Gipfel in Cancún: Klimapolitiker ringen um Windelweich-Kompromiss

Aus Cancún berichten und

Der Klimagipfel von Cancún steht vor dem Ende - und in letzter Sekunde liegt ein Kompromissvorschlag vor. Doch ob die Nationen ihn absegnen werden, ist fraglich.

Gipfelteilnehmer in Cancún: Furcht vor dem "Zombie-Prozess" Zur Großansicht
dpa

Gipfelteilnehmer in Cancún: Furcht vor dem "Zombie-Prozess"

Bis in die Morgenstunden des Freitags haben die Delegationen in Cancún verhandelt - und anschließend herrschte unter Beobachtern Rätselraten über das Ergebnis, das dem Gipfelplenum nun zur Entscheidung vorgelegt werden soll. Eine E-Mail der mexikanischen Außenministerin Patricia Espinosa, die zugleich als Präsidentin des Klimagipfels fungiert, trug wenig zur Klärung der Fragen bei.

Die Verhandlungen laufen derzeit in zwei parallelen Strängen: Zum einen geht es um die Verlängerung des Kyoto-Klimaschutzprotokolls, zum anderen um die Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bei der Bekämpfung des Klimawandels.

"In den Entwürfen geht es um die Fortsetzung des Kyoto-Protokolls", schrieb Espinosa in der E-Mail, die an alle Journalisten auf der Konferenz ging. Die Papiere enthielten "konkrete Formulierungen" über die Ziele zur Treibhausgasreduzierung, "welche die Voraussetzungen für weitere Maßnahmen sind".

Die zweite Verhandlungsspur, in der es vor allem um Hilfen der Industrie- an die Entwicklungsländer geht (Long-Term Cooperative Action, kurz LCA), könnte demnach nicht mit einem Abkommen enden. Stattdessen ist offenbar geplant, einige Elemente, auf die sich die Delegationen einigen können, herauszubrechen und ins Kyoto-Protokoll zu überführen.

Beobachter zweifeln am Kompromissvorschlag

Die Entwürfe "würden die Einrichtung wichtiger Mechanismen erlauben", um Entwicklungsländer bei der Anpassung an den Klimawandel, beim Schutz der Wälder und bei Finanzierung zu unterstützen. Dabei geht es unter anderem um die Einrichtung eines Fonds, in den die Industriestaaten bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar einzahlen sollen. Auch Details über die Kontrolle der Vergabe dieser Gelder sollen in den Entwürfen stehen - was insbesondere für die USA ein wichtiger Punkt ist.

Beobachter bezweifeln allerdings, ob ein solches Mischdokument bei der entscheidenden Abstimmung in der Vollversammlung eine Chance hätte. Denn eine Fortsetzung des Kyoto-Protokolls würde bedeuten, dass China und die USA - die Platz eins und zwei in der Liste der Länder mit dem größten Treibhausgasausstoß belegen - weiterhin keine bindenden Klimaschutzziele erfüllen müssten. Die USA haben das Kyoto-Protokoll nie ratifiziert, und China gilt darin als Entwicklungsland, das von konkreten Vorgaben zur Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes ausgenommen ist.

Russland, Kanada und vor allem Japan hatten jedoch vehement gefordert, dass die USA und die großen Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien ebenfalls einen konkreten Beitrag zum Klimaschutz leisten müssten. Insbesondere Japan hatte erklärt, eine Fortsetzung des Kyoto-Protokolls ansonsten zu verhindern.

Drei-Viertel-Lösung als letzte Rettung

Der letzte Entwurf des Papiers aus dem Kyoto-Verhandlungsstrang enthielt allerdings auch eine Art Notausgang: "Falls alle Versuche fehlschlagen, zu einem Konsens zu kommen und eine Einigung zu erreichen", dann könnten "als letzte Maßnahme" drei Viertel der Staaten, was 143 Ländern entspräche, die Fortsetzung des Kyoto-Protokolls beschließen. Allerdings wäre ein solcher Beschluss nicht bindend für die Staaten, die nicht mitmachen wollen - sie könnten dann aus dem Klimaschutzvertrag aussteigen.

Der zweite Verhandlungspfad ist gewissermaßen das Vermächtnis der letzten Weltklimakonferenz, jenes rechtlich völlig unverbindlichen Kopenhagen-Akkords, der von den Delegierten vor einem Jahr lediglich "zur Kenntnis genommen" wurde. In diversen Arbeitsgruppen wurde in Cancún darum gerungen, dieser lockeren Absichtserklärung völkerrechtliche Substanz zu geben.

Vor der letzten, alles entscheidenden Sitzungsrunde am Freitag sieht es allerdings nicht nach einer Einigung im LCA-Gremium aus. Dabei geht es hier um den heiligen Gral der Klimapolitik: Jene zwei Grad, um die sich der Planet sich nach Meinung der Wissenschaft maximal erwärmen darf, verglichen mit vorindustriellen Zeiten.

Kampf um Gradzahlen

Doch statt dieses Ziel rechtsverbindlich zu machen, stehen im letzten Vertragsentwurf auf Wunsch einiger Entwicklungsländer und Inselstaaten plötzlich zwei weitere Zahlen: Ein Grad und 1,5 Grad. Doch nach Meinung von Wissenschaftlern ist schon das Zwei-Grad-Ziel kaum noch zu halten - selbst wenn die Menschheit die Verbrennung fossiler Brennstoffe von einem Tag auf den anderen einstellen würde.

Außerdem ist noch eine weitere Option in den Vertragstext hineingerutscht, der es Staaten wie den USA aber auch der EU fast unmöglich macht, zuzustimmen: Industrienationen sollten ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent reduzieren.

"In den Entwürfen finden sich jede Menge Punkte, die für Amerikaner und Chinesen absolut unakzeptabel sind", analysiert der Klimaökonom Reimund Schwarze vom Climate Service Center in Hamburg, der die Verhandlungen beobachtet. Bei der notwendigen Einstimmigkeit lässt das für die abschließende Sitzung des Plenums nichts Gutes erahnen. Gerüchteweise soll sich China auch gerade bei diesem langfristigen Ziel bis 2050 quergestellt haben.

Dabei hätte die Möglichkeit bestanden, zumindest jene Einsparziele festzuschreiben, die die Nationen in den Kopenhagen-Akkord geschrieben haben. Doch auch hier findet sich im aktuellen Vertragsentwurf ein Steinbruch an unterschiedlichen Formulierungen, die erkennen lassen, wie weit die Verhandlungspartner auseinander liegen.

Bei der Frage, wie die CO2-Einsparziele erreicht werden sollen, heißt es gar: Die Vertragsstaaten "weisen das Klimasekretariat an, Workshops zu organisieren", die nach geeignete Maßnahmen suchen sollen. Wie weit die Unterhändler letzte Nacht gekommen sind, diese auseinander driftenden Positionen wieder aufeinander zuzubringen, ist derzeit unklar.

Die oberste Klimaverhandlerin der EU, Connie Hedegaard jedenfalls sagte am Rande der Verhandlungen zu SPIEGEL ONLINE, es gebe "die Möglichkeit des Scheiterns". Für diesen Fall malt der britische Energiestaatssekretär Chris Huhne ein düsteres Bild. Die Klimapolitik der Vereinten Nationen wäre dann nichts mehr als "ein Zombie-Prozess".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Klimagipfel - was bringt das Treffen in Cancún?
insgesamt 1663 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Er bringt mindestens...
ratxi 09.12.2010
Zitat von sysopWas passiert, wenn der Klimagipfel in Cancún scheitert? Weil bei der CO2-Senkung kaum Forschritte zu erzielen sind, hoffen Teilnehmer auf Einigungen bei anderen schädlichen Treibhausgasen wie Methan - doch auch der Alternativplan hat viele Gegner. Was bringt der Gipfel in Cancún?
...den Teilnehmern das Gefühl, unbeschreiblich wichtig zu sein. Und egal, was hinterher passiert, hätte man nur auf ihn (wen auch immer) gehört, wäre alles gut geworden...
2. Heiße Luft.
Wolf_68 09.12.2010
Zitat von sysopWas passiert, wenn der Klimagipfel in Cancún scheitert?
Nichts. Ebenfalls nichts.
3.
oink_oink_weee 09.12.2010
"Rien ne va plus" solange werden es die Industrie-Staaten bzw die Macher, Tycoons, Cashsäue... treiben bis sich alles von selbst erledigt, Klimagipfel ist da überflüssig.
4. Klimalüge
Calex 09.12.2010
Zitat von sysopWas passiert, wenn der Klimagipfel in Cancún scheitert? Weil bei der CO2-Senkung kaum Forschritte zu erzielen sind, hoffen Teilnehmer auf Einigungen bei anderen schädlichen Treibhausgasen wie Methan - doch auch der Alternativplan hat viele Gegner. Was bringt der Gipfel in Cancún?
Und wenn die Klimalüge auch noch 10 Mio mal im Spiegel abgedruckt wird. Die Menschen glauben euch nicht mehr!!! Mit dem CO2 Wahn wird nur von der ECHTEN Umweltverschmutzung durch Großkonzerne (Anholzung des Tropenwaldes, Verunreinigung von ganzen Landstricken durch RAubbau an der NAtur etc.) abgelenkt und die Schuld dem Verbraucher in die Schuhe geschoben! Frei nach dem Motto: "Wer konsumiert trägt die Schuld". Nicht etwa die Konzerne, die nur Ihre Profite sehen und die Regierungen, die mit immer neuen Steuern die Zinsen der bereits auf 1000 Jahre verpfändeten Steuergelder abdecken wollen.
5. Der Gipfel bringt nix !
querulant_99 09.12.2010
Zitat von sysopWas passiert, wenn der Klimagipfel in Cancún scheitert? Weil bei der CO2-Senkung kaum Forschritte zu erzielen sind, hoffen Teilnehmer auf Einigungen bei anderen schädlichen Treibhausgasen wie Methan - doch auch der Alternativplan hat viele Gegner. Was bringt der Gipfel in Cancún?
Da bei dieser Konferenz nichts Substantielles herauskommen wird, plädiere ich für einen pragmatischen Weg, der die Folgen mildert, wie man es auch bei Erdbeben macht: Gar nicht erst versuchen, ein Erdbeben zu verhindern, sondern erdbebensicher bauen!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Uno-Klimakonferenz in Cancún 2010
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -24-
Themen des Klimagipfels in Cancún
Waldschutz
Die Vernichtung der Wälder trägt nach Angaben des Uno- Klimasekretariats zu 17 Prozent zum menschengemachten Treibhauseffekt bei. Ärmere Länder sollen Geld erhalten, wenn sie ihren Wald schützen. Dazu muss es jedoch klare Regeln geben, was ein Wald ist. Zudem müssen die Artenvielfalt und die örtliche Bevölkerung beachtet werden. Die Industrieländer sollen Faktoren, die zur Waldzerstörung in Entwicklungsländern führen, beseitigen.
Anpassung
Ärmere Länder benötigen Geld, um die Folgen des Klimawandels zu lindern. Ein solches Programm reicht vom Dammbau bis zu Versicherungen gegen Wetterextreme.
Treibhausgasausstoß
Bisher haben einzelne Staaten nur auf freiwilliger Basis nationale Klimaziele vorgelegt. Diese reichen jedoch nicht aus, um die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Neue und verbindliche Zusagen sind nötig, wenn der Klimawandel auf ein für Mensch und Natur erträgliches Maß begrenzt werden soll. Neue Reduktionen könnten zum Beispiel aus dem Flug- und Schifffahrtsbereich kommen.
Finanzierung
In einer unverbindlichen Vereinbarung auf dem Klimagipfel von Kopenhagen hatten die reichen Staaten zugesagt, ab dem Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für Klimaziele in armen Ländern bereitzustellen. Vor einem umfassenden Klimavertrag müssten Finanzquellen aufgelistet und diese Zusage verbindlicher werden.

Außerdem wollten die Industrieländer den ärmeren Staaten insgesamt 30 Milliarden Dollar für 2010 bis 2012 für die Anpassung an den Klimawandel und eine umweltfreundliche Entwicklung geben. Klimaschützer kritisieren jedoch mangelnde Transparenz und befürchten, dass es dann Abzüge von der bisher geplanten Entwicklungshilfe gibt.
Überprüfung
Vor Abschluss eines umfassenden Vertrags muss sich die Staatengemeinschaft auf ein differenziertes Mess- und Kontrollsystem der Klimaschutzaktivitäten einigen. Darauf legen nicht zuletzt die USA Wert - und haben speziell China im Blick.

Multimedia-Special
Der lange Weg zum Klimaschutz
1988
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gründen den Weltklimarat (IPCC). Der IPCC selbst betreibt keine Wissenschaft, er sammelt stattdessen Daten zum Klimawandel und entwickelt Strategien zur Anpassung. Das Gremium hat bisher vier sogenannte Sachstandsberichte verfasst, der nächste ist für 2014 geplant. Der IPCC ist nicht direkt in das Klimasystem der Uno eingebunden, liefert aber den wissenschaftlichen Hintergrund für die Verhandlungen.
1992
Auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio vereinbaren die Staaten, den Ausstoß der Treibhausgase so zu begrenzen, dass "sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können" und "die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird". Nach Meinung vieler Forscher kann dieses Ziel erreicht werden, wenn die globale Temperatur nicht stärker als zwei Grad Celsius über den Wert vor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert steigt. Eines der Ergebnisse des Gipfels von Rio sind die Unterschriften fast aller Staaten unter die Klimarahmenkonvention (UNFCCC), die zuvor in New York ausgehandelt worden war.
1994
Die Klimarahmenkonvention tritt in Kraft. Rund 190 Staaten haben sie mittlerweile ratifiziert, die USA ist auch dabei.
1997
Das Kyoto-Protokoll wird auf einem Gipfel in der japanischen Stadt verabschiedet. Es gilt als erster konkreter Schritt, um die Ziele der Klimarahmenkonvention umzusetzen. Die Industriestaaten verpflichten sich, den Ausstoß der wichtigsten Treibhausgase bis 2012 im Schnitt um mindestens fünf Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Die Entwicklungsländer erhalten keine Auflagen. Inzwischen haben mehr als 180 Staaten Kyoto ratifiziert - nicht jedoch die USA.
2005
Das Kyoto-Protokoll tritt in Kraft, nachdem zuvor auch Russland den Vertrag gebilligt hat und so die Zahl der nötigen Ratifikationen erreicht ist. Das Abkommen läuft 2012 aus. Um seinen Nachfolger geht es beim Klimagipfel in Kopenhagen.
2007
Der Klimagipfel auf der indonesischen Insel Bali vereinbart einen Fahrplan für ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll. Dieser Fahrplan sieht vor, die Verhandlungen innerhalb von zwei Jahren zu beenden - bis zur Klimakonferenz in Kopenhagen. Gelungen ist das allerdings nicht, auch nach Kopenhagen werden die internationalen Gespräche weitergehen müssen.
2009
Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen wollen sich die Staaten auf ein bindendes politisches Abkommen einigen. Erstmals sind nicht nur die Umweltminister, sondern auch die Staats- und Regierungschefs direkt an den Verhandlungen beteiligt. Doch anstatt die ungeheuren Erwartungen zu erfüllen, endet der Gipfel in einem Desaster: Am Ende des zweiwöchigen Ringens steht ein Mini-Kompromiss, der kaum Konkretes enthält und für den globalen Klimaschutz einen herben Rückschlag bedeutet.