Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gezeitenkräfte: Sonne und Mond lassen Kalifornien erzittern

Kalifornien wartet auf das nächste Mega-Beben - akribisch beobachten Forscher jede noch so kleine Erschütterung. Dabei haben sie eine überraschende Entdeckung gemacht: Die Schwerkräfte von Sonne und Mond versetzen den San-Andreas-Graben in Schwingungen.

Fotostrecke

4  Bilder
San-Andreas-Graben: Der Beben-Hotspot von Kalifornien

Die Prognosen der Seismologen lassen nichts Gutes ahnen: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent kommt es in den nächsten 30 Jahren rund um San Francisco zu einem schweren Beben der Stärke 6,7 oder höher. Rund um Los Angeles sind es 67 Prozent. Für Kalifornien insgesamt beträgt die Wahrscheinlichkeit sogar 99,7 Prozent.

Ursache des großen Bebenrisikos in Kalifornien sind gewaltige Brüche in der Erdkruste, etwa am mehr als tausend Kilometer langen San-Andreas-Graben. Dort schrammt die Pazifische an der Nordamerikanischen Kontinentalplatte vorbei. Immer wieder verhaken sich die Platten, Spannungen bauen sich über Jahre auf, die sich dann in schweren Beben entladen - wie etwa am 18. April 1906, als in San Francisco rund 3000 Menschen starben und weite Teile der Stadt verwüstet wurden.

Seismologen haben nun festgestellt, dass Sonne und Mond den San-Andreas-Graben in Schwingungen versetzen. Diese auch Tremor genannten Mini-Beben würden genau wie Ebbe und Flut von den Gezeitenkräften ausgelöst, schreiben Roland Bürgmann und seine Kollegen von der University of California in Berkeley im Fachblatt "Nature".

Die im Parkfield-Segment des Grabens beobachteten Schwingungen entstehen prinzipiell auch bei Vulkanausbrüchen. Sogar weit entfernte Beben, etwa das vor Sumatra im Dezember 2004, können Tremors auslösen, beispielsweise vor der Küste des Bundesstaats Washington im Nordwesten der USA. Plötzliche Spannungsänderungen könnten die Erde zittern lassen, meint Bürgmann. Die Schwingungen erreichen eine Magnitude von Eins.

Bislang gebe es keine Beweise dafür, dass die Gezeitenkräfte Erdbeben auslösen könnten, schreiben die Forscher. Allerdings könne ein ganzer Tremor-Schwarm das Risiko eines Bebens im Bereich des Grabens erhöhen. Die Tremors finden in etwa 25 Kilometer Tiefe statt - unterhalb des Bereichs im San-Andreas-Graben, wo die Kontinentalplatten aneinander schrammen. In dieser Tiefe herrschen extreme Bedingungen: "Wasser und sehr hoher Druck schmieren das Gestein", sagt Robert Nadeau, Mitglied in Bürgmanns Team. Das mache den Graben instabiler.

Die Forscher hatten Tremor-Daten über einen Zeitraum von acht Jahren ausgewertet. Dabei entdeckten sie den zeitlichen Zusammenhang mit den Gezeitenkräften. Den größten Effekt hatte die Schwerkraft von Sonne und Mond, wenn sie die eigentliche Bewegung der Platten am San-Andreas-Graben noch verstärkte.

Der von den Gezeitenkräften verursachte Druck sei mit rund hundert Pascal erstaunlich klein, berichten die Forscher. Das sei nur ein Tausendstel des Atmosphärendrucks. Noch geringer nehme sich der Einfluss im Vergleich zu dem Druck von 600 Megapascal aus, der in 25 Kilometern Tiefe herrsche. "Da ist noch eine Menge zu erforschen", sagt Nadeau.

hda

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Erdwärme ablassen
fucus-wakame 29.12.2009
Lösungsvorschlag: Könnte man nicht gezielt Thermografie einsetzen und Erdwärme ablassen, um etwaige Spannungen im Gestein gezielt abzubauen?
2. ...
Newspeak, 30.12.2009
Zitat von fucus-wakameLösungsvorschlag: Könnte man nicht gezielt Thermografie einsetzen und Erdwärme ablassen, um etwaige Spannungen im Gestein gezielt abzubauen?
Es ist sicher billiger, erdbebensicherer zu bauen und sich bestmöglich auf ein großes Beben vorzubereiten, als die Plattentektonik aufhalten zu wollen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Kalifornien: Erdbebenforschung 2.0

18. April 1906 - Das Jahrhundertbeben von San Francisco
Das Ereignis
AP
18. April 1906: Um zwölf Minuten nach fünf erschüttert ein Erdstoß Nordkalifornien. Nach zehn Sekunden der Stille folgen vier weitere Erschütterungen. Das Erdbeben erreicht eine Stärke von 7,8 bis 7,9 auf der nach oben offenen Richterskala. Entsprechend der Mercalli-Skala, die von eins bis zwölf die Stärke entsprechend der Zerstörung an der Oberfläche misst, wird es als Erdbeben der Stärke elf eingestuft. Das Epizentrum liegt in der Nähe der Stadt San Francisco. Aber auch andere Städte in der Umgebung der Bucht von San Francisco werden stark in Mitleidenschaft gezogen, darunter Santa Rosa, San Jose und auch die Gegend des heutigen Silicon Valley.
Die Schäden
AP
Nach dem Beben lodern Brände in der Stadt, da Gasleitungen unter den Erschütterungen gebrochen waren. Aber auch von Brandstiftungen wird berichtet, weil die Versicherungen nicht Erdbeben-, wohl aber Feuerschäden erstatteten. Auch wegen der beeindruckenden Foto- und Filmaufnahmen gilt das Beben als eine der ersten Naturkatastrophen, an denen eine breite Öffentlichkeit Anteil nehmen konnte. Die genauen Schäden zu beziffern ist schwierig. Offiziellen Angaben zufolge gab es damals knapp 500 Tote in San Francisco und knapp 200 in der Umgebung. Da die meisten Menschen im Schlaf von dem Beben überrascht wurden, werden diese niedrigen Zahlen allerdings bezweifelt - vor allem in Anbetracht der hohen Zahl der Obdachlosen. 3000 bis 4000 Totesopfer gelten aus heutiger Perspektive als realistischer. Von den rund 400.000 Einwohnern der Stadt verloren mehr als die Hälfte, möglicherweise gar zwei Drittel, das Dach über dem Kopf. Die Münchener Rück schätzt die Summe der Schäden auf 524 Millionen US-Dollar, nach damaligen Werten. Würde sich ein vergleichbares Beben heute ereigenen, prognostiziert der weltgrößte Rückversicherer einen volkswirtschaftlichen Schaden von 100 bis 200 Milliarden US-Dollar.
Die Seismologie
AP
Unter dem Meeresboden und der Küste Nordkaliforniens verläuft der San-Andreas-Graben, eine Verwerfungszone, an der zwei große Kontinentalplatten aufeinandertreffen. Die Pazifische und die Nordamerikanische Platte sind hier ineinander verkeilt. Da sie sich in unterschiedlichen Richtungen bewegen, bauen sich im Graben Spannungen auf. Sie entladen sich schlagartig. Eine solche Rutschung war auch die Ursache für das Beben vom 18. April 1906. Plötzlich wurde dabei die Energie freigesetzt, die sich über Jahrzehnte aufgestaut hatte. Mit 30.000 Stundenkilometern rasen die Druckwellen vom Epizentrum des Bebens bei Daly City aus durch das Gestein. Die Rutschung im Graben setzt sich fort bis in die Gegend von San Juan Bautista im Süden und bis an das Nordende des Grabens bei Mendocino. Die Erschütterung wurde von Menschen entlang der Küste von Los Angeles bis zum US-Bundesstaat Oregon bemerkt. Im Landesinneren konnte man sie bis nach Nevada spüren.
Fotostrecke
Shakeout Scenario: Die Folgen von "Big One"


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: