Gen-Geschichte: Buckelwale starben massenhaft

Der Waljagd im Nordatlantik sind deutlich mehr Meeressäuger zum Opfer gefallen als bisher gedacht. Um den kommerziellen Walfang wieder aufzunehmen, sei es daher, so eine aktuelle Studie, viel zu früh.

Buckelwale im Nordatlantik: Einst 240.000, jetzt 10.000
NOAA

Buckelwale im Nordatlantik: Einst 240.000, jetzt 10.000

Als die ersten europäischen Siedler im 17. Jahrhundert nach Nordamerika segelten, staunten sie nicht schlecht: Vor der Atlantikküste stießen sie fortwährend auf Wale. Groß, stattlich, massenhaft. Wenig später griffen sie zur Harpune. Heute leben im Nordatlantik nach Schätzungen der Internationalen Walfangkommission (IWC) nur noch 10.000 Buckelwale.

Wie viele es einmal waren, ist umstritten. Genaue Aufzeichnungen gibt es nicht, doch die Erbinformationen der Wale verraten viel über ihre Vergangenheit. Dieses genetische Geschichtsbuch haben nun Stephen Palumbi und Joe Roman von der Harvard University im US-amerikanischen Cambridge aufgeschlagen. Wie die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Science" berichten, konzentrierten sie sich dabei auf einen bestimmten Teil der Erbinformation, der von der Mutter auf ihre Nachkommen weitergegeben wird.

Nach dem Studium der genetischen Variationen - der Unterschiede im Erbgut bei 188 verschiedenen Buckelwalen - kamen Biologen zu einem überraschenden Schluss: Offensichtlich schwammen früher weit mehr Wale im Nordatlantik als vorher vermutet. Während die IWC auf Basis unbestätigter historischer Berichte aus dem 19. Jahrhundert von einst 20.000 Buckelwalen im Nordatlantik ausgeht, kamen Palumbi und Roman auf 240.000 Tiere. Weltweit dürften zu Spitzenzeiten sogar 1,5 Millionen Buckelwale unterwegs gewesen sein.

Hinter der exakten Zahl steckt mehr als nur wissenschaftlicher Ehrgeiz. Die Richtlinien der IWC setzen der Wiederaufnahme des kommerziellen Walfangs klare Grenzen, sagt Palumbi. Sobald sich der Bestand so weit erholt hat, dass die Zahl der Tiere 54 Prozent ihres ursprünglichen Bestands übersteigt, dürfen die Harpunen ausgepackt werden.

Ausgehend von den bisherigen IWC-Schätzungen könnte somit die Jagd schon in den nächsten zehn Jahren wieder aufgenommen werden. "Doch wenn die historische Population wirklich bei 240.000 lag", meint Palumbi, "dann müssten wir mit dem Walfang bestimmt noch 70 bis 100 Jahren warten."

Wann die Population der Meeressäuger am größten war und zu welchem Zeitpunkt sie genau dezimiert wurde, lässt allerdings auch die neue Studie offen. Palumbi und seine Kollegen planen daher bereits einen weiteren Blick ins genetische Geschichtsbuch der Wale.

Alexander Stirn

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite