Geoforschung Tausende Hüpfer lassen Eifel erzittern

Beim Festival Rock am Ring haben Zehntausende Musikfans versucht, ein leichtes Erdbeben auszulösen - sie sprangen beim Auftritt von Wir sind Helden synchron in die Luft. Geophysiker haben das Massenexperiment mit Messgeräten überwacht und festgestellt: Musik ist stärker als Gehüpfe.

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Als Erdbebenforscher experimentiert man normalerweise nicht mit Menschen. Heute Morgen kurz vor halb zwei hatte Birger Lühr vom Potsdamer Geo-Forschungs-Zentrum (GFZ) jedoch die seltene Gelegenheit, einige Zehntausend Konzertbesucher beim Festival Rock am Ring nach seiner Pfeife tanzen - oder besser hüpfen - zu lassen.

Weil ein Erdbebenforscher das jedoch kaum allein hinbekommt, bedienten sich Lühr und die Redaktion des WDR-Wissenschaftsmagazins "Quarks & Co" der Hilfe von Wir sind Helden. Die Band, die gerade ein neues Album veröffentlicht hat, baute das Sprungexperiment bereitwillig in ihren Gig ein. Unter dem Motte "Science meets Pop" forderte Leadsängerin Judith Holofernes ihre Fans auf, für den Fortschritt der Geoforschung abzuheben - möglichst synchron. Der Schlagzeuger gab den Rhythmus vor, die Besucher sollten so in die Luft springen, dass sie bei jedem dritten Trommelschlag gleichzeitig auf dem Boden landeten.

"Mehrere Zehntausend Besucher machten mit", sagte WDR-Reporter Uli Grünewald im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Und tatsächlich habe der Boden am Konzertgelände angefangen zu schwingen. "Nahe der Bühne bewegte sich die Erde, allerdings deutlich weniger als einen Millimeter nach oben und unten."

Auf der Nürburg spürte man die Schwingungen noch

Erdbebenexperte Lühr überwachte die Sprünge der Konzertbesucher mit vier Seismografen. Fest steht mittlerweile: Auch auf der Nürburg - einen Kilometer Luftlinie von der Bühne entfernt - kamen die vom Synchronspringen ausgelösten Schwingungen noch an.

Anlass des Experiments war eine eher theoretische Frage: Was würde passieren, wenn alle 1,3 Milliarden Chinesen gleichzeitig in die Luft springen? Würde die Erde beben? Und falls ja, wie stark? Die Redaktion von "Quarks & Co" hatte bereits vorab einige Experimente initiiert: Erst versuchte ein Bodenturner, mit Flickflacks und Salti eine Wiese zu erschüttern. Später sprangen 47 muskelbepackte Footballspieler im Rhythmus des Queen-Hits "We Will Rock You" auf und nieder. Immer dabei: die GFZ-Experten aus Potsdam.

Bei den Footballspielern zeigte sich bereits, wie schwierig es ist, eine größere Gruppe von Menschen synchron hüpfen zu lassen: Die Schwingungsamplitude sei nicht so groß gewesen, wie man durch das Summieren von 47 Einzelspringern erwartet hätte, sagte Lühr im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Weil die Männer nicht exakt zum gleichen Zeitpunkt landeten, komme es zu "destruktiven Interferenzen". Im Klartext: Die leicht verschobenen Signale überlagerten sich und schwächten sich gegenseitig ab.

Das Gleiche, wenn auch in viel größerem Maßstab, passierte wohl auch heute früh auf dem Nürburgring. "Das Signal war ein bisschen enttäuschend, dafür dass so viele Menschen gesprungen sind", erklärte Lühr. "Man kriegt die Leute nicht koordiniert, so dass ein scharfes Signal entsteht." Die größten Amplituden habe man zwischen drei und fünf Hertz gemessen. "In diesem Frequenzbereich werden Schwingungen in der Eifelregion sehr gut übertragen - eigentlich sehr gute Voraussetzungen für eine Übertragung in größere Entfernungen."

Bassgitarren zehnmal stärker als Tausende Hüpfer

Doch insgesamt erwies sich das Signal als zu schwach. Waren die Konzertbesucher schon zu müde, um Geophysik-Geschichte zu schreiben? Die Erde bebte vielleicht nach Meinung vieler Musikfans, wissenschaftlich gesehen jedoch nicht.

Die Geologen maßen übrigens doch noch stärkere Ausschläge. Diese rührten allerdings nicht vom koordinierten Gehüpfe her, sondern hatten anderen Gründe: "Musik war das dominierende Signal", sagte Lühr, "das war schon verwunderlich." Das von den Musikern über die Lautsprecher erzeugte Schwingen des Bodens sei um den Faktor zehn größer gewesen. "Unsere Messgeräte arbeiten bis 100 Hertz und haben vor allem die Signale der Bassgitarren sehr genau erfasst."

Die Frage, ob 1,3 Milliarden Chinesen ein Erdbeben auslösen können, hatte sich der Geophysiker bereits vor dem Experiment am Nürburgring beantwortet. "Ich habe das mal überschlagen", erklärte Lühr, es käme eine Energie von 1012 Joule zusammmen. Das entspräche einem Erdbeben der Magnitude eins - für Geophysiker nichts Besonderes. Derartige Beben kommen häufig vor und können allein mit Messgeräten nachgewiesen werden. Menschen indes bemerken Beben erst ab einer Stärke von drei.


Quarks & Co sendet seinen Beitrag über das Erdbebenexperiment am Nürburgring am 12. Juni im WDR.



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