Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Geklaute E-Mails: Top-Klimaforscher munitioniert seine Gegner

Von

Wetterstation in den Alpen (Weissfluhjoch, 2006): "Minimale Dinge" Zur Großansicht
DPA

Wetterstation in den Alpen (Weissfluhjoch, 2006): "Minimale Dinge"

Raus aus dem Elfenbeinturm: Wochenlang hat der britische Klimaforscher geschwiegen, der im Zentrum der Affäre um gestohlene Forscher-E-Mails steht. Nun hat Phil Jones seine Strategie geändert - und liefert seinen Gegnern unfreiwillig weitere Argumente.

Grauer Strickpullover, kariertes Hemd, Fusselhaare, freundlicher Blick - genau dieses eine Foto von Phil Jones kursiert im Internet. Offiziell erhältlich ist es nicht, auf seinen Wunsch hin. Der Mann hat sich rar gemacht - und das, obwohl er seit Wochen im Zentrum eines medialen Wirbelsturms globalen Ausmaßes steht. Als Hacker in die Computer der von ihm geleiteten Climatic Research Unit an der University of East Anglia eindrangen und mehrere tausend E-Mails und Dokumente stahlen, sagte der britische Klimaforscher - nichts. Das war unmittelbar vor dem Klimagipfel von Kopenhagen, die aufgeschreckte Weltpresse gierte nach Antworten. Doch Jones blieb stumm.

Irgendwann ließ er dann über die Pressestelle seiner Hochschule ein kurzes, einigermaßen krude formuliertes Statement verbreiten. Und dann wieder Stille, wochenlang. Inzwischen laufen mindestens vier unabhängige Untersuchungen der Vorfälle. Eine weitere ist bereits abgeschlossen. Und nun hat sich der 57-jährige Klimaforscher offenbar entschieden, seine Kommunikationsstrategie zu überdenken. In mehreren Interviews, unter anderem mit dem Fachmagazin "Nature" und der BBC tritt Jones die Flucht nach vorn an - mit mittelmäßigem Erfolg.

In den Gesprächen versucht der Forscher, seine Sicht auf die Dinge darzustellen und seine wissenschaftliche Arbeit vor Kritik zu schützen. Denn es gibt mittlerweile zahlreiche Fragen. Zum Beispiel die zu einer 20 Jahre alten Studie über das Thema, ob Städte in China die Lufttemperaturen stark beeinflussen - möglicherweise so stark, dass Temperaturanstiege zu Unrecht dem Klimawandel zugeschrieben werden.

Eigene Fehler "nicht akzeptabel"

Jones hatte damals zusammen mit einem Kollegen erklärt, der Einfluss der Städte sei gering. Kritiker warfen ihm später jedoch vor, er könne die Herkunft und Qualität seiner Daten nicht belegen. Und im Interview räumt der Forscher nun tatsächlich Fehler ein. Es sei "nicht akzeptabel", dass die Daten zu den Postionen der betreffenden Wetterstationen nicht mehr auffindbar seien, gestand Jones ein. Die Datensätze seien nicht so gut geführt worden, wie eigentlich nötig. Er denke darüber nach, bei "Nature", wo die Studie damals veröffentlicht wurde, einen Korrekturhinweis einzureichen.

Spätere Studien hätten jedoch den von ihm und seinem Kollegen beschriebenen Effekt bestätigt - und gezeigt, dass die genaue Lage der Wetterstationen nicht entscheidend sei. Seine Kritiker würden sich "minimale Dinge" in den Daten heraussuchen und sie über alle Maßen aufblasen, beklagte Jones.

Wie das funktioniert, lässt sich gut an einer anderen Passage der Interviews sehen. Ungewollt liefert der Wissenschaftler auf seiner Selbstverteidigungsmission seinen Kritikern weitere Munition - weil diese ihn missverstehen wollen und weil der Forscher offenbar weiterhin nicht versteht, dass Wissenschaftlersprache in Massenmedien an ihre Grenzen gerät.

Auf eine entsprechende Frage des BBC-Umweltexperten Roger Harrabin antwortet Jones, dass es zwischen 1995 und heute keine "statistisch signifikante" globale Erwärmung gab. Prompt posaunt die "Daily Mail", der Wissenschaftler habe eine Kehrtwende vollzogen. Seit 1995 habe es keine globale Erwärmung gegeben, sage er nun. Doch tatsächlich erklärt Jones in dem Interview, dass die Temperaturen sehr wohl angestiegen seien - und dass das nur durch menschlichen Einfluss zu erklären sei. Das Problem sei lediglich, dass für statistische Signifikanz längere Betrachtungszeiträume besser seien.

Doch angesichts solcher Spitzfindigkeiten mag so mancher Klimaskeptiker bereits mit dem Lesen aufgehört haben. Jones kümmert sich zu wenig um die Frage, wie Kritiker seine Aussagen missinterpretieren könnten.

Todesdrohungen und Selbstmordgedanken

Denn die Briten sind verunsichert - ungeachtet der weiterhin klaren Faktenlage zum menschlichen Einfluss auf die Erderwärmung. Eine Meinungsumfrage der BBC hatte gezeigt, dass die Zahl der Klimaskeptiker in Großbritannien zuletzt rapide gestiegen ist. Während im November nur 15 Prozent der Befragten der Behauptung zustimmten, Klimawandel finde gar nicht statt, waren es im Februar schon ganze 25 Prozent.

Anfang des Monats hatte Jones erklärt, dass er mehrmals daran gedacht habe, sein Leben zu beenden. Diesen Punkt habe er aber wohl überwunden, so der Forscher damals, der auch von Morddrohungen gegen seine Person berichtete. Mittlerweile will sich Jones nicht mehr zu persönlichen Fragen äußern. Stattdessen spricht er über das mittelalterliche Klimaoptimum und warum er diese zumindest in Europa und Nordamerika ungewöhnlich warme Periode zwischen dem 9. und dem 14. Jahrhundert nicht für ein globales Phänomen hält.

Seine Kritiker fordert Jones auf, eigene Studien vorzulegen. So könnten sie ihre Thesen belegen. Dafür könnten Temperaturdaten aus den USA genutzt werden, die öffentlich zugänglich seien. Denn im Zuge der E-Mail-Affäre hatte sich Jones auch mit dem Vorwurf auseinander setzen müssen, seine eigenen Datensätze nicht öffentlich zugänglich gemacht zu haben - aus Urheberrechtsgründen, wie er stets erklärte.

Vier parallele Untersuchungen

In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie es mit der Karriere des Forschers weiter geht. Mittlerweile läuft die externe Aufarbeitung der Angelegenheit - und zwar gleich vierfach. Ein Gremium unter der Leitung von Muir Russell, dem Ex-Vizechef der Universität Glasgow, untersucht im Auftrag der University of East Anglia die E-Mail-Affäre im Detail. Wurde wissenschaftlich alles richtig gemacht? Wurden Daten unterdrückt? Und so weiter.

Der Start der Untersuchung verlief allerdings holprig: Der Chefredakteur des Fachmagazins "Nature" musste schon vor Beginn der eigentlichen Arbeit seinen Abschied aus dem Untersuchungsgremium verkünden. Ihm war Parteilichkeit vorgeworfen worden, weil er nach dem Hack einem chinesischen Journalisten erklärt hatte, die betreffenden Forscher hätten sich aus seiner Sicht nichts zuschulden kommen lassen.

Ein weiteres Untersuchungsgremium prüft, ebenfalls im Auftrag der Universität, die wissenschaftliche Leistung der Climatic Research Unit im Allgemeinen. Dabei sollen Experten der renommierten Royal Society helfen. Dazu kommen eine weitere Prüfung durch einen Ausschuss des britischen Parlaments - und schließlich die Ermittlungen der Polizei zu dem Datendiebstahl. Noch immer ist nicht klar, ob die Mails von Profi-Hackern gestohlen wurden und ob die Datendiebe möglicherweise Hilfe aus den Reihen der Universitätsangestellten hatten.

Eine weitere Untersuchung ist bereits zu Ende. Sie hatte ergeben, dass die CRU-Forscher zu Unrecht der Öffentlichkeit Informationen vorenthalten hatten. Eine Strafe dafür gab es nicht, weil die Vorfälle länger als sechs Monate zurücklagen.

In seinen Interviews hat Jones nun Fehler eingestanden, seine Position aber im Großen und Ganzen verteidigt. Wie viel Erfolg er damit langfristig haben wird, muss sich zeigen. Von der neuen Offenheit, so scheint es, hat der Forscher mittlerweile auch schon wieder genug. Derzeit plane man keine weiteren Interviews, lässt die Pressestelle der University of East Anglia auf Anfrage wissen. Man werde sich melden, wenn sich daran etwas ändere.

Jones ist in den Elfenbeinturm zurückgekehrt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 132 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Elfenbeinturm - ein wahrhaft guter Vergleich!
paml1983 16.02.2010
Zitat von sysopRaus aus dem Elfenbeinturm: Wochenlang hat der britische Klimaforscher geschwiegen, der im Zentrum der Affäre um gestohlene Forscher-E-Mails steht. Nun hat Phil Jones seine Strategie geändert - und liefert seinen Gegnern unfreiwillig weitere Argumente. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,678261,00.html
------------------------------------- Die wahre Dimension des "globalen Betruges" wird erst in einigen Monaten wirklich klar werden! Es gibt anscheinend gar nichts, was nach wissenschaftlichen Kriterien richtig belegbar ist. Alles -ohne Ausnahme- wurde offenbar gemäß der "vorgegebenen Doktrin" so frisiert, daß das von vorneherein gewünschte Ergebnis rauskam! Die ehrenhafteste Aufgabe von allen muss es sein die Erde an die Nachkommen in "gesundem Zustand" zu übergeben! Was machen diese "Knaben" daraus - sich zu Gefolgsleuten einer "Neo-Religion", welche nur zum Abzocken dient und alle, welche eigentlich "guten Sinnes" sind an der Nase herumführt. Daß der Verbrauch von Ressourcen und die Umweltverschmutzung dringenst abgestellt werden müssen ist völlig klar - aber das zum "Hirngespinst" einer Apokalypse als Wissenschaftler zu bestätigen - da hört sich der Spaß auf! Bin sehr gespannt, wann in Deutschland die Apokalyptiker Schellnhuber und Rahmstorf den "Löffel abgeben" müssen und durch seriösere Wissenschaftler, welche uns sagen, was es mit allem am Klima wirklich auf sich hat, ersetzt werden? Ach so ja, die "Klima-Kanzlerin" kann sich da ja dann genauso schnell verabschieden, wo sie doch wiedermal auch auf andere Ebene zeigt, daß sie zum Regieren wahrlich nicht geeignet ist! "Elfenbeinturm" - hört sich ganz wie das deutsche Pendant "aussitzen" an. Also Elfenbeinturm = Aussitz-Platz?
2. *
praise 16.02.2010
Zitat von sysopRaus aus dem Elfenbeinturm: Wochenlang hat der britische Klimaforscher geschwiegen, der im Zentrum der Affäre um gestohlene Forscher-E-Mails steht. Nun hat Phil Jones seine Strategie geändert - und liefert seinen Gegnern unfreiwillig weitere Argumente. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,678261,00.html
Angesichts des diesjährigen Winters in Europa und Nordamerika läßt sich die These von der *globalen* Erwärmung eigentlich nicht mehr halten. Vielmehr gibt es lokale Erwärmung und lokale Abkühlung. Erdgeschichtlich gesehen gab es weit größere Klimaschwankungen. Jetzt werden wir halt mal real davon betroffen. So what? Man wird sich anpassen müssen. Lokal.
3. Ideologie
delatorra 16.02.2010
Der Spiegel schreibt "ungeachtet der weiterhin klaren Faktenlage zum menschlichen Einfluss auf die Erderwärmung...". Als Wissenschaftler muss ich fragen, kann mir der Spiegel diese klare Faktenlage erleutern? -- oder die klare Faktenlage wiederlegen dass für die letzten 545 Millionen Jahre die CO2 Konzentration nicht die Erdtemperatur kontrolliert, ungeachtet dessen dass vor 450 Millionen Jahren die CO2 Konzentration 20x höher war als heute, die Temperatur aber etwa 3°C geringer.... Der IPCC bricht gerade berechtigt in sich zusammen, und der Spiegel propagiert munter weiter. Ich muss feststellen dass der Spiegel diesbez. eine Ideologie verfolgt.
4. Zusammengefasst:
sichreid, 16.02.2010
Die Temperaturänderung ist eigentlich nicht signifikant, doch vorsichtshalber nennen wir es dennoch "Klimakatastrophe" und der Mensch ist daran schuld!
5. Was er (Jones) in dem Interview gesagt hat ..
Olaf aus der Hauptstadt 16.02.2010
ist im Kern folgendes: * Die Daten für die wichtige Hockeystick-Graphik sind "verlorengegangen" * Es hat seit 1995 keine (statistisch signifikante) globale Erwärmung mehr gegeben * Es hat bereits früher Erwärmungsperioden gegeben – aber nicht wegen menschlicher Einflüsse http://news.bbc.co.uk/2/hi/science/nature/8511701.stm Bin gespannt, was der Spiegel-Autor Seidler mal beruflich machen wird, eigentlich müßte er auch in die Haftung für all den von ihm in den letzten Jahren verbreiteten Klimaquatsch genommen werden. Der Menschheit wurden tausende Milliarden Dollar zur Lösung existenter Probleme (Umwelt, Gesundheit, Armut) gestohlen und umgeleitet.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Interaktive Grafik
SPIEGEL ONLINE
Klimaschutz-Index 2010: Die zehn größten CO2-Emittenten

Multimedia-Special
Die weltweit wärmsten Jahre seit 1880
Rang Jahr Abweichung vom globalen Durchschnitt
1 2005 0,62 Grad
2 1998 0,60 Grad
3 2003 0,58 Grad
4 2002 0,57 Grad
5 2009 0,56 Grad
5 2006 0,56 Grad
7 2007 0,55 Grad
8 2004 0,54 Grad
9 2001 0,52 Grad
10 2008 0,48 Grad
10 1997 0,48 Grad
Quelle: National Climatic Data Center (Stand Jan. 2010)

IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: