100.000 Jahre Inzucht Das verarmte Genom der Geparden

Geparden sind die schnellsten Landlebewesen der Welt, wir sehen sie als prototypische Jäger. Eine Studie aber zeigt sie als höchst bedrohte Pflegefälle: Sie sind die letzten inzüchtigen Reste einer eiszeitlichen Migration aus Amerika.

Von

Corbis

Der nächste Verwandte des Geparden, das weiß man seit einigen Jahren, ist der nordamerikanische Puma. Eine aktuelle paläo-genetische Studie liefert nun die Erklärung dafür, wie das möglich ist: Demnach wanderten Geparden von Nordamerika kommend nach Asien und von dort nach Afrika ein. Rund 100.000 Jahre ist das her, und sie nahmen dabei den gleichen Weg, den in einer späteren Eiszeit auch der Mensch nehmen sollte: Sie kamen über die Beringstraße, nur eben in gegenläufiger Richtung.

Das macht Geparden zu den letzten Resten einer Raubkatzenpopulation, die in ihrem Herkunftsgebiet Amerika mit dem Ende der letzten Eiszeit fast komplett verschwand. Es steht zu befürchten, dass auch die noch lebenden Geparden bald verschwinden werden - und nicht nur, weil sie ihre Lebensräume verlieren.

Geparden geraten auch besonders schnell unter Druck, weil sie ungewöhnlich labil sind: Alle ihre Populationen sind hochgradig inzüchtig. Das geht einher mit einer messbar hohen Sterblichkeit bei Jungtieren und einer einer hohen Anfälligkeit für Infektionskrankheiten. Zudem komme es bei der Spermabildung zu extremen Abnormitäten, die die Fortpflanzungsrate auffällig niedrig hielten, schreiben Wissenschaftler im Fachmagazin "Genome Biology". Die Forscher erklären die genetische Verarmung der Geparden mit ihrer Herkunftsgeschichte.

Wer Gepard sagt, denkt heute an Afrika. Doch die extrem schnellen Raubtiere lebten einst auch in ganz Vorder- und Teilen von Zentralasien sowie in Teilen von Europa, ihr Verbreitungsgebiet reichte noch in geschichtlicher Zeit bis ins heutige Bangladesch.

Zur Abwechslung hat nicht der Mensch Schuld

Heute gibt es in Asien nur noch winzige Restbestände, insgesamt wird die Zahl der in Freiheit lebenden Geparden auf unter 13.000 Tiere geschätzt. Damit steht der Gepard am Rand der Auslöschung - Biologen gehen davon aus, dass die Populationen zu kollabieren beginnen, sobald der Bestand unter 10.000 fällt.

Doch genetisch verarmt und inzüchtig, sagen die Autoren der neuen Studie, waren Geparden seit sehr, sehr langer Zeit. Sie machten in der Evolutionsgeschichte der Geparden zwei extreme genetische Flaschenhälse aus: Darunter versteht man Zeiten, in denen es nur wenigen Exemplaren einer Spezies gelingt, sich fortzupflanzen. In der Folge fehlt es an genetischer Vielfalt.

Den ersten Flaschenhals, den die Geparden durchliefen, machen die Genetiker in der Zeit ihrer Wanderung über die Beringstraße fest. Es waren wohl nur sehr wenige Tiere, die dem Aussterben der Art in Nordamerika entkamen. Diese Gründungspopulation brachte entsprechend wenig genetische Varianz in den Genpool der nun in Eurasien lebenden Geparden ein.

Die verteilten sich bald südlich und östlich über ein gigantisches Gebiet nach Asien hinein und von dort nach Afrika. Es war dann wohl das arttypische Verhalten der Geparden selbst, das den Trend zur Inzucht weiter förderte: Geparden sind sehr terretorial, beanspruchen und bejagen Reviere, die rund 800 bis 2000 Quadratkilometer umfassen können. Viel Kontakt zu "Nachbarn" ergibt sich da nicht - auch wenn die notorisch "untreuen" Weibchen jede Gelegenheit zum "Gen-Shopping" nutzen.

Geparden brauchen Gen-Mix

Die genauen Ursachen des zweiten genetischen Flaschenhalses kennt man nicht. Klar ist aber, dass der mit dem Ende der letzten Eiszeit zusammenfiel.

Wie inzüchtig Geparden sind, machen die Forscher mithilfe einiger Beispiele klar. Demnach ist ihre genetische Varianz deutlich geringer, als selbst bei inzüchtigen Rassehunden oder Katzen - sie zeigten nur ein bis zehn Prozent der Varianz, die selbst überzüchtete Tiere sonst aufwiesen.

Das gehe soweit, dass man Geparden Haut von Artgenossen verpflanzen könne, ohne dass eine Immunreaktion erfolgte. Zum Teil, schreiben die Forscher, sei das auf den durch Inzucht verursachten Verlust bestimmter, das Immunsystem regulierender Gene zurückzuführen, aber eben auch auf ihren hohen Verwandtschaftsgrad.

Daran könnte der Mensch etwas ändern, indem er Tiere aus weit getrennten Populationen mit der größtmöglichen Gen-Varianz zusammenbringt. Die Forscher hoffen jedenfalls darauf, dass ihre Erkenntnisse in Versuche einfließen werden, den Bestand der Geparden zu sichern.

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