Debatte um Geoengineering Finger weg vom Thermostat!

In dieser Woche startet in Berlin eine große Konferenz zum Geoengineering. Aber darf die Menschheit überhaupt über aktive Eingriffe ins Klima nachdenken? Sie muss - aber sie sollte sie nicht durchführen.

Ein Regenbogen und ein Flugzeug über dem Londoner Flughafen Heathrow
REUTERS

Ein Regenbogen und ein Flugzeug über dem Londoner Flughafen Heathrow

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So richtig weit gekommen ist die Menschheit bisher nicht beim Klimaschutz. Das zeigt zum Beispiel der "Climate Action Tracker". Auf dieser Webseite schätzen Experten ab, wie sich die globalen Temperaturen entwickeln werden - und zwar erstens, wenn alles so weitergeht wie bisher und zweitens, wenn die Staaten ihre Versprechen für die Zukunft einhalten.

Das Ergebnis: Satte 3,6 Grad Temperaturplus sind im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bis zum Jahr 2100 zu erwarten, wenn wir so weitermachen wie bisher. Und bei immer noch 2,8 Grad liegt der Zuwachs, wenn die Staaten ihre Zusagen vom Klimagipfel in Paris einhalten.

Solche Schätzungen sind mit Unsicherheiten behaftet. Und man kann auch gut darüber debattieren, wie warm es denn eigentlich zum Start der industriellen Revolution war - und wie viel Zeit die Menschheit im Detail eigentlich hat, ihren fatalen Hunger auf Kohle, Öl und Gas in den Griff zu bekommen.

Aber unter dem Strich bleibt die Erkenntnis: Wir sind beim CO2-Einsparen nicht auf Kurs, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern. Ganz zu schweigen vom erklärten Ziel der Staaten, das Temperaturplus womöglich sogar auf anderthalb Grad zu begrenzen.

Immer wieder diskutieren Experten deswegen über eine zweite Strategie: Wenn wir die Treibhausgasemissionen nicht in den Griff bekommen, wäre es nicht vielleicht eine Option, unsere zu heiße Erde gezielt zu kühlen? Durch Eingriffe ins Klima. In dieser Woche läuft im Umweltforum Berlin eine große, viertägige Konferenz zum Thema.

Geoengineering heißt das Ganze - und ließe sich zum Beispiel durch feine Schwefelsäuretröpfchen bewerkstelligen. Die könnten, in großen Mengen in der Stratosphäre versprüht, einfallendes Sonnenlicht zurück ins All reflektieren. Bekannt ist das Prinzip von großen Vulkanausbrüchen, die das Sonnenlicht auch für einige Zeit dimmen.

Um ernsthafte Ergebnisse mit der Schwefel-Technik zu erzielen, bräuchte es ein weltweit koordiniertes Milliarden-Dollar-Programm. CO2 direkt aus der Luft zu holen und im Boden zu speichern, eine weitere Option der Klimaklempner, wäre vermutlich sogar noch teurer. Und dann sind da auch noch die gezielte Manipulation von Zirruswolken in großen Höhen, die Ozeandüngung, die Spiegel im Weltall - oder eine Kombination aus mehreren Geoengineering-Verfahren.

All diese Ansätze haben eins gemein: Sie sind technisch unerprobt, aufwendig und teuer. Und es fehlt ihnen ein internationaler politischer Rahmen.

Ein guter Grund also, sich über das Thema zu unterhalten, wie es die Teilnehmer der Berliner Konferenz in den kommenden Tagen tun werden. Viele Fragen sind offen. Welche Technologien sind großtechnisch umsetzbar? Was tun, wenn ein Land im Alleingang entscheidet, ins Klima einzugreifen? All das sollte nicht nur unter Experten besprochen werden, sondern in der breiten Öffentlichkeit.

Viele Wissenschaftler halten Geoengineering für ein Herumdoktern an den Symptomen, anstatt die Ursachen anzugehen. Sie bezweifeln, ob die Menschheit aktive Eingriffe ins Klima überhaupt gut steuern könnte. Wir betreiben ja bereits heute mit dem massenweisen Ausstoß von Kohlendioxid ungewollt Geoengineering. Und kennen die direkten und indirekten Folgen davon längst nicht alle. Warum sollte das beim Ausbringen von Schwefelteilchen anders sein?

Die Wahrheit über die Erwärmung

Es hilft aber auch nichts, Geoengineering per se zum Nicht-Thema zu machen. Wir müssen uns auf jeden Fall über politische und auch juristische Regeln dafür einigen. Und damit niemand solche Verfahren naiv einsetzt, sollten wir unerwünschte Nebeneffekte möglichst gut kennen. Etwa dass Schwefelinjektionen in die Atmosphäre den asiatischen Monsun schwächen könnten oder sich negativ auf die Ozonschicht auswirken. Womöglich müssen wir deshalb manche Techniken in kleinräumigen Experimenten ausprobieren.

Davon abgesehen sollten wir aber möglichst schnell die Finger vom Thermostat der Erde lassen. Damit sind nicht nur bewusste Kühl-Eingriffe mit ungewissen Nebenwirkungen gemeint, sondern auch die stetige Erwärmung durch unsere anhaltend hohen Emissionen. Nötig ist der konsequente Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.

Konkrete Pläne dafür gibt es. Zum Beispiel diesen hier bis zum Jahr 2050. Vorgeschlagen werden darin ein Abbau der Subventionen für fossile Brennstoffe im kommenden Jahrzehnt, ein CO2-Preis, der bei 50 US-Dollar pro Tonne beginnt und bis 2050 auf 400 US-Dollar pro Tonne steigt. Der komplette Kohleausstieg läge in den 2030ern, mit Öl müsste bis Anfang der 2040er Schluss sein.

Zumindest die extremsten Folgen einer unkontrollierten Erhitzung der Atmosphäre ließen sich so wahrscheinlich noch verhindern - ganz ohne Geoengineering.

insgesamt 87 Beiträge
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lachina 09.10.2017
1. Vorschläge
Man könnte auch ein paar Vulkane zum Ausbruch bringen. Das hätte zumindest ein paar kalte Jahre und Missernten zur Folge. Nuklearerr Winter ginge auch. Von allen dummen Ideen ist Geoengineering. die Dümmste.
Markus Landgraf 09.10.2017
2. Schwierig aber nicht unmöglich - wenn man den Mut dazu hat
In der Tat ist Mangel an Fortschritt bei den Klimaanstrengungen zu beklagen. Die althergebrachte Lösung von Wind und Sonne plus Energiesparen hat versagt. Wir brauchen neue Lösungen, die auch global funktionieren. Klar kann Deutschland mit hohem finanziellen Aufwand seine Klimaemissionen im Rahmen halten - wenn auch scheinbar nicht weiter senken. Ob das aber China, Brasilien oder Indien leisten können sei dahin gestellt. In diesen Wirtschaftsregionen wächst zur Zeit der Anteil an Kohleenergie schneller - viel schneller - als man es durch Wind und Sonne könnte. Global gesehen kommen wir um Atomkraft nicht herum. Ein gutes Beispiel ist Frankreich: Mit 70% bis 80% Atomkraftanteil schafft Frankreich es, pro Kilowattstunde 70% bis 80% weniger CO2 zu produzieren wie Deutschland (siehe http:electricitymap.org, heute, 9 Okt. sind es 117 g/kWH (F), 461 g/kWh (D), d.h. 75% weniger). Also: Wind, Sonne und Atom zusammen können den Klimawandel global gesehen aufhalten. Finger weg vom Kima!
KaWeGoe 09.10.2017
3. Klein Hänschen hat Probleme mit binomischen Formeln, ....
.... und denkt jetzt darüber nach, zuerst mal komplexe Differenzialgleichungen lösen zu wollen, bevor er sich dem Problem mit den binomischen Formeln noch mal zuwendet. Was ich sagen will: Denkt nicht darüber nach, an Symptomen rumzudoktoren, sondern bekämpft die Ursache der Misere und beseitigt die angefallenen Altlasten ! Man sollte seine Tätigkeiten daher klar priorisieren - und das bedeutet in Bezug auf Klimaschutz: 1. CO2-Emissionen reduzieren durch - Reduktion des Energieverbrauchs - Belastung von fossilen CO2-Emissionen mit den realen Kosten der Folgen - Nutzung regenerativer Energien (Sonne, Wind, Wasser, Biomasse, ...) - intelligente Energie-Nutzung (smart-grid, variable Tarife, Speicherung) 2. Reduktion der CO2-Konzentration in der Atmosphäre durch - Schutz vorhandener Regenwälder - gezielte Aufforstungen - künstliche CO2-Absorber
equigen 09.10.2017
4. Bloss nicht!
Wo immer der Mensch durch Eingriffe ins Ökosystem Probleme beheben wollte ging das schief! Die Folgen im nichtlinearen System der Umwelt sind Unkalkulierbar. Wie reagiert die Atmosphäre, andere Lebewesen in der Luft, im Wasser, auf den Boden auf Tonnen einer künstlich eingebrachten Chemikalie?! Solange noch nicht mal das Wetter 3 Tage im Voraus verlässlich berechnet werden kann sind Klimaaussagen auf 100 Jahre mit Vorsicht zu genießen. Und auf dieser Basis anzufangen ein vermeintliches Übel mit Massen von Chemie in der Luft lösen zu wollen ist gefährliche Selbstüberschätzung und Geschäftemacherei - der Wissenschaftler, Ingrnieure und Industrie dahinter. Wer würde für irreparabele weltweite Schäden denn geradestehen?
joG 09.10.2017
5. Seit Jahrzehnten wissen wir...
.....dass die effizienteste Methode Klimagas zu reduzieren wäre den Ausstoß mit einem Steuer/Cap/Trade System zu belasten. Es wurde sogar eine Börse und Zertifikatssystem eingeführt. Leider haben alle Politiker/Parteien entschieden, dass sie dies nicht wirksam schalten konnten, wenn sie an der Macht bleiben wollten. Jeder wusste, dass Deutschland nur daher gut aussah, weil man nach der Wende die Industrie im Osten zugemacht hatte und das Abfallprodukt die Weltmeisterschaft im CO2 reduzieren war. Daher ja auch das "feel good" Vergleichsjahr 1990, das die deutschen Regierungen durchsetzten. Nun kann man natürlich bspw CO2 aus der Atmosphäre abschöpfen. Aber solche Dinge zu entscheiden brauchen mehr Information als eine Beschreibung wie "weltweites Milliardenprogramm". Ist die CO2 Reduzierung so zu erreichen und wie viel kostet es? Wie viel kosten die Alternativen?
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