Genanalyse Engste Verwandte der Primaten sind exzellente Segelflieger

Die nächsten Verwandten von Affen und Menschen sehen aus wie überdimensionierte fliegende Eichhörnchen: Die Riesengleiter segeln mit Hilfe großer Hautflügel durch die Lüfte. Ein Genvergleich hat die enge Verwandtschaft zu den ungewöhnlichen Tieren jetzt bestätigt.


Der Mensch kann nicht fliegen - zumindest nicht ohne fremde Hilfe. Immerhin haben die Primaten aber einen Verwandten im Stammbaum der Säugetiere, der zumindest etwas vom Segelfliegen versteht: Die Riesengleiter ähneln großen Eichhörnchen mit fledermausähnlichen Hautflügeln - und leben im tropischen Regenwald Südostasiens. Fliegen können sie zwar nicht, aber immerhin gleiten.

Riesengleiter: Nächster Verwandter der Primaten
National University of Singapore

Riesengleiter: Nächster Verwandter der Primaten

Biologen waren sich schon seit längerem einig darüber, dass die Riesengleiter (Dermoptera) und die Spitzhörnchen (Scandentia) zu den engsten Verwandten der Primaten gehören und diese drei Ordnungen zusammen die Gruppe der Euarchonta bilden. Wie jedoch die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb dieser Gruppe genau aussehen, war umstritten. So glaubten einige Wissenschaftler, dass sich Spitzhörnchen und Primaten noch lange Zeit gemeinsam entwickelten, während die Riesengleiter sich bereits abgespalten hatten. Andere waren hingegen der Überzeugung, dass sich zuerst die Linie der Spitzhörnchen von Primaten und Riesengleitern trennte.

Ein Forscherteam der Texas A&M University in College Station hat die Verwandtschaftsbeziehung nun aufgeklärt: Die Riesengleiter sind die nächsten Verwandten der Primaten, berichten Jan Janeka und seine Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Science" (Bd. 318, S. 792). Janekas Team hatte das Erbgut von Primaten, Riesengleitern, Spitzhörnchen und etwa 30 anderen Säugetieren untersucht und miteinander verglichen.

Die Forscher kombinierten zwei molekulare Ansätze miteinander. Zum einen suchten sie in allen drei Gruppen nach seltenen genetischen Veränderungen und überprüften, welche davon in mehr als einer Gruppe vorkamen. Zum anderen verglichen sie Gensequenzen von zwei Riesengleiter-, drei Spitzhörnchen- und sechs Primatengattungen miteinander und errechneten daraus die wahrscheinlichen Zeitpunkte, zu denen sich die Entwicklungslinien dieser Tiere trennten. Beide Ansätze kamen zum selben Ergebnis, berichten die Forscher: Die Riesengleiter sind enger mit den Primaten verwandt als die Spitzhörnchen.

In Tropen zuhause: Die Riesengleiter leben in den Regenwäldern Südostasiens
National University of Singapore

In Tropen zuhause: Die Riesengleiter leben in den Regenwäldern Südostasiens

Demnach entstanden die Euarchonta vor 87,9 Millionen Jahren als eigenständige Gruppe. Recht schnell, vor etwa 86,2 Millionen Jahren, trennten sich dann die Spitzhörnchen von der gemeinsamen Entwicklungslinie. Primaten und Riesengleiter, zusammen als Primatomorpha bezeichnet, entwickelten sich noch bis vor 79,6 Millionen Jahren gemeinsam weiter und trennten sich dann ebenfalls.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Riesengleiter eine wichtigere Rolle spielen als bislang gedacht, betonen die Forscher. Um mehr über die Evolution der Euarchonta und damit der Primaten zu erfahren, sei es daher entscheidend, das Genom der Gleitflieger möglichst schnell zu sequenzieren.

hda/ddp



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