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03. Juni 2012, 07:32 Uhr

Neues aus der Geoforschung

Italien zerbricht, Meteorologen irren, Forscher finden Schatz im Meer

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Immer wieder erschüttern Erdbeben Italien - Forschungen zeigen: Das Land wird irgendwann zerrissen. Außerdem im Überblick zur Geoforschung: Meteorologen straucheln bei ihren Prognosen, ein Schatz im Meer und wie ein historisches Erdbeben angeblich das Datum der Kreuzigung Jesu verrät.

Hamburg - Am Dienstag zerstörte erneut ein starkes Erdbeben zahlreiche Gebäude in Norditalien. 17 Menschen starben unter den Trümmern, Hunderte wurden teils schwer verletzt, rund 14.000 verloren ihre Wohnung. Die Erschütterungen hatten fast die gleiche Stärke wie das Beben neun Tage zuvor, bei dem sieben Menschen starben. Noch immer lassen Dutzende Nachbeben pro Stunde die Region Emilia-Romagna erzittern. Und Seismologen können weitere Starkbeben nicht ausschließen.

Ursache der Beben ist die missliche Lage Italiens: Erdplatten nehmen das Land in die Zange. Von Süden her drückt die Afrikanische Platte, sie treibt Italien wie einen Sporn in den europäischen Kontinent hinein; in der Knautschzone türmen sich die Alpen. Von Osten her taucht die Adriatische Platte unter Italien, wobei sich der Apennin auftürmt, der das Land von Norden nach Süden durchzieht wie ein gefaltetes Tischtuch. Im Westen drückt Europa: Korsika, das auf der Europäischen Platte liegt, schiebt sich drei Millimeter pro Jahr auf Italien zu.

Auf diese Weise eingequetscht, ist der Boden Italiens zersplittert wie eine Glasscheibe. Das Mosaik aus Millionen Tonnen schweren und kilometerdicken Gesteinspaketen verschiebt sich gegeneinander wie ein Puzzle, das von allen Seiten her gedrückt wird. Entlang der Fugen staut sich Spannung - die sich regelmäßig bei Erdbeben entlädt.

Die Risikozonen kennen Experten nur grob. Anhand der Erdbeben-Geschichte in den einzelnen Regionen bestimmen sie die Gefahr: Fast im ganzen Land drohen demnach Beben; die stärksten im Zentrum des Landes und in der Gegend um Bologna.

Bodenbewegungen zeigen, dass Italien zerreißt: GPS-Detektoren, die Geologen im ganzen Land aufgestellt haben, verdeutlichen, dass die Landesteile in unterschiedliche Richtungen driften. Der Süden schiebt sich Richtung Balkan, Teile des Nordens ruckeln nach Südwesten, Sizilien treibt aufs Festland zu, und Rom driftet nach Norden, Zentralitalien nach Osten. In ferner Zukunft werden Teile des Landes den Alpen verbunden sein, andere mit dem Balkan, manche Regionen werden als Inseln im Meer liegen. Und immer wieder wird es beben.

Deutschlands Wettervorhersage im Tief

Eine "Rekordkälte" sahen Meteorologen vor einer Woche für dieses Wochenende voraus; großflächig wurde Frost prognostiziert. Doch es kam anders.

Wie üblich hatten die Experten Dutzende Computersimulationen laufen lassen, die meisten zeigten zu Beginn der Woche für den 2. und 3. Juni Temperaturen von um die null Grad. Einige wenige Simulationen indes sagten etwas anderes - sie sahen eine wärmere Witterung vorher. Doch die Wetterprognosen richten sich immer nach der Mehrheit der Ergebnisse.

Mittwoch änderten sich die Vorhersagen: Plötzlich zeigten auch die meisten anderen Simulationen einen rund fünf Grad wärmeren 2. Juni, die "Rekordkälte" wurde zurückgenommen. Donnerstag erhöhten die Meteorologen ihre Prognosen fürs Wochenende abermals, nun auf deutlich über zehn Grad.

Die Entwicklung zeigt, wie schwierig Wetterprognosen für mehrere Tage im Voraus trotz bester Computermodelle immer noch sind. Wie sich Luftmassen verändern, ist letztlich vom Zufall abhängig - kleine Verwirbelungen können sich zu mächtigen Luftströmungen entwickeln, oder sie verschwinden. Kein Supercomputer, kein Satellit kann die Luftbewegungen genau vorhersehen. Und selbst der Vergleich Dutzender Simulationen liefert - wie sich nun wieder gezeigt hat - nicht immer ein passendes Ergebnis.

Auch eine andere Prognose des Deutsche Wetterdienstes (DWD) von dieser Woche war bewusst gewagt: Bereits am Mittwoch, zwei Tage vor Ende des Monats, veröffentlichte der DWD seine Bilanz des Monatswetters. Medien verlangen offenbar nach Angaben zu Sonnenstunden und Regenmengen, um pünktlich zum Monatsabschluss berichten zu können. Dass sich die Zahlen in den letzten beiden Tagen des Mai noch veränderten, akzeptierten Journalisten anscheinend - hoffentlich tun es auch die Leser.

Das Kreuz mit der Kreuzigung

"Geologen entdecken den Tag von Jesus' Kreuzigung" melden Wissenschaftsmedien. Anhand der Spuren eines Erdbebens und mit Bibelzitaten hätten die Forscher den 3. April des Jahres 33 bestimmen können. Laut Bibel wurde Jesus hingerichtet, als Pontius Pilatus Statthalter von Judäa war, also zwischen den Jahren 26 und 36. Laut Matthäus-Evangelium geschah es an einem Freitag, ein paar Stunden vor Beginn des jüdischen Sabbats. Kurz nachdem Jesus ans Kreuz genagelt wurde, sei ein Tempel in der Nähe bei einem Beben zerstört worden, heißt es.

Die Spuren jenes Bebens hätten Geologen nun in zerrütteten Sedimenten aus dem Toten Meer entdeckt, wird berichtet - das Datum stehe damit fest. Doch die Forscher wollen sich nicht so genau festlegen lassen: Ihre Studie dokumentiert lediglich ein starkes Beben, das sich irgendwann zwischen den Jahren 26 bis 36 ereignet hat. Genauer lässt sich das Datum in den alten Seeablagerungen nicht bestimmen. Weitere Hinweise auf den Tag der Kreuzigung Jesu liefern die Geologen nicht.

"Wir haben uns über die Berichterstattung sehr geärgert", sagt Studienautor Achim Brauer vom Geoforschungszentrum Potsdam GFZ. Nie wieder wolle er Bibelzitate in eine Studie schreiben. "Das provoziert nur Unsinn".

Im Schatz-Rausch der Tiefe

Vier Wochen kreuzten deutsche und französische Forscher mit dem Schiff "L'Atalante" über den Zentralpazifik. Dort hat sich Deutschland am Meeresboden zwischen Hawaii und Mexiko ein Lizenzgebiet zur Rohstofferkundung gesichert. Auf buckligem Gelände liegen dort Millionen kleiner dunkler Klumpen, auf denen die Hoffnung der Wirtschaft ruht: Die Manganknollen enthalten zahlreiche Metalle, etwa Kupfer, Eisen und Nickel.

Im deutschen Lizenzgebiet habe man nun ein Vorkommen an Manganknollen entdeckt, mit dem Deutschland seinen Bedarf an den begehrten Metallen auf lange Sicht decken könne, teilt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) nun mit. "Das sind etwa 110 Millionen Tonnen, damit wäre in Zukunft mehr als 40 Jahre Manganknollenbergbau in der Tiefsee möglich", sagte BGR-Expeditionsleiter Carsten Rühlemann.

Ähnliche Erfolgmeldungen gibt es seit den siebziger Jahren, als die ersten großen Metallvorkommen am Meeresboden geortet wurden. Der Start des Tiefseebergbaus stehe bevor, heißt es seitdem immer wieder. Doch es gibt ein Problem: Die Vorkommen liegen in 4000 bis 6000 Metern Tiefe; die Förderung wäre sehr teuer - wie teuer, ist unklar.

Deutschland hat nach Angaben der Bundesregierung bislang bereits 100 Millionen für ungefähr 90 Fahrten zur Erkundung der Tiefsee-Ressourcen ausgegeben. 2015 will die Regierung entscheiden, ob sie die Förderungsgenehmigung für ihr Lizenzgebiet beantragen will. Auch Japan, Norwegen und Südkorea erwägen den Abbau der Metallklumpen.

Die neuen Zahlen stimmen immerhin zuversichtlich: Mancherorts seien 30 Kilogramm Manganknollen pro Quadratmeter festgestellt worden, berichtet die BGR. Ab zehn Kilogramm auf dieser Fläche gilt der Abbau als möglicherweise wirtschaftlich. Wenigstens zwei Millionen Tonnen der Knollen müssen allerdings pro Jahr gefördert werden, damit es sich lohne, heißt es in den Fachkreisen der Bundesregierung.

Jedoch, so räumen die Experten ein: Noch gebe es keine nachweislich funktionierende Technologie für den Abbau - sondern lediglich Konzepte.

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