Gigantische Arten-Enzyklopädie "Wilson, was hast du geraucht?"

Edward Osborne Wilson, der berühmteste Ameisenforscher der Welt, hat ein ehrgeiziges Ziel: Der emeritierte Harvard-Professor will für jede der 1,8 Millionen bekannten Lebewesen auf der Welt eine eigene Webseite erschaffen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Wilson, wieso.


SPIEGEL ONLINE: Professor Wilson, wie soll das denn gehen: 1,8 Millionen wissenschaftliche Webseiten für sämtliche Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen in weniger als zehn Jahren?

Wilson: Dieselbe Frage stellte mir vor einiger Zeit ein sehr bekannter, britischer Wissenschaftler. Er schrieb mir: Wilson, was hast du geraucht? Wie kannst du denken, dass so etwas machbar ist? Aber natürlich ist es machbar, und es ist notwendig. Das Wissen über die Artenvielfalt liegt verstreut in Forschungseinrichtungen und Naturkundemuseen auf der ganzen Welt. Wir müssen es sammeln und den Menschen zugänglich machen, unabhängig davon, wo sie leben.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie dabei vor?

Wilson: Nachdem wir die Zusagen von zwei gemeinnützigen Stiftungen hatten, die uns das nötige Startkapital zur Verfügung stellen, war es leicht, Teams von Wissenschaftlern zusammenzustellen und die Arbeit aufzuteilen. Eine Schlüsselrolle spielt die Informatikgruppe, welche die nötige Software entwickelt und die Webseiten baut. Ich selber werde mich um die Erfassung der 14.000 bekannten Ameisenarten kümmern. Ende Mai treffe ich mich hier an der Harvard-Universität mit zwölf führenden Ameisenforschern aus der ganzen Welt, um zu besprechen, wie wir die ganzen Informationen am schnellsten in die "Enzyklopädie des Lebens" hineinbringen.

SPIEGEL ONLINE: Wird die "Enzyklopädie des Lebens" jemals vollständig sein?

Wilson: Nun, bis heute wissen wir ja nicht einmal, wie viele Lebewesen es überhaupt gibt. Die Schätzungen reichen von 3,6 bis 100 Millionen Arten, am realistischsten sind wohl etwa zehn Millionen. Unzählige Arten sterben aus, bevor wir sie überhaupt zu Gesicht bekommen. Aber die "Enzyklopädie des Lebens" wird Wissenschaftlern und Studenten auf der ganzen Welt das nötige Werkzeug in die Hand geben, um ihre Umwelt zu erforschen - ein paar Klicks genügen, um Informationen zu jeder noch so seltenen bekannten Spezies abzurufen. Das wird auch die Entdeckung und Beschreibung neuer Arten enorm beschleunigen. Und wir hoffen, dass neue Arten künftig nicht mehr nur in Fachmagazinen beschrieben werden, sondern vor allem in der "Enzyklopädie des Lebens". Das ist eine Revolution!

SPIEGEL ONLINE: Aber sind denn die wichtigsten und interessantesten Arten nicht längst entdeckt worden?

Wilson: Genauso gut könnten Sie sagen: Wir kennen zwar nur etwa zehn Prozent der Organe im menschlichen Körper, aber es sind ja die interessantesten, das Gehirn und das Herz, was brauchen wir mehr? Jedes einzelne Lebewesen, jeder Pilz und jedes Bakterium beeinflusst seine Umgebung auf einzigartige Weise, und wir haben keine Ahnung, in welchem Ausmaß. Solange wir nur einen Bruchteil der Spezies kennen, können wir gar nicht verstehen, wie Ökosysteme funktionieren. Und wie sollen wir Umweltprobleme lösen, wenn wir nicht einmal wissen, womit wir es zu tun haben?

Das Interview führte Samiha Shafy


Eine wissenschaftliche Website für jedes Lebewesen auf Erden - ist das visionär oder größenwahnsinnig? Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL die Reportage "Inventur des Lebens" über einen Besuch bei den Machern der "Enzyklopädie des Lebens".



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