Gentechnik Giftfreie Baumwolle soll Arme ernähren

Forscher haben das natürliche Insektengift der Baumwolle ausgeschaltet - im proteinhaltigen Samen der Pflanze. Sie könnte nun Hunderte Millionen Menschen ernähren, für die das Nutzgewächs bislang ungenießbar war. Allerdings ist die neue Züchtung genetisch verändert.


Nicht alles vom Baumwollstrauch wird zu Jeans und T-Shirt. Tatsächlich produziert die Pflanze pro Kilogramm Faser über anderthalb Kilogramm Samen. Aus denen kann man sowohl Öl pressen als auch eine Art Mehl herstellen. Baumwolle enthält hochwertiges Eiweiß. Doch bislang landen die Baumwollsamen nur in den Futtertrögen von Nutztieren, die weniger empfindliche Mägen als Menschen haben. Denn die Samen enthalten ein Gift namens Gossypol, das die Pflanze zur Abwehr von Schädlingen produziert.

US-Forscher haben das Gift jetzt gentechnisch aus dem Samen der Baumwolle entfernt und so möglicherweise eine neue Nahrungsquelle für hungrige Menschen erschlossen. Das berichten Keerti Rathore von der Texas A&M University in College Station in der Wissenschaftszeitschrift "Proceedings of the National Academies of Sciences". Die 44 Millionen Tonnen Samen, die jährlich bei der Baumwollproduktion anfallen, würden genug Proteine liefern, um etwa eine halbe Milliarde Menschen zu ernähren, sagte Rathore. Die Pflanze werde in 80 Ländern angebaut, und ihre Samen enthielten 23 Prozent Protein.

Seit den fünfziger Jahren versuchen Botaniker, Biologen und Pflanzengenetiker bereits, Baumwollpflanzen ohne Gossypol zu erzeugen. Bisherige giftfreie Varianten erwiesen sich jedoch als kommerziell nicht nutzbar, da sie extrem anfällig für Schädlinge waren. Allerdings hatten diese Versuche auch gezeigt, dass aus Baumwolle hergestellte Nahrungsmittel schmackhaft sind.

Samen wird lecker, der Rest bleibt giftig

Rathores Team gelang es nun, die Gossypol-Bildung ausschließlich in den Samen auszuschalten. Deren Giftstoff-Anteil sank daraufhin auf ein Niveau, das von der Welternährungsorganisation FAO als unbedenklich eingestuft wird, berichten die Forscher. In anderen Teilen der Pflanze bleibe der Giftstoff-Spiegel unverändert hoch, so dass eine Beeinträchtigung der Schädlingsabwehr nicht zu erwarten sei.

Jodi Scheffler, Pflanzengenetikerin im Forschungszentrum des US-Landwirtschaftsministeriums in Mississippi, sieht Potential in der transgenen Pflanze. "Das macht Hoffnung", sagte sie. Beim Gift in der Baumwolle handele es sich um ein "Generationen altes Problem". Scheffler, die nicht zum Forschungsteam gehörte, sagte, mögliche Einschränkungen müssten noch untersucht werden. Als Beispiele zählte sie Zulassungsprobleme auf, die Frage der öffentlichen Akzeptanz von genetisch veränderten Organismen und die Stabilität der transgenen Züchtung. "Wenn diese Punkte berücksichtigt werden, können Bauern die Baumwolle Jahr für Jahr anpflanzen", sagte Rathore zu SPIEGEL ONLINE.

Die Forscher um Rathore bezeichneten die vorteilhaften Eigenschaften ihrer Züchtung als "stabil und vererbbar". Sie "eröffne eine neue Nahrungsquelle für Hunderte von Millionen von Menschen". Tatsächlich pflanzen viele Kleinbauern in Regionen wie Westafrika Baumwolle zum Verkauf der Fasern an. Lieferte das Gewächs auch Nahrung, könnten sie zusätzliche Profite einfahren, ohne ihre Ackerfläche ausweiten zu müssen.

stx/AP/dpa



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