Leben auf der Erde: Forscher halten Arten-Inventur bis 2100 für möglich

Meeresschnecke: Im Reich der Wirbellosen gibt es viele neue Arten zu entdecken Zur Großansicht
M. J. Costello

Meeresschnecke: Im Reich der Wirbellosen gibt es viele neue Arten zu entdecken

Zahllose Tier- und Pflanzenarten könnten aussterben, bevor sie entdeckt sind - so zumindest lautet eine gängige Warnung. Eine neue Studie widerspricht: Die Zahl der Arten sei geringer als gedacht, und mit überschaubarem Aufwand ließen sich fast alle Spezies des Planeten bis zum Jahr 2100 erfassen.

Die Zahl der Spezies auf der Erde ist gigantisch, die der Biologen klein, und die Umweltzerstörung lässt die Artenvielfalt rapide schwinden. Aus diesem Dreiklang leiten Wissenschaftler und Umweltschützer regelmäßig die Schlussfolgerung ab, dass zahlreiche Arten verschwinden würden, ehe man sie überhaupt entdecken könnte.

Doch ein Forscherteam widerspricht dem nun. Mit mäßigem Mehraufwand könnten die Arten der Erde innerhalb einiger Jahrzehnte weitgehend erfasst werden, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Science". Die Biologen um Mark Costello von der neuseeländischen University of Auckland stützen ihre Meinung vor allem auf aktuelle Berechnungen der Artenvielfalt und die derzeitige Bestimmungsrate neuer Spezies.

Inventur auf der Erde billiger als Suche nach außerirdischem Leben

Costello und seine Mitautoren schätzen, dass es zurzeit auf der Erde zwei bis acht Millionen Arten gibt. Diese Zahl liegt nochmals niedriger als die Berechnung von Forschern des "Census of Marine Life" vom August 2011: Sie waren mit Hilfe einer neuartigen Stammbaumanalyse auf 7,4 bis 10 Millionen Spezies gekommen, von denen zwei Drittel auf dem Land und ein Drittel in den Meeren leben würden.

1,5 Millionen Spezies seien bereits erfasst, schreiben Costello und seine Kollegen nun. Mit etwas mehr Aufwand als bisher könnten die meisten fehlenden Arten bis zum Ende des Jahrhunderts bestimmt werden. Das würde weniger kosten als die Suche nach Leben auf fremden Planeten. In jüngster Zeit wurden jährlich etwa 18.000 neue Spezies bestimmt. Würde diese Zahl auf 20.000 steigen, wären bis zum Jahr 2100 etwa 3,5 Millionen Spezies erfasst, so die Forscher. In einer früheren Studie hatten sie berechnet, dass man die Rate mit einer jährlichen Förderung von etwa 375 bis 750 Millionen Euro verzehnfachen könnte.

Die Autoren verweisen in ihrem Beitrag mit dem Titel "Können wir die Arten der Erde benennen, bevor sie aussterben?" auch darauf, dass die Zahl der Taxonomen zunehme. Derzeit gebe es fast 50.000, und immer mehr Menschen widmeten sich der Bestimmung neuer Arten - vor allem in Asien und Südamerika, wo besonders viele unbekannte Spezies leben.

"Überhöhte Schätzungen sind kontraproduktiv"

Allerdings herrscht in der Fachwelt keine Einigkeit darüber, ob die Zahl der Taxonomen tatsächlich zu- oder abnimmt. Zudem lassen die Wissenschaftler noch ein weiteres Problem unberücksichtigt: Wichtiger als die Gesamtzahl der Forscher ist deren Spezialisierung. So beklagte Benoît Fontaine vom Pariser Naturkundemuseum kürzlich nicht nur den Mangel an Taxonomen, sondern auch die ungleiche Verteilung der Expertise. Auf hundert Fachleute für Wirbeltiere kämen demnach nur etwa zehn für Pflanzen und gerade einmal ein Experte für wirbellose Tiere. Doch gerade bei den Wirbellosen gibt es wohl die meisten neuen Arten zu entdecken.

Die taxonomischen Herausforderungen groß angelegter Entdeckungsaktionen seien nicht zu unterschätzen, schreiben Costello und seine Kollegen. Als Beispiel nennen sie eine vierwöchige intensive Erkundung des Meeresbodens um Neukaledonien, die rund 2700 Arten von Weichtieren hervorbrachte, von denen 80 Prozent der Wissenschaft neu waren.

Die Bestandsaufnahme sei vor allem wichtig zur Bewahrung bedrohter Lebewesen vor dem Aussterben. Ist eine Art benannt und ihre Existenz bestätigt, erleichtere dies ihren Schutz. Zudem helfe auch zusätzliches Wissen um Organismen und ihre Lebensräume bei ihrer Rettung. "Überhöhte Schätzungen zur Zahl der Arten auf der Erde sind kontraproduktiv, denn sie können Versuche zur Entdeckung und Erhaltung der Artenvielfalt aussichtslos erscheinen lassen", warnen die Forscher.

twn/dpa

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