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Geisterhafte Geräusche: Das Singen der Eisberge

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Forscher haben im Atlantik bizarre Geräusche aufgefangen, die sich über tausende Kilometer ausbreiten. Der geisterhafte Gesang stammt von Eisbergen - und ist den Geräuschen von Vulkanen verblüffend ähnlich.

Sie klingen wie dumpfe Schläge, trauriges Wimmern, irre Schreie: Geräusche, die deutsche Wissenschaftler in der Nähe der Antarktis aufgenommen haben und die zunächst für Rätselraten sorgten. Dann aber gelang es, einen der seltsamen Klänge zu einem gewaltigen Eisberg zurückzuverfolgen.

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Grönland: Eisiger Meeresschmuck

Am 22. Juli 2000 knallte B-09A - ein bis zu 400 Meter hoher Riese mit einer Fläche von 25 mal 15 Kilometern - auf einen Felsvorsprung des flachen Meeresbodens. Der Aufprall löste den Berechnungen der Forscher zufolge ein lokales Erdbeben der Stärke 3,6 aus. Volle 16 Stunden dauerte der infernalische Lärm im Meer. In den Wochen darauf schrammte der Eisberg, getragen von Meeresströmungen, am Rand des kontinentalen Eisschelfs entlang und löste weitere Erschütterungen sowie eine Reihe katastrophaler Eisberg-Abbrüche aus.

Was die Wissenschaftler aber noch mehr verblüffte: In einigen wichtigen Punkten glichen die geisterhaften Geräusche exakt den Tönen, die Vulkane vor einer Eruption durchs Gestein schicken. "Die Geräusche waren von einem Vulkantremor nicht zu unterscheiden", erklärt Vera Schlindwein, Geophysikerin am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das Team des AWI und der Fielax Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung veröffentlicht seine Erkenntnisse jetzt im Fachblatt "Science" (Bd. 310, S. 1299).

Bevor ein Vulkan ausbricht und die Erde mit glühendem Gestein bombardiert, sendet er in aller Regel eine Reihe von Vorzeichen aus, zu denen auch seismische Erschütterungen gehören. "Wie ein Tremor in einem Vulkan entsteht, ist weitgehend unverstanden", sagt Schlindwein. Wissenschaftler haben etwa Gassäulen in den Schloten oder Eigenschwingungen der Magmablasen unterhalb der Vulkane verdächtigt. "Aber diese Theorien können nicht alle Beobachtungen erklären", so Schlindwein.

Ausgerechnet die Eisberge könnten nun helfen, das Rätsel zu lösen und möglicherweise auch die Vorhersage von Vulkanausbrüchen präziser zu gestalten. Denn die deutschen Forscher sind überzeugt, dass die seismischen Signale das Resultat elastischer Vibrationen sind: Wasser wird mit hohem Druck durch die Tunnel und Risse im Innern des Eisbergs gepresst und versetzt die Wände in Schwingung.

Dass die Geräusche denen von Vulkanen so ähnlich sind, ist laut Schlindwein ein "extrem starkes" Indiz dafür, dass bei den Feuerbergen ein ähnlicher Mechanismus am Werk ist. Eisberge aber sind bei weitem leichter zu studieren als ihre steinernen Brüder an Land. "Ein Eisberg ist wesentlich leichter zugänglich, das ganze System ist besser zu erforschen", betont die Forscherin. Bei Vulkanen etwa könne man nie genau wissen, wie zäh das Magma im Innern des Berges ist. "Die Viskosität von Wasser kennen wir dagegen genau."

Der nächste Schritt sei nun, einen Eisberg mit Seismometern auszustatten und über längere Zeit zu beobachten. Konkrete Pläne für eine Expedition gebe es aber noch nicht.

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