
wie war das denn dann früher? Haben die Geier damals nur von Tieren gelebt, die sich totgelacht haben? Ohne Kalauer: Ich kann nicht sehen, daß dieser Trend zur Bleivergiftung neu sein kann. Wilde Tiere abzuschießen ist ja keine ganz neue Mode und Pfeil und Bogen haben die auch schon länger nicht mehr benutzt. Selbst die Park Rangers dürften in der Regel mit Blei schießen. Demnach müßten die Geier und alle anderen Aasfresser schon seit Jahrhunderten am Blei sterben.
Tevje 18.03.2018
5. Das Blei aus Büchsengeschossen
in Eingeweiden erlegter Tiere zurückbleibt, ist bekannt und kann bei Greifvögeln auf Grund derer speziellen Magensäure auch vom Körper aufgenommen werden, das ist unbestritten und auch belegt. Das erlegte Tiere komplett zurückgelassen werden, ist barer Unsinn. Der Segen der Trophäenjagd, die nur alte, männliche Exemplare "abschöpft", die maximal 5% des Bestandes ausmachen, liegt darin, dass durch die Safariunternehmen jährlich Millionenbeträge direkt bei der ansässigen Bevölkerung verbleiben, auch (auch!) in Form von Brunnen, Schule + Lehrern und dörflichen Krankenhäusern. Alleine eine einzige Jagdkonzession in Tansania zahlt so jährlich 2,4 Millionen Dollar an die am Konzessionsgebiet liegenden Dörfer. Eine Regulierung der Wildbestände, bei der hauptsächlich Jungtiere und weibliche Tiere entnommen werden, findet durch die Ranger und die Berufsjäger statt, nicht -oder nur selten- durch die Jagdtouristen. Vom erlegten Wild profitieren ebenfalls die Anlieger, da es an diese gratis abgegeben wird bzw., je nach Land, ihnen gesetzlich zusteht, als Kompensation für die enormen Wildschäden durch die Tiere aus den Parks. Es sollten generell alle dortigen Jäger auf bleifreie Munition umsteigen, die inzwischen effektiv, also Tierschutz-gerecht, ist und auch nicht teurer ist, als klassische Munition. In Europa ist überall, nebbich, die Verwendung von Stahlschrot oder anderem nicht-Bleischrot an Gewässern seit etwa 10 Jahren Vorschrift. Die Abschaffung der Trophäenjagd würde die weitaus meisten afrikanischen Parks in die Zahlungsunfähigkeit treiben, was eine drastische Reduzierung der Tierbestände durch Fleischwilderei zur Folge hätte. Angehörige von reinen Tierschutzorganisationen finden sich selten außerhalb der Hauptstädte, wo sie eifrig Lobbyarbeit betreiben und mit ihren Allradfahrzeugen von Meeting zu Meeting fahren, bei praktischen Tätigkeiten, die den Menschen dort helfen, die Schäden und Ernteausfälle zu kompensieren, die durch die Großtiere verursacht werden und ohne weiteres Existenz-bedrohende Ausmaße annehmen können, findet man sie nicht. Dies ein Résumée von fast 20 Jahren Arbeit vor Ort.
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