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Geoforschung: Ist die Sonne schuld am Klimawandel?

Aus Wien berichtet

Überschwemmungen, Erdbeben, Klimawandel: Manche Wissenschaftler wollen solche Katastrophen mit periodischen Sonnenzyklen erklären. Die Beweislage ist dünn - einige Argumente ähneln der Astrologie. Wenn Befürworter und Gegner der Theorie aufeinander treffen, ist Krach programmiert.

"Die Erde kühlt sich ab!"

"Nein, das ist falsch!"

"Die Temperaturen sinken."

"Unsinn."

"Ich glaube Ihren Modellen nicht!"

Es ging richtig zur Sache auf dem Jahrestreffen der European Geophysical Union (EGU) in Wien, auf dem sich Geoforscher normalerweise brav Vorträge anhören und am Schluss freundlich Beifall klatschen. Der Disput entbrannte am Ende einer Diskussion, die mit "Große Debatten in der Geoforschung" überschrieben war. Zumindest das Ziel, eine Debatte zu entfachen, war erreicht.

In der Podiumsdiskussion sollte es um die Frage gehen, ob und wie Planetenbewegungen und Sonnenaktivitäten den Klimawandel und andere geologischen Prozesse auf der Erde beeinflussen. Schon die Wahl des Themas dürfte mancher der in Wien versammelten 8000 Geoforscher als Provokation empfunden haben. Gilt doch die These, dass die Erderwärmung nicht auf mehr CO2 in der Atmosphäre, sondern allein auf Schwankungen solarer Aktivitäten zurückgeht, längst als widerlegt.

Doch Moderator Richard Mackay, ein Statistik-Experte aus Australien, wies von Anfang an auf in der Tat bestehende Unsicherheiten in den Klimamodellen hin: "Die Theorien zum Klimawandel sind noch nicht vollständig bestätigt."

Dann überraschten die Diskussionsteilnehmer das Publikum mit gewagten Thesen und wenig bekannten Fakten über die Sonne. Zum Beispiel mit dem Phänomen, dass die Sonne permanent um den Schwerpunkt des Sonnensystems herumeiert - genannt Solar Inertial Motion (SIM). Bis zu 4,3 Sonnenradien (3.000.000 Kilometer) entfernt sich das Zentralgestirn immer wieder vom Schwerpunkt des Sonnensystems. Auslöser ist die Bewegung der sie umkreisenden Planeten - in erster Linie die besonders massereichen Jupiter und Saturn. Ein ähnliches Phänomen tritt auch bei Erde und Mond auf.

Das Interessante dabei: Die Planeten kneten die Sonne ebenso durch wie die Erde den Mond. Durch die Gravitationswirkungen treten Gezeitenkräfte auf, was wiederum Vorgänge im Inneren unseres Zentralgestirns auslösen könnte.

Die SIM-Bewegung der Sonne hat eine Periode von 179 Jahren - das ist deutlich länger als der Rhythmus von 11 Jahren, in dem die Sonnenaktivität variiert. Man habe interessante Korrelationen der SIM-Periode mit vulkanischen Aktivitäten entdeckt, berichte Pavel Hejda vom Tschechischen Institut für Geophysik in Prag dem erstaunten Publikum, es gebe auch Zusammenhänge mit Überschwemmungen in Tschechien. Katya Georgieva vom Labor für Solar-Terrestrische Einflüsse der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften erzählte von schwächeren Erdbeben, die mit Ausbrüchen auf der Sonne korrelieren sollen.

"Wir kennen den genauen Grund nicht"

Die beschriebene Beeinflussung der Sonne durch die Planetenkonstellation und die Rückwirkungen auf die Erde könnten auch als wissenschaftliche Begründung von Astrologie herhalten. Eine physikalische Erklärung für die angeblich entdeckten Korrelationen blieben die Sonnenforscher freilich schuldig: "Wir kennen den genauen Grund nicht", sagte Silvia Duhau vom Laboratorium für Geophysik der Universität Buenos Aires, "wir haben kein Modell dafür, wir haben nur eine Korrelation."

Und das ist auch genau das Hauptproblem der in Wien vorgestellten Thesen. "Korrelation können zufällig sein", sagte Luca Montabone, Planetenforscher an der Open University in Milton Keynes (Großbritannien) nach der Diskussion. Kurven, die parallel auf und ab gingen, müssten noch nichts bedeuten. Wer lange genug suche, finde irgendwann Korrelationen, auch wenn diese keine Bedeutung hätten.

Wie geschicktes Glätten von Kurven und kleine Rechenfehler Zusammenhänge scheinbar belegen können, hatte schon die Temperatur-Sonnenaktivitätskurve der dänischen Forscher Eigil Friis-Christensen und Knud Lassen gezeigt. Sie erschien 1991 im renommierten "Science"-Magazin und wurde in den Folgejahren immer wieder zitiert. Die Kurve legt nahe, dass Schwankungen der Länge des Solarzyklus' und Änderungen der Temperatur auf der Erde miteinander synchronisiert sind. Der Mythos des von der Sonne verursachten Klimawandels war geboren.

Der Amerikaner Paul Damon und der Däne Peter Laut konnten jedoch 2004 zeigen, dass Rechenfehler im Sonnenzyklus und die spezielle Glättungstechnik der Temperaturkurve für das Phänomen verantwortlich sind. Dies hielt die Sonnenforscher auf dem EGU-Kongress in Wien jedoch nicht davon ab, die These von Solaraktivitäten zu wiederholen, die angeblich maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich sind.

"Der Planet kühlt sich ab", erklärte der Australier Richard Mackay, der hauptberuflich nichts mit Klimaforschung zu tun hat, sondern als Statistikexperte am Australian National Audit Office (ANAO) arbeitet, eine mit dem Bundesrechnungshof vergleichbare Behörde. "Spuren von Gasen in der Atmosphäre spielen keine Rolle", sagte die Argentinierin Duhau in Anspielung auf CO2. Den gängigen Klimamodellen, wie sie auch der Weltklimarat IPCC nutzt, sei nicht zu glauben. "Sie passen ja nur Parameter an", warf sie Forscherkollegen im Publikum vor, die ihr immer wieder in die Parade fuhren.

Eklat zum Diskussionsende

Die Diskussion endete im Eklat. Luca Montabone verließ zusammen mit den wenigen noch verbliebenen Zuhörern genervt den Saal. "Ich will ja nicht bestreiten, dass Sonnenaktivitäten oder die Solar Inertial Motion Auswirkungen auf unser Klima haben", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Frage sei nur, ob diese Effekte von der Größe her mit der Wirkung der Treibhausgase vergleichbar seien. "Tausende Publikationen über den Klimawandel sprechen dagegen."

"Die wollen alles mit der Sonne erklären", ergänzte Dietrich Feist vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. "Wenn die Recht haben, können wir ganze Bereiche der Geowissenschaft schließen und uns allein auf Solarforschung konzentrieren."

Montabone wirft den Sonnenforschern vor, die von ihnen beschriebenen Effekte nicht direkt mit der Wirkung der Treibhausgase verglichen zu haben. Nur so ließe sich aber überprüfen, was wirklich von den solaren Einflüssen zu halten sei. Zudem müssten die Forscher ihre Theorien auch an anderen Planeten testen. "Mit unseren Klimamodellen können wir sehr gut erklären, warum es auf der Venus deutlich wärmer ist, obwohl sie praktisch dieselbe Strahlung abbekommt. Es liegt am vielen CO2 in der Atmosphäre."

Verdammen will Montabone die Forscherkollegen trotzdem nicht: "Wissenschaft ist kein Dogma." Man müsse auch Meinungen und Theorien präsentieren können, die im Gegensatz zu dem stünden, was die meisten Forscher für richtig hielten. "Wissenschaftler müssen ihre Modelle und Thesen aber auch überprüfen."

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