Gerichtsurteil: Meteorit "Neuschwanstein 3" gehört dem Finder

Fünf Jahre, nachdem ein Meteorit-Brocken über Tirol niederging und im juristischen Niemandsland gelandet war, hat ein deutsches Gericht nun entschieden: Der fast drei Kilogramm schwere "Neuschwanstein 3" gehört dem deutschen Finder. Der Hobby-Meteoritenforscher könnte nun reich werden.

Augsburg - Es war ein Naturschauspiel der besonderen Art. Ein glühender Feuerball über dem Ammergebirge, unweit von Schloss Neuschwanstein, sorgte in jener Aprilnacht 2002 für großes Aufsehen in der Bevölkerung: In der Nähe des Märchenschlosses ging ein Meteoritenschauer nieder. Ein 4,5 Milliarden Jahre alter Meteorit zerbrach in dem Feuerball, eine fieberhafte Suche nach den Einzelteilen begann.

Bruchstück des "Neuschwanstein"-Meteoriten: Brocken 1 und 2 ähneln sich wie Zwillinge, das dritte Fundstück wird versteckt
DPA

Bruchstück des "Neuschwanstein"-Meteoriten: Brocken 1 und 2 ähneln sich wie Zwillinge, das dritte Fundstück wird versteckt

Eines der Teile, "Neuschwanstein 3" genannt, wurde Gegenstand eines kuriosen deutsch-österreichischen Rechtsstreits über die Frage, wer das Fundstück behalten darf. Heute fällte das Landgericht Augsburg sein Urteil: Die Klage der österreichischen Gemeinde Reutte, auf deren Grundstück der 2842 Gramm schwere Himmelskörper niedergegangen war, scheiterte - das Gericht sprach den Brocken dem Finder Karl Wimmer zu.

Der deutsche Physiker und Hobby-Meteoritenforscher hatte gut eineinviertel Jahre nach dem nächtlichen Feuerball, am 29. Juni 2003, im Ammergebirge "Neuschwanstein 3" entdeckt - mithilfe eigener Berechnungen und Computersimulationen.

Bald schon wurde der Meteorit zur "Weltsensation" hochgestuft. Doch weil "Neuschwanstein 3" nicht auf bayerischem Hoheitsgebiet eingeschlagen war, sondern auf jenem Geröllfeld bei Reutte, begann ein zähes Ringen um das Besitzrecht an dem Gesteinsbrockens.

"Neuschwanstein 3" bislang an geheimem Ort versteckt

Bis heute ist "Neuschwanstein 3" bei seinem Finder. Er bewahre das Fundstück an einem geheim gehaltenen Ort sicher auf, sagt Wimmer. Immerhin soll das Fundstück einen materiellen Wert von rund 300.000 Euro haben; Richter Franz Wörz hat den ursprünglichen Streitwert von 80.000 Euro gar auf 200.000 Euro erhöht. Für die Wissenschaft ist der Meteoriten-Brocken von unschätzbarem Wert.

Was den Gesteinsbrocken so wertvoll mache, sei die Tatsache, dass es sich um ein seltenes Fragment handele, aus der Zeit der Entstehung unseres Sonnensystems, erläuterte Wimmer. Es seien vermutlich die Überreste einer Kollision von zwei entstehungsgeschichtlich unterschiedlichen Asteroiden. "Vor 48 Millionen Jahren kam es zum Zusammenstoß. Was ich gefunden habe, ist ein Teilstück", sagt der Hobbyastronom.

Für Richter Wörz war der Streit zwischen dem deutschen Finder und dem österreichischen Ort juristisches Neuland. Es gebe bislang einfach noch keine Rechtsprechung im deutschsprachigen Raum, die den Fund eines Meteoriten regele, sagte er vor der Urteilsverkündigung. Würde beispielsweise der Fund als "Schatz" gewertet, dann gäbe es eine Halbe-Halbe-Lösung für Finder und Gemeinde. Anders dagegen wäre die Rechtslage, wenn es sich um einen sogenannten Zuwachs handeln sollte.

Genau diese Position vertrat der Bürgermeister von Reutte, Helmut Wiesenegg. Er erhob Anspruch auf den Stein. "Da gibt es keinen Kuhhandel vorher", antwortete er auf die Frage, ob er dem Finder nicht einfach das Meteoritenstück abkaufen will, der so viel Zeit ins Auffinden gesteckt hat.

Deutscher Richter entscheidet nach Österreichs Recht

Richter Wörz musste sich für den Prozess nach eigenen Angaben erst einmal in das österreichische Recht einarbeiten. Denn auch wenn der Gerichtsstand Augsburg hieß, war doch das Recht des Nachbarstaates anzuwenden.

Finder Wimmer dachte in den letzten Tagen wieder oft an den für ihn so bedeutenden 29. Juni 2003. Schon oft zuvor war er mit seiner Frau im vermeintlichen Absturzgebiet im Allgäu und jenseits der Grenze unterwegs. An jenem Junitag machte er sich nach neuerlichen und noch exakteren Berechnungen allein auf ins Grenzgebiet von Bayern und Österreich. Genau um 18.14 Uhr wurde er schließlich fündig: Vor ihm lag der Stein, der wenig später für so viel Aufregung sorgen sollte. Was Forscher Wimmer zunächst gar nicht lieb war: eine Schnecke hatte es sich auf dem sensationellen Brocken bequem gemacht. "Die habe ich herunter genommen", sagte der Physiker.

Lange habe er an der Fundstelle gestanden, innerlich gejubelt und schließlich alles genaustens dokumentiert. Die Weihnachtsfeiertage 2002 seien ihm nochmals durch den Kopf gegangen, die er fast ausschließlich mit Berechnungen über die mögliche Absturzstelle verbracht hatte. Einen Forscherkollegen in Tschechien habe er aufgesucht und immer wieder nachgerechnet.

Es dürfe einfach nicht sein, dass ihm jetzt dieses Stück Weltall weggenommen werde, sagte der Hobbyforscher während des Prozesses. Die meisten Meteoriten würden doch von Privatleuten gefunden. Sollte in diesem Präzedenzfall gegen ihn entschieden werden, würden diese in die Illegalität getrieben, sagte Wimmer vor der Urteilsverkündung. Dann fiel die Entscheidung zu seinen Gunsten aus.

ddp, Klaus Wittmann

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