Indien Geier-Restaurants sollen bedrohte Greifvögel retten

Seit zwei Jahrzehnten sinkt die Zahl der Bengalgeier auf dem Indischen Kontinent dramatisch. Nun versucht der Staat, das Sterben durch Futterlieferungen aufzuhalten. An der Ursache des Problems geht das allerdings vorbei.

DPA

Der Bengalgeier war in den Achtzigerjahren der vielleicht häufigste Greifvogel der Welt. Heute ist er vom Aussterben bedroht. Naturschützer in Indien versuchen, den Bestand zu erhalten und hoffen, dass sich die Tiere wieder stärker fortpflanzen. Ideen zur Geier-Rettung gibt es mehrere.

Im Tierschutzgebiet Phansad gibt es etwa sogenannte Geier-Restaurants: Inmitten einer Lichtung, zwischen großen Bäumen, auf denen sich die Aasfresser niederlassen können, wird Futter auf den steinigen Boden gelegt. "Alle drei bis vier Tage bringen wir einen Kadaver an", sagt Sunil Limaye, oberster staatlicher Tierschützer im westindischen Pune und damit verantwortlich für den Phansad-Wald. Das können Rinder, Schafe oder Ziegen sein.

"Die Ergebnisse sind bisher gut: Die Geier legen Eier", sagt Limaye. Er hofft, dass bald auch die Vögel in anderen Teilen des Bundesstaats Maharashtra und in ganz Indien so gefüttert werden.

Diclofenac führte zu Massensterben

Tatsächlich haben die Geier in Südasien jede Unterstützung nötig, seit ein Massensterben vor zwei Jahrzehnten einen Großteil der Aasfresser-Populationen auslöschte. Auslöser war das entzündungshemmende Medikament Diclofenac.

Es stammt aus der Humanmedizin, wird seit den Neunzigerjahren aber auch bei Nutztieren eingesetzt. Fressen die Geier tote Tiere, denen das Medikament jüngst verabreicht wurde, sterben sie an Nierenversagen. "Das einstige Millionenheer der Geier ist auf klägliche Reste zusammengeschrumpft", berichtet Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes Nabu.

Die Zahl der Bengalgeier - einst die wohl häufigste Greifvogelart der Welt - ist auf dem indischen Subkontinent laut Weltnaturschutzunion IUCN seit Mitte der Neunzigerjahre um mehr als 99 Prozent eingebrochen. In Indien, Nepal und Pakistan ist die Art vom Aussterben bedroht. Von den einst Millionen Tieren sind laut IUCN noch etwa 2500 Fortpflanzungsfähige übrig - Tendenz fallend. Auch Indiengeier und Schmalschnabelgeier gibt es kaum noch.

Brutprogramm statt Fütterung

Der indische Raubvogel-Biologe Vibhu Prakash setzt sich seit Jahrzehnten für den Erhalt der Art ein, allerdings auf ganz anderem Weg als der Staat. Seine Bombay Natural History Society (BNHS) setzt auf ein Brutprogramm. "Wir haben Jungvögel gefangen und großgezogen. Deren befruchtete Eier brüten wir aus und werden bald damit beginnen, diese nächste Generation wieder in die Wildnis zu entlassen", erklärt er.

Vom staatlichen Fütterungsprogramm hält Prakash nicht viel. "Es gibt ausreichend Lebensräume, keine wirklichen Feinde und genügend Nahrung für die Geier, sowohl Wild- als auch Haustiere", sagt er. Selbst wenn das Aas einmal knapp werden sollte, könnten die Vögel mit teils über zwei Meter Flügelspannweite leicht Hunderte Kilometer weiter fliegen. "Das wahre Problem ist, dass weiterhin Diclofenac verwendet wird."

Zwar ist das Medikament seit 2006 in der Tiermedizin verboten, doch wird es weiter in Apotheken zur Anwendung am Menschen verkauft - in Mehrfachdosen, die zusammengenommen auch für eine Kuh oder ein Rind ausreichen.

Die BNHS untersucht immer wieder landesweit Kadaver und hat herausgefunden, dass noch immer sechs Prozent der Proben für Menschen bestimmtes Diclofenac enthalten. Das ist halb so viel wie vor dem Verbot - aber zu viel, als dass sich der Bestand erholen könnte. "Verhungerte Vögel finden wir jedoch nicht", sagt Prakash.

Diclofenac in Spanien und Italien zugelassen

Die Tierschutzorganisation Ela kommt nach einer Auswertung von Video-Daten zu einem anderen Ergebnis. Unterstützt vom Bundesstaat Maharashtra hat sie in diesem Jahr zahlreiche Kameras an Klippen und Bäumen installiert. Von den 15 so beobachteten Geier-Küken seien sieben gestorben, weil sie nicht gefüttert wurden, sagt der Ornithologe Satish Pande von Ela.

Es gebe längst nicht mehr so viele Kadaver wie früher, weil die indischen Bauern angehalten würden, die toten Tiere zu vergraben oder mit Pestiziden zu besprühen. Deswegen seien die Geier-Restaurants nötig.

Auch Nabu-Vogelschutzexperte Lars Lachmann meint, die Fütterungen der Geier seien sinnvoll, da die Kadaver Diclofenac-frei seien. "So kann man ein paar Tiere retten, die sonst vielleicht vergiftetes Fleisch gefressen hätten."

Auch in Spanien gebe es diese Geier-Fütterungen an bestimmten Plätzen, sagt Lachmann. "Dann müssen die Kadaver der verendeten Haustiere nicht irgendwo in der Landschaft liegen." Doch Lachmann macht sich trotzdem Sorgen um die Geier in Europa: Seit 2013 ist Diclofenac auch in Spanien und Italien zum Einsatz an Nutztieren zugelassen.

jme/dpa

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neanderspezi 24.08.2015
1. Der Mensch will es einfach nicht lernen, dass er auf seine Mitkreaturen auf dem Globus acht geben muss
Die Inder, in erster Linie natürlich die Hindus, werden ihren Kadaverentsorgungsdienst aus den Lüften noch verehren wie ihre Rinder und dies spätestens dann, wenn durch ein Überangebot an Diclofenac verseuchten Haustieren der letzte Geier per Nierenversagen um die Ecke gebracht wurde. Es ist auch hier eine Frage der Lernfähigkeit und Erkenntnisse über die Zusammenhänge von humaner Medikamentation bei Gelenkentzündungen und anderen Schmerz verursachenden Gebresten, die man gern auch Haustieren zugute kommen lässt und der verheerenden Wirkung auf die Entsorger tierischer Leichen aus den Lüften, verlangen Maßnahmen denen sich der Mensch insgesamt und en détail durch den Gesetzgeber, der natürlich zunächst das Wohl der Menschen im Auge behalten muss, nicht beugen mag. Wenn die Geier-Population in so kurzer Zeit auf nur noch ein Prozent des ursprünglichen Bestands geschrumpft ist, fragt man sich unwillkürlich, warum hier nicht früher gegengesteuert wurde. Vielleicht ist dies eben ein weiteres Indiz für eine um sich greifende Uneinsichtigkeit und für einen unbeugsamen Egoismus von Homo sapiens – die machen sich eben gern alles so lange untertan bis der Letzte sich mit einem stillen Gebet verabschieden darf.
neanderspezi 24.08.2015
2. Der Mensch will es einfach nicht lernen, dass er auf seine Mitkreaturen auf dem Globus acht geben muss
Die Inder werden ihren Kadaverentsorgungsdienst aus den Lüften noch verehren wie ihre Rinder und dies spätestens dann, wenn durch ein Überangebot an Diclofenac verseuchten Haustieren der letzte Geier per Nierenversagen seinen Dienst endgültig aufgegeben hat. Es ist auch hier eine Frage der Lernfähigkeit und Erkenntnisse über die Zusammenhänge von humaner Medikamentation bei Gelenkentzündungen und anderen Schmerz verursachenden Gebresten, die man gern auch Haustieren zugute kommen lässt und der verheerenden Wirkung auf die Entsorger tierischer Leichen aus den Lüften, verlangen Maßnahmen denen sich der Mensch insgesamt und en détail durch den Gesetzgeber, der natürlich zunächst das Wohl der Menschen im Auge behalten muss, nicht beugen mag. Wenn die Geier-Population in so kurzer Zeit auf nur noch ein Prozent des ursprünglichen Bestands geschrumpft ist, fragt man sich unwillkürlich, warum hier nicht früher gegengesteuert wurde. Vielleicht ist dies eben ein weiteres Indiz für eine um sich greifende Uneinsichtigkeit und für einen unbeugsamen Egoismus von Homo sapiens – der macht sich eben gern alles so lange untertan bis der Letzte sich mit einem stillen Gebet verabschieden darf.
bumbu 24.08.2015
3. Man sollte vielleicht noch hinzufügen
daß die Geierkrise die Religionsgemeinschaft der Parsen (eine winzige, aussterbende Gruppe von indischen Zarathustra-Verehrern) am härtesten trifft, weil diese Leute die Geier zur Bestattung brauchen (“tower of silence”). Deshalb dürfen terminal kranke Parsen auch kein Diclophenac bekommen. Da diese Leute reich, gebildet und mächtig sind, haben sie ein landesweites Verbot von Diclophenac durchgesetzt, und in Mumbai (wo die meisten von ihnen leben) betreiben sie eine Geierzuchtanstalt. Diese Population ernährt sich fast nur von Parsen, man muß aber als Zulassungsbedingung nachweisen, daß die Leiche für Geier bekömmlich ist.
lajosferenc 24.08.2015
4. es fehlen
diverse Hinweise. So zB, dass Diclofenac den heiligen Kühen an ihrem Lebensende verabreicht wird, um sie vor Schmerzen zu bewahren. Oder, dass die Zahl der streunenden, und oft mit Tollwut infizierten, Hunde stark zugenommen hat. Sie beseitigen jetzt die Kadaver. Oder dass die Parsen Probleme haben, ihre Toten auf den Türmen für das Jenseits vorzubereiten.
Ursprung 24.08.2015
5. Gemeinwohlhaftung
Dabei waere es so einfach, solche Probleme und Auswuechse menschlichen Wirkens zu begrenzen: unversicherbare persoenliche anteilige Schadenshaftung fuer Hersteller, Verschreiber, Vertriebsketten, behoerdliche Zulasser, Anwender. Und zwar stoffbezogen, hier z. B. von Diclofenac-Praeparaten (Gemeinwohlhaftungsrecht). Also Beweislastumkehr: allen diesen Leuten ist aufzuerlegen, in aufgetretenem Schadensfall die Harm- und Schadenslosigkeit ihres Tuns, hier hinsichtlich Diclofenac, zu beweisen. Bringen sie diesen Nachweis nicht: Haftung mit persoenlichem Vermoegen nicht nur fuer die entstandenen Schaeden, sondern auch fuer Neumassnahmen, das Gift aus der Umwelt wieder zu entfernen. In Deutschland gelangen derzeit ueber 60 Tonnen dieser Chemikalie in den Naturwasserkreislauf. Klaeranlagen holen es nicht aus dem Wasser, Pflanzen nehmen es auf. Diclofenac ist uebrigens nicht nur fuer Greifvoegel toedlich, es erhoeht Infarktgefahr fuer Menschen vergiftet Hunde, kann fuer Schwangere toedlich werden (Blutungsgefahr).
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