Wissenschaft

Debatte um Geoengineering

Finger weg vom Thermostat!

In dieser Woche startet in Berlin eine große Konferenz zum Geoengineering. Aber darf die Menschheit überhaupt über aktive Eingriffe ins Klima nachdenken? Sie muss - aber sie sollte sie nicht durchführen.

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REUTERS

Ein Regenbogen und ein Flugzeug über dem Londoner Flughafen Heathrow

Montag, 09.10.2017   10:53 Uhr

So richtig weit gekommen ist die Menschheit bisher nicht beim Klimaschutz. Das zeigt zum Beispiel der "Climate Action Tracker". Auf dieser Webseite schätzen Experten ab, wie sich die globalen Temperaturen entwickeln werden - und zwar erstens, wenn alles so weitergeht wie bisher und zweitens, wenn die Staaten ihre Versprechen für die Zukunft einhalten.

Das Ergebnis: Satte 3,6 Grad Temperaturplus sind im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bis zum Jahr 2100 zu erwarten, wenn wir so weitermachen wie bisher. Und bei immer noch 2,8 Grad liegt der Zuwachs, wenn die Staaten ihre Zusagen vom Klimagipfel in Paris einhalten.

Solche Schätzungen sind mit Unsicherheiten behaftet. Und man kann auch gut darüber debattieren, wie warm es denn eigentlich zum Start der industriellen Revolution war - und wie viel Zeit die Menschheit im Detail eigentlich hat, ihren fatalen Hunger auf Kohle, Öl und Gas in den Griff zu bekommen.

Aber unter dem Strich bleibt die Erkenntnis: Wir sind beim CO2-Einsparen nicht auf Kurs, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern. Ganz zu schweigen vom erklärten Ziel der Staaten, das Temperaturplus womöglich sogar auf anderthalb Grad zu begrenzen.

Immer wieder diskutieren Experten deswegen über eine zweite Strategie: Wenn wir die Treibhausgasemissionen nicht in den Griff bekommen, wäre es nicht vielleicht eine Option, unsere zu heiße Erde gezielt zu kühlen? Durch Eingriffe ins Klima. In dieser Woche läuft im Umweltforum Berlin eine große, viertägige Konferenz zum Thema.

Geoengineering heißt das Ganze - und ließe sich zum Beispiel durch feine Schwefelsäuretröpfchen bewerkstelligen. Die könnten, in großen Mengen in der Stratosphäre versprüht, einfallendes Sonnenlicht zurück ins All reflektieren. Bekannt ist das Prinzip von großen Vulkanausbrüchen, die das Sonnenlicht auch für einige Zeit dimmen.

Um ernsthafte Ergebnisse mit der Schwefel-Technik zu erzielen, bräuchte es ein weltweit koordiniertes Milliarden-Dollar-Programm. CO2 direkt aus der Luft zu holen und im Boden zu speichern, eine weitere Option der Klimaklempner, wäre vermutlich sogar noch teurer. Und dann sind da auch noch die gezielte Manipulation von Zirruswolken in großen Höhen, die Ozeandüngung, die Spiegel im Weltall - oder eine Kombination aus mehreren Geoengineering-Verfahren.

All diese Ansätze haben eins gemein: Sie sind technisch unerprobt, aufwendig und teuer. Und es fehlt ihnen ein internationaler politischer Rahmen.

Ein guter Grund also, sich über das Thema zu unterhalten, wie es die Teilnehmer der Berliner Konferenz in den kommenden Tagen tun werden. Viele Fragen sind offen. Welche Technologien sind großtechnisch umsetzbar? Was tun, wenn ein Land im Alleingang entscheidet, ins Klima einzugreifen? All das sollte nicht nur unter Experten besprochen werden, sondern in der breiten Öffentlichkeit.

Viele Wissenschaftler halten Geoengineering für ein Herumdoktern an den Symptomen, anstatt die Ursachen anzugehen. Sie bezweifeln, ob die Menschheit aktive Eingriffe ins Klima überhaupt gut steuern könnte. Wir betreiben ja bereits heute mit dem massenweisen Ausstoß von Kohlendioxid ungewollt Geoengineering. Und kennen die direkten und indirekten Folgen davon längst nicht alle. Warum sollte das beim Ausbringen von Schwefelteilchen anders sein?

Die Wahrheit über die Erwärmung

Es hilft aber auch nichts, Geoengineering per se zum Nicht-Thema zu machen. Wir müssen uns auf jeden Fall über politische und auch juristische Regeln dafür einigen. Und damit niemand solche Verfahren naiv einsetzt, sollten wir unerwünschte Nebeneffekte möglichst gut kennen. Etwa dass Schwefelinjektionen in die Atmosphäre den asiatischen Monsun schwächen könnten oder sich negativ auf die Ozonschicht auswirken. Womöglich müssen wir deshalb manche Techniken in kleinräumigen Experimenten ausprobieren.

Davon abgesehen sollten wir aber möglichst schnell die Finger vom Thermostat der Erde lassen. Damit sind nicht nur bewusste Kühl-Eingriffe mit ungewissen Nebenwirkungen gemeint, sondern auch die stetige Erwärmung durch unsere anhaltend hohen Emissionen. Nötig ist der konsequente Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.

Konkrete Pläne dafür gibt es. Zum Beispiel diesen hier bis zum Jahr 2050. Vorgeschlagen werden darin ein Abbau der Subventionen für fossile Brennstoffe im kommenden Jahrzehnt, ein CO2-Preis, der bei 50 US-Dollar pro Tonne beginnt und bis 2050 auf 400 US-Dollar pro Tonne steigt. Der komplette Kohleausstieg läge in den 2030ern, mit Öl müsste bis Anfang der 2040er Schluss sein.

Zumindest die extremsten Folgen einer unkontrollierten Erhitzung der Atmosphäre ließen sich so wahrscheinlich noch verhindern - ganz ohne Geoengineering.

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