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Geologen in der Arktis: Schatzsuche im Eisbärenland

Aus Longyearbyen berichtet

Eisbärenwarnung in Spitzbergen: Unterwegs ist man am besten nur mit Bewaffnung Zur Großansicht
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Eisbärenwarnung in Spitzbergen: Unterwegs ist man am besten nur mit Bewaffnung

Wenn in der Arktis tatsächlich große Mengen Öl zu finden sind - wie lassen sich die Lagerstätten aufspüren? SPIEGEL ONLINE hat Geologen nach Spitzbergen begleitet: Ausgerechnet in den Bergen wollen sie herausfinden, wie der wertvolle Rohstoff im Meer entdeckt werden kann.

Longyearbyen - Es wäre der Albtraum jedes Pauschaltouristen: Am Strand ist es kalt und zugig - und das Wasser ist weit weg. Wir stehen 200 Höhenmeter über dem Van Keulen Fjord im Südwesten von Spitzbergen - und die Zeiten, als an dieser Stelle Meer war, sind etwa 50 Millionen Jahre vorbei. Jetzt drängelt sich an der steilen Flanke des Berges Storvola ein Trupp Geologen, um etwas über die Zukunft der Ölförderung zu lernen.

"Spitzbergen ist ein riesiges Geologielehrbuch", sagt Erling Siggerud. Der bärtige Norweger mit der Statur eines Bären berät als Ein-Mann-Unternehmen diverse Ölkonzerne, die sich zunehmend für die Schätze der Arktis interessieren. "In den Felsen hier bekommt man Dinge zu Gesicht, die ansonsten Hunderte von Metern unter dem Ozeanboden versteckt sind." Deswegen kraxeln unter Siggeruds Führung zwei Dutzend Geologen verschiedener Ölgesellschaften und Explorationsfirmen durch die Felsen der Arktisinsel. Woodside aus Australien ist da, Impex aus Japan, auch BP und Maersk Oil haben Abgesandte geschickt.

Zu sehen gibt es riesige Sedimentformationen: Eine Gesteinsschicht ist gut sichtbar auf die nächste geschichtet, insgesamt rund 600 Meter hoch. Im schneidenden Polarwind erklärt Siggerud, wie Flüsse im Eozän - also der Zeit vor 55 bis 34 Millionen Jahren - immer wieder Ablagerungen in das damals an dieser Stelle existierende flache Meeresbecken brachte, wie der Meeresspiegel abwechselnd stieg und sank – und was das für die Erdölsuche bedeutet, wo die Geologen oft mit ähnlichen Formationen zu tun haben.

Die Anreise zur Outdoor-Geologiestunde war ein Abenteuer: Von der Inselhauptstadt Longyearbyen, gelegen auf 78 Grad, 13 Minuten nördlicher Breite, ging es zunächst mit dem schwedischen Expeditionsschiff "Origo" in den Südwesten der Insel. Für die letzten paar hundert Meter zum Ziel mussten wir den signalfarbenen Überlebensanzug anlegen, der einen beim Sturz ins eiskalte Wasser bis zu sechs Stunden vor dem Erfrieren schützen soll. Dann ging es im Schlauchboot weiter.

"Das ist Eisbärenland"

Eine Viertelstunde war unser Zodiac unmittelbar vor dem Strand gekreist, ohne anzulegen. Denn Expeditionsleiter Siggerud war mit einem anderen Boot vorgefahren, um die hügelige Moränenlandschaft an der Landestelle zu erkunden - bewaffnet mit einem Mauser-Karabiner, Baujahr 1938 und fünf Patronen. "Das ist Eisbärenland", erklärte Erling, nachdem wir schließlich an Land gegangen waren.

Gerade zum Ende des kurzen Sommers ist das größte Landraubtier des Planeten hungrig. Rund 3000 Bären soll es auf Spitzbergen geben - damit sind sie gegenüber den menschlichen Einwohnern in der Überzahl. Doch mit der Ruhe und Abgeschiedenheit könnte es bald vorbei sein. Der hohe Norden ist ein extrem spannender Platz für Ölfirmen geworden. Kürzlich hat der geologische Dienst der USA festgestellt, dass rund 22 Prozent der weltweit noch nicht entdeckten Vorkommen an Öl und Gas in der Arktis liegen dürften.

Interessant ist zum Beispiel die Barentssee: Zwei Dutzend Explorationsfirmen treiben sich dieser Tage in dem rund 450.000 Quadratkilometer großen Gewässer zwischen der Insel Nowaja Semlja im Osten und der Grönlandsee im Westen herum. Riesige Messschiffe - ihr Mietpreis pro Tag liegt bei etwa einer halben Million Euro - durchkreuzen die See und erstellen seismische Profile, auf denen die Struktur des Ozeanbodens grafisch abgebildet wird.

Um potentiell interessante Gebiete für die Ölsuche zu finden, werden mit sogenannten Luftpulsern Schallwellen ins Wasser gesendet. An bis zu zehn Kilometer langen Kabeln wird dann ein Fächer von Mikrofonen hinter dem Schiff hergeschleppt, um die von den verschiedenen Schichten reflektierten Signale aufzufangen.

Bei der Interpretation der Daten soll die Klettertour in Spitzbergen helfen. Denn hier können die Geologen die Gesteinsformationen mit eigenen Augen sehen, die sie sonst nur auf dem seismischen Profil erahnen. "Ölsuche ist ein Puzzle", sagt Idar Horstad von der Explorationsfirma Fugro. "Das Problem ist: Man weiß erstens nicht, wie viele Teile es gibt und man hat zweitens keine Ahnung, wo sich die Teile verstecken."

Die Last auf den Geologen ist groß. Wenn sie ihren Konzernen empfehlen, an einer bestimmten Stelle ein Loch zu bohren, geht es um viel Geld. Wer den Bohrer an der falschen Stelle ansetzt, der kann locker bis zu 200 Millionen Euro in den Sand setzen - im wahren Sinne des Wortes.

Erdöl auf Wanderschaft

Um nachzuvollziehen, wonach die Geologen auf den seismischen Profilen suchen, muss man verstehen, wie Erdöl eigentlich entsteht: Abgestorbenes Plankton, winzige Meeresorganismen, sinken zum Meeresgrund, wo es im Laufe der Zeit von Sedimenten bedeckt werden, die von Flüssen ins Meer getragen wurden. Wie das aussieht, sehen die Geologen zum Beispiel am Hang des Storvola. "Dieselben Verhältnisse wie hier gibt es in tiefen Bereichen der norwegischen See und der Barentssee", sagt Expeditionsleiter Siggerud.

Je mehr Sedimente auf dem Ozeanboden abgelagert werden, desto höher steigen Druck und Temperatur: Die Überreste des Planktons wandeln sich unter diesen Bedingungen in organische Verbindungen um, die vorwiegend aus Kohlenstoff und Wasserstoff bestehen. Gesteine, in denen solche Prozesse ablaufen, Schiefer zum Beispiel, bilden das sogenannten Erdöl-Muttergestein.

Von dort aus geht das Erdöl auf Wanderschaft, und macht sich bei höheren Temperaturen in weiter oben gelegene Gesteinsschichten auf. Migration heißt dieser langwierige Prozess, bei dem das Erdöl in besonders poröse Sedimentschichten steigt - zum Beispiel in Sandsteine, wie man sie auf Spitzbergen gut sehen kann. Wenn diese Bereiche dann von undurchlässigen Schichten, zum Beispiel einem Tongestein abgedeckt werden, reichert sich das Erdöl langsam an.

"Das ist normalerweise eine gute Konstellation für Öl"

Doch für eine ergiebige Öllagerstätte reichen selbst diese vielen Voraussetzungen noch nicht aus. Denn der gesamte Sedimentstapel mit all seinen verschiedenen Schichten, also Mutter- , Speicher- und Deckgestein, muss auch durch tektonische Prozesse gefaltet oder gestört sein. Ein Speichergestein kann nur dann eine "Erdölfalle" bilden, wie die Geologen es nennen, wenn es auch seitlich von undurchlässigen Sperrschichten begrenzt wird.

Direkt um Spitzbergen herum, so stellen einige der mitgereisten Geologen unter der Hand fest, dürfte es deswegen nur wenig Öl zu holen geben. Es hätten sich hier nach bisherigem Kenntnisstand einfach keine nennenswerten Erdölfallen bilden können. In der Tat hatten einige wenige Explorationsbohrungen nahe der Inseln entweder magere oder gar keine Resultate gebracht.

Weiter südlicher in der Barentssee sehe die Lage aber schon ganz anders aus. Hier gibt es ein durch einen Grabenbruch entstandenes geologisches Becken - und oft vorzüglich geschichtete Sedimente. "Das ist normalerweise eine gute Konstellation für Öl", sagt Tore Hansen von Fugro.

Zum Beweis wird zurück an Bord der "Origo" ein seismisches Profil an die Wand der Schiffsmesse gepinnt. Zu sehen ist die Barentssee; auf vier mal einem Meter fasst das Bild ein riesiges Gebiet zusammen. "Von links nach rechts sehen wir 400 Kilometer, und von der Höhe her zweimal den Himalaja", sagt Idar Horstad.

"Es gibt so viele Aktivitäten in der Arktis wie noch nie"

Gesucht wird ein Erdölsystem: Schiefer, wo der wertvolle Stoff entstanden sein könnte, poröser Sandstein zum Speichern - und das alles schön abgedeckt und anschließend gefaltet. "Muttergestein wie Schiefer zu finden, ist kein Problem in der Barentssee", sagt Fugro-Mann Hansen. "Speichergestein und Fallen sind eine spannendere Frage." Und so brüten die Geologen über dem Profil, auf der Suche nach Formationen, wie sie sie bei ihrer Klettertour am Berg gesehen haben. Wer dabei etwas interessantes findet, dürfte es wegen der Brisanz allerdings für sich behalten - und bei nächster Gelegenheit an die heimische Konzernzentrale melden.

Nicht nur für die Ölsuche in der Barentssee ist die Geologie von Spitzbergen spannend, sondern auch für die noch weitgehend vom Eis bedeckte Küste Ostgrönlands. Auch zu diesem Bereich, in dem der Geologische Dienst der USA ein besonders hohes Ölpotential sieht, gibt es Analogien. Die Industrie ist bereits hellwach: Vor der Küste von Ostgrönland hat es in diesem Sommer eine erste Bohrung gegeben, sie war allerdings weniger als hundert Meter tief.

"Es gibt so viele Aktivitäten in der Arktis wie noch nie", bestätigt auch Neil Hamilton. Der Australier ist ebenfalls Geologe - und Chef des Arktisprogramms der Umweltschutzorganisation WWF. Hamilton ist damit eine Art klassischer Gegenspieler zu den Ölkonzernen. Dass die Bemühungen der Ölindustrie um die Arktis innerhalb kürzester Zeit massiv zugenommen hätten, sei "bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich", gesteht der Umweltschützer ein. Zu bedeutend seien die vermuteten Lagerstätten, zu hoch die Preise an den internationalen Rohstoffmärkten.

Doch dem hohen Norden drohe ein immenser Schaden, warnt Hamilton: "Es gibt keine Regeln, welche Schiffe in der Arktis fahren können. Es gibt keine Regeln darüber, welche Aktivitäten erlaubt sind und welche nicht. Es gibt keine Umweltgrenzwerte."

Der Umweltschützer, ein ausgebildeter Geologe, der das Fahren von Motorrädern und alten Sportwagen zu seinen Hobbys zählt, ist kein Eiferer. Er weiß, dass er mit Fundamentalopposition nichts erreichen wird. "Wir sagen nicht: Holt kein Öl aus der Arktis - und Schluss. Wir sagen nur: Schließt die technologische Lücke", sagt er - und spielt auf die fehlende Fähigkeiten zur Säuberung der arktischen Umwelt nach Ölunfällen an. Es sei derzeit "physisch unmöglich", die Arktis nach einer Ölkatastrophe wieder zu säubern.

Ausgelaufenes Öl zersetzt sich nur sehr langsam in der Kälte. Wie man die zähe schwarze Masse aus Eis herausbekommt, ist Technikern völlig unklar. Und sechs Monate Polarnacht wären an einer potentiellen Unglücksstelle sicher auch ein massives Hindernis für jedwede Rettungsarbeiten.

Wenn die nötigen Technologie in "fünf bis zehn Jahren" zur Verfügung stehe, sagt WWF-Mann Hamilton, dann könne man "vielleicht anfangen, darüber zu sprechen", ob Öl in der hohen Arktis gefördert werden könne.

Doch so lange wollen die Konzerne kaum warten.

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1. Kenne nur ...
ugt 07.10.2011
Zitat von sysopWenn in der Arktis tatsächlich große Mengen Öl zu finden sind - wie lassen sich die Lagerstätten aufspüren? SPIEGEL ONLINE hat Geologen nach Spitzbergen begleitet: Ausgerechnet in den Bergen wollen sie herausfinden, wie der wertvolle Rohstoff im Meer entdeckt werden kann. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,575006,00.html
... Gummibarenland, machen die leckeresten Weingummi die wo gibt :-D
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