Gewitteratlas So oft schlägt der Blitz in Ihrem Landkreis ein

Das Risiko, vom Blitz getroffen zu werden, ist in Deutschland sehr ungleich verteilt: In manchen Regionen ist es siebenmal höher als in anderen. Der Gewitteratlas zeigt die Gefahr für alle Landkreise.

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Oft hat es gekracht diesen Sommer in Deutschland. Gewitter mit Starkregen verwüsteten Ortschaften; Blitze verletzten zahlreiche Menschen.

An manchen Sommertagen zucken Zehntausende Blitze über Deutschland. Das Gewitter-Risiko ist übers Land ganz unterschiedlich verteilt, wie Daten des Blitzinformationsdienstes der Firma Siemens (Blids) zeigen.

Am Alpenrand ist das Risiko, vom Blitz getroffen zu werden, siebenmal höher als in Schleswig-Holstein. Das zeigt die Auswertung aller Blitze in Deutschland von 1999 bis einschließlich 2015.

Spitzenreiter ist der Landkreis Garmisch-Partenkirchen, gefolgt vom Berchtesgadener Land in Südbayern. Dort schlugen in den gemessenen 17 Jahren pro Quadratkilometer jährlich 4,5 Blitze ein.

Am wenigsten Blitze trafen den Landkreis Rendsburg-Eckernförde im Osten Schleswig-Holsteins. Dort gab es pro Quadratkilometer lediglich 0,61 Einschläge im Jahr.

Im Süden und Südosten der Republik ist die Gefahr von Blitzen höher als im Norden. Außer im Alpenvorland blitzt es besonders häufig im Erzgebirge und auf der Schwäbischen Alb; besonders wenig an der Küste und im norddeutschen Flachland.

Jährliche Anzahl Blitzeinschläge pro Quadratkilometer (1999 - 2015)



Die Ursache für die großen Unterschiede im Bundesgebiet sind vor allem Gebirge und das Temperaturgefälle: An den Anhöhen von Erzgebirge, Schwäbischer Alb, den Alpen und Mittelgebirgen stauen sich vor allem im Sommer feuchtwarme Luftmassen. Steigen sie auf, sprießen oft mächtige ambossförmige Gewitterwolken - das perfekte Milieu für die zuckenden Starkstromfackeln

Im vergangenen Jahr war die bayerische Stadt Schweinfurt Spitzenreiter mit 4,5 Einschlägen pro Quadratkilometer - das waren doppelt so viele Blitze wie dort im langjährigen Durchschnitt einschlagen. Schlusslicht 2015 war Kiel mit 0,18 Treffern.

2015 war ein blitzarmes Jahr in Deutschland: "Mit rund 550.000 Blitzeinschlägen haben wir nur halb so viele Blitzeinschläge registriert wie etwa im unwetterreichen Jahr 2007, in dem es rund 1,1 Millionen waren", sagt Stephan Thern, Leiter des Blitz-Informationsdienstes.

Im weltweiten Vergleich freilich liegen selbst deutsche Blitzhochburgen hinten: In tropischen Regionen werden mancherorts mehr als 200 Blitze pro Quadratkilometer gemessen.

Deutsche Spitzenwerte liegen in manchen Jahren bei sechs Blitzen pro Quadratkilometer, was einer Million Quadratmeter entspricht - oder 1000 Grundstücken von 1000 Quadratmeter Größe. Das bedeutet: Höchstens sechs dieser 1000 Grundstücke würden pro Jahr vom Blitz getroffen. In Schleswig-Holstein wäre es gar meist weniger als ein Grundstück.

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Prinzipiell sind Metropolen gefährdeter als die Provinz: In Bayern ist es besonders München, in Baden-Württemberg der Großraum Stuttgart, in Hessen die Region Frankfurt/Darmstadt. Die größere Hitze in Ballungsgebieten sorgt dafür, dass mehr Wasser verdunstet, mithin mehr Energie in die Luft gelangt.

Gewitter entstehen, wenn viel feuchte Luft aufsteigt. In turbulenten Luftmassen können Spannungen von Millionen Volt frei werden: Der gängigen Erklärung zufolge laden sich Partikel in den Wolken mit unterschiedlicher Ladung auf.

Hagelkörner reiben sich an Eiskristallen, wobei sich positive von negativen Ladungen trennen. Kleine Teilchen laden sich positiv auf, Aufwinde peitschen sie in die Höhe.

Wie groß ist das Risiko?

Bald schweben in zehn Kilometer Höhe vor allem Teilchen mit positiven Ladungen, während die Wolke in flacheren Gefilden negativ geladen ist. Am Boden werden dadurch positive Ladungen angezogen - in der Luft kann sich eine Spannung von Hunderten Millionen Volt aufbauen. Wird die elektrische Spannung zu groß, löst sie sich mit einem Schlag, es blitzt.

In einem zentimeterschmalen Kanal schießt ein Strom von bis zu 20.000 Ampere zwischen Himmel und Erde - Elektrogeräte laufen mit gerade mal zehn Ampere. Schließlich zucken die gefürchteten 30.000 Grad heißen Blitze, sie sind sechsmal wärmer als die Oberfläche der Sonne.

Die Hitze dehnt die Luft explosionsartig aus; es donnert. Am Boden schmelzen sogar Sandkörner. Steht ein Mensch im Umkreis von etwa 20 Metern, ist er in Lebensgefahr.

Die Gefahr, von einem Blitz getroffen zu werden, sei geringer als die Chance auf sechs Richtige im Lotto, so heißt es zwar. Tatsächlich trifft der Vergleich mit dem Lotto ungefähr zu - allerdings nur auf ein durchschnittliches Menschenleben.

Für jemanden, der in ein Gewitter gerät, steigt das Risiko mitunter erheblich: Die Chance kann bei einem Gewitter in der Nähe so weit erhöht sein, als ob bereits fünf Richtige gezogen worden sind und nur noch eine Lottozahl gelost wird - der Sechser ist plötzlich ganz nah.

Der Blitze-Atlas beruht auf Messungen von 160 Antennen, die der Blitzinformationsdienst in Europa ungefähr alle 200 Kilometer aufgestellt hat. Schlägt ein Blitz ein, erreicht das Signal die Antennen zu unterschiedlichen Zeiten.

Wie Steinewerfer an einem Teich können Experten berechnen, wo ein Blitz eingeschlagen ist: Die elektromagnetischen Wellen breiten sich gleichmäßig in alle Richtungen aus, wie Wellen in einem See, wenn ein Stein ins Wasser plumpst.

Warnampeln für Blitze

Am nahen Ufer branden die Wellen eher an. Indem man die Ankunftszeiten der Wellen an mehreren Uferabschnitten vergleicht, lässt sich der Ursprungsort bestimmen.

Ein Blitz erzeugt ein starkes elektromagnetisches Feld, das Hunderte Kilometer weit messbar ist. Fünf bis sechs Antennen empfangen das Signal eines Blitzes. Ort, Zeit und Stärke sind messbar.

Aus den Daten lasse sich nicht nur ableiten, in welchen Regionen die größte Gefahr drohe, sagt Siemens-Experte Thern. Versicherungen und Stromversorger könnten feststellen, ob Schäden an Leitungen oder Gebäuden vom Blitzschlag verursacht wurden.

Möglich wäre auch, Warnampeln aufzustellen - etwa auf Golfplätzen: Kommen Blitzeinschläge näher, schalten die Ampeln auf Gelb und schließlich auf Rot.

Das sind die wichtigsten Verhaltensregeln bei Gewitter:

  • Vorsicht ist spätestens geboten, wenn weniger als zehn Sekunden zwischen Blitz und Donner liegen - Blitze sind dann nur noch gut drei Kilometer entfernt.
  • Wenn möglich, sollte man ein Gebäude oder Auto aufsuchen.
  • Zu meiden sind: Bäume, Anhöhen, feuchte Wände und am besten auch feuchte Böden. Keine Metallteile anfassen und weg mit dem Regenschirm.
  • In die Hocke gehen, Füße zusammenhalten; am besten einen Graben oder eine Kuhle aufsuchen. Abstand halten zu anderen Menschen.
  • Absteigen von Fahrrad oder Motorrad; mindestens drei Meter Abstand zu den Zweirädern.
  • Raus aus dem Wasser. Im Boot weg vom Mast, und sich kleinmachen.
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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
permissiveactionlink 26.07.2016
1. Thunder and Lightning
Zu diesem sehr informativen Artikel fallen mir spontan einige Details ein, z.B. die ahnungslosen Versicherungsbetrüger, die glaubten, sich ihren kaputten Fernseher mal eben ersetzen zu lassen, obwohl gar kein Blitz eingeschlagen war. Zehn Ampere dürften aber bei den wenigsten Haushaltsgeräten fließen, denn das entspricht bei der Netzspannung einer elektrischen Leistung von 2400W. Dies trifft allenfalls für Kochplatten, Bügeleisen oder die Mikrowelle bzw. den Backofen zu. In den Alpen geriet ich vor vielen Jahren auf einer Hochebene (Dolomiten) in ein Gewitter. Diese Erfahrung unmittelbarer Todesangst möchte ich niemandem wünschen, obwohl ich das tatsächliche Risiko sicher damals überschätzt habe. Zu den Warntafeln : Man kann sie bei sich führen und wird dann per App durch das Smartphone vor einem nahenden Gewitter gewarnt, z.B. beim Wandern oder Joggen (App " BlitzAlarm-Gewitterwarnung"). Gewitter lassen sich über große Entfernungen nachweisen : In einem Kurz-, Grenz- oder Langwellenempfänger sind sogar Gewitter in den Tropen zu hören.
wurmfortsatz 26.07.2016
2.
Wie sicher ist man im Haus? Z.B. unter der Dusche oder ganz generell am Wasserhahn (Hände waschen, usw.), in der Nähe von Steckdosen oder der Antennendose?
faraway2 26.07.2016
3. ...
Hat es einen bestimmten Grund, dass Daten für Berlin unterschlagen werden ?
akkzent 26.07.2016
4. Daten für Berlin wurden nicht unterschlagen
Sie scheinen wohl nicht zu wissen wo sich Berlin befindet. Ein herzliches Grüezi aus der Schweiz!
noalk 26.07.2016
5. Berlin
Zitat von faraway2Hat es einen bestimmten Grund, dass Daten für Berlin unterschlagen werden ?
Welche Daten sollen das sein?
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