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Gewagte These: Delfine sind doof

Beliebt wird sich der Neuroethologe Paul Manger mit dieser These wohl kaum machen: Delfine, behauptet er, hätten nur deshalb ein großes Gehirn, damit es ihnen im kalten Wasser nicht einfriert. Eigentlich seien die beliebten Kleinwale eher dämlich.

Was ranken sich um die populärste der kleineren Walarten nicht alles für Geschichten: Von Delfinen, die Menschen aus Seenot retten, Schwämme und andere Werkzeuge benutzen, heilend auf Körper und Geister geschundener Menschen wirkten. Wir wissen, dass sie zu unglaublichen Leistungen dressiert werden können, trauen ihnen so etwas wie eine Sprache zu und natürlich auch, nach uns das vielleicht intelligenteste Säugetier zu sein.

Das aber, behauptet der in Südafrika forschende Neuroethologe Paul Manger von der Universität Witwatersrand (Johannesburg), sei nicht sehr intelligent - von uns. In Wahrheit, so seine These, die direkt auf vehemente Kritik stieß, seien Delfine eher dämlich und würden in entsprechenden Experimenten nicht nur von Ratten, sondern mitunter gar von Goldfischen geschlagen. Flipper, unser aller bester Freund direkt nach Lassie, eine trübe Tasse?

Manger jedenfalls ist überzeugt, dass die Geschichte von der überaus großen Intelligenz der Meeressäuger auf einem Missverständnis beruht: "Wir setzen die Größe eines Gehirns mit Intelligenz gleich."

Das aber könne man nicht so einfach, glaubt Manger, denn mit dieser Behauptung gehe man davon aus, "dass alle Gehirne gleich gebaut sind". Wenn man sich aber das Gehirn des Delfins ansehe, erkenne man, dass dieses "nicht für eine Verarbeitung komplexer Informationen gebaut ist".

Manger macht das an einem Missverhältnis von Neuronen und so genannten Gliazellen in Delfinhirnen fest. Zwar sind auch die Gliazellen an der Informationsverarbeitung im Gehirn beteiligt, jedoch weit weniger als Neuronen: Gliazellen gelten vor allem als Stütz- und Haltegewebe, sorgen für eine Isolation der Neuronen und erzeugen auch Wärme. Genau dafür brauche sie der Delfin, glaubt Manger, denn anders als wechselwarme Fische sei ein Meeressäuger ständig "thermalen Herausforderungen" ausgesetzt. Im Klartext: Delfine leisteten sich ein großes Gehirn, damit es ihnen auch im kalten Wasser nicht unterkühlt.

Nur Fett statt geistig fit?

Zwar zeigten Delfine in Gefangenschaft tolle Kunststücke, die aber verwiesen eher auf die Qualitäten der Tiertrainer als auf die Intelligenz der Delfine: Sie konditionierten den Tieren ihr Verhalten durch Belohnungsreize an. Manger: "Reiz-Reaktions-Schemata gelten aber als eher niedriges Niveau an intelligentem Verhalten."

Vielmehr weise die Fähigkeit von Delfinen, zahlreiche Kunststücke zu erlernen, um sich so Belohnungen zu verdienen, diese als "zielgerichtete Beutejäger" aus, nicht als erfahrene Denker. Tatsächlich zeigten selbst Goldfische mehr Intelligenz in ihrem Fluchtverhalten, als mitunter Delfine. Das erste, was die meisten Tiere versuchten, wenn man sie auf zu kleinem Raum einsperrte, sei es, zu fliehen. Delfinen fiele das gar nicht ein. In Aquarien genüge es, die Tiere durch Trennwände zu separieren, die dreißig bis sechzig Zentimeter aus dem Wasser ragten - ein Kinderspiel für Flipper, so etwas zu überspringen. Das geschehe in der Praxis aber nicht, und Manger glaubt auch zu wissen, warum: "Auf so etwas kommen die gar nicht."

Paul Manger ist kein Delfinverächter. Der in Südafrika lehrende und forschende Schwede gilt als ausgewiesener Delfinexperte. Seine schon jetzt heftig umstrittene Studie zum Thema ("An examination of cetacean brain structure with a novel hypothesis correlating thermogenesis to the evolution of a big brain") erschien in Band 81, Volume 2 der Biological Reviews der Cambridge Philosphical Society. Es ist nicht die erste Arbeit über Defline, die Manger veröffentlichte. Zuletzt erregte Manger mit einer Studie über das Schlafverhalten von Delfinen 2004 Aufsehen.

pat/rtr

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