Gestreutes Sonnenlicht Dreckluft lässt Pflanzen besser gedeihen

Der Mensch liebt Sonne und einen klaren Himmel. Pflanzen wachsen jedoch deutlich besser, wenn Abgase für dunstige Luft sorgen. Sie binden dann deutlich mehr CO2. Mehr Abgasfilter und sauberere Kraftwerke könnten die Erderwärmung deshalb noch beschleunigen.


Die Klimaforschung liefert mitunter paradoxe Erkenntnisse: Vor einem Jahr berichtete ein internationales Forscherteam, dass Maßnahmen zur Reinhaltung der Luft die Erderwärmung beschleunigen. Der Grund: Weil immer weniger Schmutz die Luft trübt, dringt mehr Sonnenlicht durch. Schwefelhaltiges Benzin, Öfen und Kraftwerke ohne Staubfilter hatten demnach einen kühlenden Effekt.

Mehr Licht, bitte: Eine diesige Atmosphäre fördert die Photosynthese, weil das Licht stärker gestreut wird
Sandra Patiño

Mehr Licht, bitte: Eine diesige Atmosphäre fördert die Photosynthese, weil das Licht stärker gestreut wird

Seit die Dunstglocke aus Sulfat-Schwebeteilchen schwindet, habe sich Europa noch kräftiger aufgeheizt als andere Regionen in mittleren Breiten, berichteten die Forscher. Der Anstieg der durchschnittlichen bodennahen Lufttemperatur seit 1980 um ein ganzes Grad Celsius ist demnach doppelt so stark, wie man erwarten dürfte.

Nun hat Martin Wild von der ETH Zürich gemeinsam mit Kollegen eine neue Aerosol-Studie vorgelegt, die einen weiteren klimaschädlichen Effekt der immer saubereren Luft belegt. Nicht nur mehr Sonnenlicht erreicht die unteren Atmosphärenschichten, die Pflanzen gedeihen auch weniger gut und binden somit weniger Kohlendioxid, jenes Treibhausgas, das als hauptverantwortlich für den Klimawandel gilt.

Das klingt zunächst absurd, denn wenn mehr Sonnenlicht die Pflanzen am Boden erreicht, dann klappt auch die Photosynthese besser. Wild und seine Kollegen konnten jedoch zeigen, dass Aerosole zwar die Gesamtmenge der Sonnenstrahlung mindern, das Licht zugleich jedoch stark streuen. Und dieses gestreute Licht wirkt auf Pflanzen wie Dünger: Der Umsatz der Pflanzen erhöhe sich durch diffuses Licht um 23,7 Prozent, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Weil die von Autos und Industrieanlagen in die Luft geblasenen Aerosole die Sonne jedoch auch dimmen, sinke die CO2-Aufnahme aber um etwa 14,4 Prozent (Zeitraum 1960 bis 1999). So bleibt am Ende ein Plus von 9,3 Prozent übrig. Mit anderen Worten: Wegen der dreckigen Luft haben die Pflanzen fast zehn Prozent mehr CO2 aus der Luft geholt als ohne die Aerosole. "Wenn die Luft sauberer wird, wird der Düngungseffekt schwächer", sagte Wild im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nach den Berechnungen des Forscherteams haben Wälder von 1960 bis 1999 weltweit die vom Menschen verursachten CO2-Emissionen "mehrerer Jahre" kompensiert.

In ihrer Studie untersuchten die Forscher auch die Folgen des Pinatubo-Ausbruchs auf den Philippinen im Jahr 1991. Damals gelangten riesige Aerosolmengen in die Atmosphäre. Der globale Kohlenstoffkreislauf wurde verändert, die CO2-Konzentration ging 1992 und 1993 sogar zurück. Der nun in "Nature" beschriebene Effekt des stärker gestreuten Sonnenlichts könnte dies erklären.

Gute Nachrichten sind die Erkenntnisse der Forscher nicht: "Wenn wir weiterhin die Luftreinheit in der unteren Atmosphäre verbessern, was wir um der menschlichen Gesundheit Willen machen müssen, dann wird es viel schwerer, den gefährlichen Klimawandel mittels Kohlendioxidreduktion zu vermeiden", sagte Mitautor Peter Cox von der University of Exeter. Womöglich reiche das bislang oft genannte Ziel einer CO2-Konzentration von 450 ppm nicht aus.

hda



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