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Geld und Biosphäre: Jährliche Ökosystem-Schäden übersteigen Ausmaß der Finanzkrise

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Die Menschheit verliert durch die Umweltzerstörung mehr Geld als bei der aktuellen Finanzkrise. Besonders teuer ist die Abholzung von Wäldern weltweit. Sie verursacht Schäden bis zu fünf Billionen Dollar pro Jahr, ergab eine EU-Studie.

Milliardenspritzen vom Staat, dramatische Verluste an den Börsen weltweit - die derzeitige Finanzkrise macht Bürger ratlos und treibt Broker zu Panikverkäufen. Mancher Wissenschaftler wundert sich ein wenig über die ganze Aufregung, denn Schäden in dieser Größenordnung konstatieren sie regelmäßig - in der Natur.

So belaufen sich allein die jährlichen Verluste des Ökosystems Wald für die Menschheit auf zwei bis fünf Billionen Euro. Die Zahl stammt aus der Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB), die von Deutschland 2007 während seiner EU-Präsidentschaft initiiert wurde. Die Schäden an der Natur übersteigen damit die derzeit mit bis zu 1,5 Billionen Dollar bezifferten Verluste der Finanzkrise, sagt Pavan Sukhdev, Leiter der Abteilung Globale Märkte der Deutschen Bank in London und der TEEB-Studie. "Das ist nicht nur mehr, sondern auch noch fortlaufend." Es passiere jährlich, Jahr für Jahr.

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"Die gegenwärtige Krise hat den Verlust privaten Finanzkapitals zur Folge", sagt Sukhdev im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Zerstörung von Wäldern bedeute hingegen den Verlust von Naturwerten, die allen Menschen gehörten. In der TEEB-Studie, deren erste Zwischenergebnisse im Mai publiziert wurden, wollen Wissenschaftler und Ökonomen die Kosten des Verlusts biologischer Vielfalt möglichst genau berechnen.

Vorbild ist der sogenannte Stern-Report von 2006. Darin hatte Nicholas Stern, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, die finanziellen Folgen des Klimawandels kalkuliert. Diese könnten 5 bis 20 Prozent des weltweiten jährlichen Bruttoinlandsprodukts auffressen, warnte der Brite. Die Auswirkungen seien vergleichbar mit der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsförderung (DIW) legte 2007 Schätzungen für Deutschland vor. Demnach drohen zwischen Flensburg und Passau bis zum Jahr 2050 Klimaschäden in Höhe von 800 Milliarden Euro.

Natur als kostenlose Quelle diverser Güter

In den ökonomischen Modellen der TEEB-Studie gehen die Forscher davon aus, dass die Natur den Menschen allerlei Nützliches beschert: Nahrung, nachwachsende Rohstoffe wie Holz, sauberes Wasser, Schutz vor Fluten und Bodenerosion, Speicherung von Kohlenstoff und so weiter. Je mehr der Mensch die Natur zerstört, umso mehr sinkt ihr ökonomischer Nutzen.

Der finanzielle Verlust durch den weltweiten Rückgang der Wälder beläuft sich demnach auf bis zu sieben Prozent des jährlichen globalen Bruttoinlandsprodukts. Diese Verluste beruhen auf dem Schwund kostenloser "Dienstleistungen" der Natur wie etwa der Bereitstellung von Trinkwasser und sauberer Atemluft oder der Aufnahme von Treibhausgasen. Diese Dienste muss die Gesellschaft entweder ersetzen oder entbehren - beides sei teuer, betont Sukhdev.

Dass derzeit alle Welt von den Verlusten der Börsen und Banken, aber kaum von denen der Ökosysteme redet, wundert Sukhdev kaum: Die berechneten Verluste durch die Waldzerstörung von bis zu fünf Billionen Dollar pro Jahr beträfen vor allem Menschen in armen Ländern, deren Lebensgrundlagen verschwänden. "Die haben keine Stimme", konstatiert der Bankmanager.

Mitte 2010 soll die TEEB-Studie fertig sein. Dann wollen die Forscher nach Sukhdevs Angaben auch die wirtschaftlichen Effekte der Eingriffe in Ozeane, Küstenregionen und Polargebiete kalkuliert haben.

Hunderttausende Jobs in der Fischerei bedroht

Zu den Folgekosten der Überfischung haben Weltbank und Welternährungsorganisation FAO erst in dieser Woche eine neue Studie vorgelegt. Demnach gehen der globalen Fischwirtschaft auf diese Weise jährlich mindestens 50 Milliarden US-Dollar verloren. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte hätten sich die wirtschaftlichen Verluste auf zwei Billionen US-Dollar summiert.

Die gewaltigen Kosten entstehen nach Angaben der Umweltschutzorganisation WWF, weil die Fischer immer mehr Geld aufwenden, längere Strecken zurücklegen und aufwendigere Fanggeräte einsetzen, um ihre Erträge stabil zu halten. "Der Fischerei-Wahnsinn kennt nur Verlierer", sagt WWF-Meeresexperte Stephan Lutter. Der Lebensraum Meer werde zerstört. "Fischer erleiden herbe wirtschaftliche Verluste oder verlieren ihren Job." Eine Milliarde Menschen bange um ihre wichtigste Nahrungsquelle. "Dieses Drama muss ein Ende haben", fordert Lutter.

Um Meere und die Existenzgrundlage der Fischer zu retten, gibt es laut WWF nur eine Option: eine nachhaltige Fischerei. "Würden wir diese weltweit betreiben, dann gäbe es in den nächsten Jahren deutlich weniger Meeresfisch auf dem Markt", sagte WWF-Sprecher Ralph Kampwirth im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wenn sich die Bestände aber erholt hätten - derzeit gelten 77 Prozent weltweit als überfischt - dann könne die Menge gefangenen Fischs wieder steigen, ohne dass dies eine Gefahr für die Ökosysteme darstelle.

Mehr CO2 wegen der Finanzkrise?

Angesichts der aktuellen Finanzkrise gelten die gigantischen Schäden an der Natur jedoch offenbar als zweitrangig - selbst im angeblichen Umweltschutzmusterland Deutschland. So fordert die Berliner Regierung angesichts der Finanzkrise derzeit mit Nachdruck Ausnahmen für die Industrie bei den geplanten EU-Klimaschutzgesetzen.

"Mir wird gerade angesichts der Finanzkrise noch klarer, dass unser Kurs, der wirtschaftliches Wachstum und Klimaschutz versöhnt, der richtige ist", sagte Staatssekretär Peter Hintze am Freitag vor dem Treffen der EU-Energieminister in Luxemburg. Deutschland fordert, dass die energieintensive Industrie im europäischen Emissionshandelssystem nicht für ihre Verschmutzungsrechte bezahlen soll. Die EU-Kommission hat dagegen vorgeschlagen, dass die Industrie 2013 einen Teil der Kohlendioxidzertifikate per Versteigerung erwerben muss.

Wie aber will Deutschland seine ehrgeizigen Klimaschutzziele erreichen, wenn ein immer größerer Teil der Wirtschaft das Recht, CO2 in die Atmosphäre zu blasen, geschenkt bekommt?

Mit Material von Reuters und dpa

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