Gipfel-Desaster Oberster Klimaschützer verdammt Tatenlosigkeit

Wertvolle Zeit, sinnlos vertan: Der Chef des Uno-Klimarats geht nach dem Gipfel in Kopenhagen hart mit den Staatenlenkern ins Gericht. Das umstrittene Abschlussdokument enthalte keine einzige konkrete Zahl, die Politiker hätten den Ernst der Lage wohl noch nicht begriffen.

Aus Kopenhagen berichtet


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Gipfel-Marathon: Verhandlungen bis zur totalen Erschöpfung
Rajendra Pachauri ist der Hüter jener zwei entscheidender Zahlen: 2 und 750. Wegen dieser beiden Zahlen sind 130 Staatschefs nach Kopenhagen gekommen, die Milliardensummen bewegen und damit die Erwärmung der Erde stoppen wollen.

Pachauri ist der Chef des Uno-Weltklimarates IPCC. Er hat mit mehr als tausend Wissenschaftlern herausgearbeitet, dass die globalen Temperaturen um nicht mehr als zwei Grad steigen dürfen - was nichts anderes bedeutet, als dass die Menschheit nur noch 750 Gigatonnen Treibhausgase ausstoßen darf.

Und jetzt das: Am Ende des Gipfels ringt der Wissenschaftler sichtlich darum, der Kopenhagener Vereinbarung irgendetwas Positives abzugewinnen. "Das Papier ist nur der Beginn der Arbeit an einem echten Vertrag", sagt er SPIEGEL ONLINE. Er lege, und das sei das einzig Positive, zwei Fundamente: Einerseits das Zwei-Grad-Ziel. "Das ist für uns Forscher ein Erfolg. Erstmals ist es in ein politisches Ziel umgesetzt", sagt der Energieexperte. Andererseits habe man jetzt ein Regelwerk, mit dem künftig die Einhaltung der Emissionsreduzierungen überwacht werde. "Da hat sich zum Glück nicht die Sprache Chinas durchgesetzt", sagt Pachauri.

"Wertvolle Zeit verspielt"

Doch dann geht er hart ins Gericht mit den mehr als 10.000 Delegierten, die bis weit ins Wochenende hinein um das Abkommen gerungen haben. "Ich finde darin keine einzige konkrete Zahl", klagt der IPCC-Chef. Man habe wertvolle Zeit verspielt. "Und jedes Jahr, das wir verlieren, lässt die Summen explodieren, die uns die Begrenzung des Klimawandels später kosten wird."

Doch damit nicht genug: Der Inder hat in Kopenhagen einen gefährlichen Stimmungswandel ausgemacht. "Bei der letzten Klimakonferenz in Bali lag eine positive Atmosphäre über allem, endlich das Problem anzupacken", sagt er SPIEGEL ONLINE. Dieser Geist sei fast vollständig verloren.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: US-Präsident Barack Obama müsse wegen des schwebenden Klimagesetzes im Senat Rücksicht auf die Innenpolitik nehmen. Die Chinesen, die mit einem von früher unbekannten Maß an Selbstbewusstsein aufgetreten seien, würden an ihrem nächsten Fünf-Jahres-Wirtschaftsplan arbeiten. "Dies hat in Kopenhagen eine echte Einigung verhindert", sagt Pachauri.

Er hofft nun, dass in den Verhandlungen des kommenden Jahres diese beiden Hindernisse weggeräumt seien. "Wenn dann noch die Weltwirtschaft wieder anspringt, bekommen wir hoffentlich wieder eine neue Dynamik in den Prozess", macht er sich Mut. Die Chinesen hätten signalisiert, mehr Treibhausgase einsparen zu wollen.

"Klimawandel kann nur global gelöst werden"

Doch bis dahin steht erstmal Manöverkritik im Vordergrund. Denn nach der desaströsen Verhandlungsnacht werden die Stimmen lauter, die eine neue, effektivere Institution fordern als jene Mammutkonferenz der 192 Staaten. Diese Kritik aber teilt Pachauri nicht: "Wir haben keine Alternative. Der Klimawandel ist ein globales Problem und kann folglich nur im Einvernehmen aller gelöst werden", sagt er - auch weil es um die Finanzierung der Klimaschäden geht. "Deshalb müssen alle Staaten mit am Tisch sitzen."

Bis das geschafft ist, macht Pachauri das, was er seit Jahren tut: Er wird mit dem IPCC weiter die wissenschaftliche Botschaft über den Klimawandel verbreiten und damit die Politik vor sich hertreiben. "Die Politiker müssen sich der Wahrheit stellen und handeln", sagt er - und hofft dabei auch auf die Wirkung des nächsten IPCC-Berichts.

Der wird 2014 erscheinen und - wenn es nach Pachauri geht - die Diskussion noch einmal ordentlich anfeuern. Dann könnten die in Kopenhagen erzielten Vereinbarungen hoffentlich schon im gleichen Jahr überprüft und überarbeitet werden.

Eine Pause aber gönnt er weder sich noch dem Rest der Welt: "Wir müssen gleich nach den Weihnachtsferien die Verhandlungen für verbindliche Ziele aufnehmen. Sonst verlieren wir das Momentum von Kopenhagen vollständig." Wenn die Diplomaten und Politiker aus ihrem Erschöpfungsschlaf aufwachten, würden sie den Ernst der Lage begreifen.

Und als ob das nicht genug sei, warnt Pachauri, der Hüter jenes nüchternen Zahlenwerks über den schlechten Zustand der Erde, die Staatslenker noch einmal ausdrücklich davor, den Klimawandel als ein Problem zukünftiger Generationen abzutun: "Die Auswirkungen werden sie noch in ihrer eigenen Amtszeit zu spüren bekommen."



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yubi 28.10.2009
1. Was bringt der Klimagipfel?
Er bringt viel inhaltsloses Geschwätz, vollmundige (und windelweiche) Absichtserklärungen, Forderungen an "die Anderen", endlich auch etwas zu tun (bevor man selber was tut), .... Gut, daß die mal wieder drüber gesprochen haben ..... Ausser Spesen wieder nichts gewesen, und .... dann bis zum nächsten mal.
Maschinchen, 28.10.2009
2.
Bleiben seitens der EU finanzielle Zusagen für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern weiterhin aus, wird es schwer, diese mit ins Boot zu holen. Meiner Ansicht nach ist es ohnehin utopisch, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Klimaschützer werden sich zunehmend mit dem ungeliebten Wort adaptation anfreunden müssen.
Edgar, 28.10.2009
3.
Wird wohl auf die übliche Verzögerunstaktik hinaus laufen, Aussitzen, bis die Klimahysterie vorbei ist, bis da hin Valium verteilen. Gut so! Wird nämlich trotzdem noch viel zu viel Geld sinnlos verbrannt. Deutschland wird wohl leider wieder als letzter Staat merken, dass die Party vorbei ist, und brav 'Vorbild' spielen.
Internetnutzer 28.10.2009
4. Atomkraft
Alle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Maschinchen, 28.10.2009
5.
Zitat von InternetnutzerAlle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Nun, was schlagen Sie vor? Anreise im Schlauchboot, Übernachtung auf dem Campingplatz?
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