Klima-Experiment US-Unternehmer düngt Ozean auf eigene Faust

Ein US-Geschäftsmann hat 100 Tonnen Eisenpartikel in den Pazifik kippen lassen und das Algenwachstum großflächig angekurbelt. Wissenschaftler und Umweltschützer sind entsetzt - sie fürchten, dass reiche Privatleute versuchen könnten, auf eigene Faust das Klima zu retten.

Phillip Assmy/AWI/dpa

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Die Menschheit bekommt ihren Treibhausgas-Ausstoß nicht in den Griff - darauf deutet alles hin. Was also tun, um gravierende Klimafolgen zu verhindern? Eine Möglichkeit wäre, die Temperatur durch Eingriffe in die Umwelt zu senken. Doch das sogenannte Geo-Engineering ist heftig umstritten. Selbst streng kontrollierte Experimente haben zuletzt enorme Kontroversen ausgelöst.

Forscher und Umweltschützer fürchten, dass demnächst auch kleine Staaten oder reiche Privatleute auf eigene Faust versuchen könnten, die Umwelt zu beeinflussen. Und genau das ist jetzt geschehen: Der amerikanische Unternehmer Russ George hat im Juli rund 500 Kilometer vor der Westküste Kanadas 100 Tonnen Eisenpartikel im Meer versenkt.

Dem britischen "Guardian" erklärte George, die Haida - eine Ureinwohner-Gemeinschaft auf der kanadischen Insel Haida Gwaii - hätten ihn für die Aktion bezahlt, um die sinkenden lokalen Lachsbestände zu stärken. Dafür soll der Rat einer der beiden Haida-Gruppen der Insel eine Million Dollar gezahlt haben. Die "New York Times" berichtet sogar von einer Summe von 2,5 Millionen Dollar.

Die Eisendüngung des Ozeans wurde bisher vor allem im Zusammenhang mit Geo-Engineering bekannt. Die Theorie dahinter: Die Eisenpartikel steigern die Vermehrung von Algen, die an der Wasseroberfläche große Mengen an Kohlendioxid aufnehmen. Sterben die Organismen ab, nehmen sie das CO2 mit sich auf den Meeresboden, wo es für lange Zeit gespeichert bleibt.

Bisher gemischte Erfolge

Ob das allerdings in großem Maßstab funktionieren würde, ist umstritten. Die wenigen kontrollierten wissenschaftlichen Versuche, die es bisher gab, hatten gemischten Erfolg. Und schon sie sorgten für heftige Kontroversen, wie etwa ein Experiment deutscher Forscher im Januar 2009. Größere Eingriffe dieser Art könnten nach Meinung von Kritikern unabsehbare Folgen haben - schon allein deswegen, weil die komplexen Ökosysteme der Ozeane bisher noch kaum verstanden sind.

Die Menge an Eisen, die George rund 370 Kilometer westlich der Insel Haida Gwaii ins Meer schütten ließ, ist etwa zehnmal größer als bei den bisher umfangreichsten Experimenten. Auf Satellitenbildern ist zu sehen, dass dies zu einer rund 10.000 Quadratkilometer großen künstlichen Algenblüte geführt hat (siehe Fotostrecke).

Die Reaktion von Forschern reicht von Besorgnis bis hin zu blanker Empörung. "Es ist katastrophal, solche Methoden für kommerzielle Zwecke zu nutzen", sagt Christine Klaas vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (Awi), die an früheren Ozeandüngungsversuchen beteiligt war. Georges Experiment "könnte man als Müllverklappung bezeichnen", sagte Mark Wells, Meeresforscher an der University of Maine, der "New York Times".

Laut Klaas ist es höchst kompliziert, die Effekte solcher Experimente stichhaltig zu beweisen. Auch Wells räumt Georges Versuch kaum wissenschaftlichen Wert ein. Es sei "außerordentlich unwahrscheinlich", dass der Unternehmer nachweisen könne, welche Wirkung das Eisen auf das Plankton habe und ob dadurch CO2 permanent aus der Atmosphäre geholt wurde.

NOAA stellte 20 Messbojen zur Verfügung

Russ George ist in Sachen Geo-Engineering kein Unbekannter. Er gründete etwa die Firma Planktos, deren erklärtes Ziel es ist, "Ökosysteme wiederherzustellen und den Klimawandel zu verlangsamen". Das Unternehmen wollte unter anderem den Pazifik großflächig düngen und davon im Rahmen des internationalen Handels mit CO2-Zertifikaten profitieren.

Das Experiment vor Haida Gwaii bezeichnet George gegenüber der "New York Times" als wissenschaftliche Studie, die einen "goldenen Berg" an Daten produziert habe. Er erklärte auch, dass Wissenschaftler das Experiment begleitet hätten. Deren Namen hat er bislang allerdings nicht genannt.

Die US-Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA jedenfalls stellte George 20 Messbojen zur Verfügung, die nun mindestens ein Jahr im Ozean schwimmen sollen. Ein Sprecher sagte, die NOAA sei von George und seinen Mitstreitern "in die Irre geführt" worden: Es sei niemals die Rede davon gewesen, dass irgendwelches Material in den Ozean gelangen sollte.

Wissenschaftler fürchten, dass solche vermeintlichen Klimarettungsmaßnahmen Schule machen könnten - und das nicht nur in den Ozeanen. So könnte die globale Erwärmung auch gebremst werden, indem große Mengen an Schwefelpartikeln in die Luft geblasen werden. Der Effekt ist von großen Vulkanausbrüchen bekannt, die in der Vergangenheit mitunter zu jahrelangen Kälteperioden geführt haben. Die Kosten für die Schwefel-Ausbringung liegen laut gängigen Schätzungen bei einigen Milliarden, vielleicht auch nur einigen hundert Millionen Dollar pro Jahr - was in Reichweite kleiner Staaten und sogar reicher Privatpersonen läge.

Das aufgeweichte Tabu

Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, sieht eine doppelte Gefahr in den Aktionen selbsternannter Klimaretter. "Wenn sich solche Tabubrüche häufen, könnte eine gewisse Gewöhnung eintreten", meint Schellnhuber. Geo-Engineering könnte dadurch auch bei Behörden und Regierungen hoffähig werden.

"Die Tabuisierung von Geo-Engineering hat gute Gründe", sagt Schellnhuber, "denn die Folgen sind nicht absehbar." Die Öffentlichkeit und die Politik könnten jedoch dem Irrglauben erliegen, eine wirksame Waffe gegen den Klimawandel zu besitzen. "Doch selbst das beste Geo-Engineering könnte einen ungebremsten CO2-Ausstoß niemals ausgleichen", so Schellnhuber. "Aber wenn jemand in rauer See Eisen ins Meer kippt, ist das natürlich aufregender als Energie zu sparen."

Zu verhindern sind Einzelaktionen von Exzentrikern wohl kaum. Zwar gibt es internationale Abkommen gegen die Müllverklappung in den Ozeanen, wie etwa das Londoner Protokoll von 1996. Ihre Wirksamkeit hat sich jedoch bisher als nicht besonders groß erwiesen - schon weil die Ozeane wegen ihrer schieren Größe nicht flächendeckend zu überwachen sind. "Theoretisch kann jeder etwas ins Meer kippen", sagt Awi-Forscherin Klaas. "Es gibt schließlich auch illegale Fischerei." Auch Russ George hatte sein Experiment nicht an die große Glocke gehängt. Bekannt wurde es erst durch Recherchen der Technologie- und Umweltschutzorganisation ETC Group.

Deren Vertreter hoffen indes, dass George dennoch zur Rechenschaft gezogen werden könnte - beispielsweise wegen Betrugs. "Die Leute im Dorf haben sich dafür ausgesprochen, ein Projekt zur Stärkung der Lachsbestände zu unterstützen", sagte Guujaw, Präsident der Haida-Gemeinschaft, dem "Guardian". "Sie wären nicht einverstanden gewesen, wenn sie von potentiell negativen Folgen oder einem möglichen Verstoß gegen eine internationale Konvention erfahren hätten."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
M. Michaelis 19.10.2012
1.
Es gibt keinen wissenschaftlich belegten Klimaschutz.
vantast64 19.10.2012
2. Wenn die Reichen die Weltmeere aufkaufen,
geht das in Ordnung. Schließlich wird es Zeit, mit marktwirtschaftlichen Formen die Globale Erwärmung zu stoppen. Politiker haben eindeutig versagt, jetzt müssen die Leistungsträger ran. Die FDP sollte schon mal um Steuererleichterungen für den Ankauf der Meere und des Eisens bitten, und wir sollten das unterstützen, schließlich kommt es uns allen zugute.
natprod 19.10.2012
3. Oh
Zitat von sysopPhillip Assmy/AWI/dpaEin US-Geschäftsmann hat 100 Tonnen Eisenpartikel in den Pazifik kippen lassen und das Algenwachstum großflächig angekurbelt. Wissenschaftler und Umweltschützer sind entsetzt - sie fürchten, dass reiche Privatleute versuchen könnten, auf eigene Faust das Klima zu retten. Geo-Engineering: Russ George düngt Ozean mit Eisen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/geo-engineering-russ-george-duengt-ozean-mit-eisen-a-862191.html)
da bleibt mir nur eines zu sagen: Oh my god....
artusdanielhoerfeld 19.10.2012
4. Lasst die reichen Spinner mal machen...
...den genauso wenig, wie wir das Klima "beeinträchtigen", können die es "reparieren".
Privatier 19.10.2012
5. Den Geifer der Forscher aufgrund der ihnen entgangenen Fördermittel,
Zitat von sysopPhillip Assmy/AWI/dpaEin US-Geschäftsmann hat 100 Tonnen Eisenpartikel in den Pazifik kippen lassen und das Algenwachstum großflächig angekurbelt. Wissenschaftler und Umweltschützer sind entsetzt - sie fürchten, dass reiche Privatleute versuchen könnten, auf eigene Faust das Klima zu retten. Geo-Engineering: Russ George düngt Ozean mit Eisen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/geo-engineering-russ-george-duengt-ozean-mit-eisen-a-862191.html)
wie auch geplagt von der schäumenden Wut, als selbsternannte Meinungs- und Deutungsmonopolisten einfach übergangen worden zu sein, kann man geradezu tropfen hören. Bezüglich der Klage, die Effekte der Experimente nicht beweisen zu können, sollten sich die selbstberufenen Wächter der eigenen Pfründe lieber vorsichtiger äußern. Wie oft haben Sie bereits, im plötzlichen Besitz "neuer" Erkenntnisse für frische Forschungsgelder kurz zuvor noch vollmundig überzeugt vertretene Ansichten revidieren müssen - oder noch lieber bestritten, "damals richtig verstanden worden zu sein".
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