Genanalyse Zoos weltweit brauchen neue Giraffenschilder

Giraffen galten bislang als eine einzige Spezies. Eine Genanalyse zeigt nun: Es gibt vier.

GCF/ Julian Fennessy

Von


Giraffen sind ungewöhnliche Tiere und ein Highlight in jedem Zoo. Mit ihrem langen Hals stechen die imposanten Vierbeiner im wahrsten Sinne des Wortes aus der Masse der anderen Säugetiere heraus - zudem werden sie in Biobüchern für den Schulunterricht mit Vorliebe von den Autoren herangezogen, um Darwins und Lamarcks Theorien von der Entstehung der Arten zu erklären.

Giraffen können gleich mit mehreren Rekorden aufwarten: Sie sind mit ihren aus nur sieben Halswirbeln bestehenden Hälsen das höchste landlebende Tier der Welt - Bullen erreichen eine Höhe von bis zu sechs Metern. Zudem verfügen sie über den höchsten Blutdruck aller Säuger - schließlich muss das Blut ein großes Gefälle auf dem Weg in den etwa zwei Meter höheren Kopf überwinden.

Doch ungeachtet ihrer außergewöhnlichen Erscheinung sind die Tiere mit der auffälligen Fellzeichnung vergleichsweise schlecht erforscht. "Wir wissen bisher nicht einmal, wie alt sie in freier Wildbahn werden können", sagt Stephanie Fennessy von der Giraffe Conservation Foundation (GCF) in Namibia.

Neubewertung der Tiere und ihrer Bestände

Zusammen mit ihrem Mann Julian widmet sie sich seit Langem den Tieren. Nun haben der Biologe und die Co-Direktorin der GCF gemeinsam mit Experten vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt am Main die bisher größte Genanalyse von fast 200 Tieren aus ganz Afrika durchgeführt. Die Proben wurden teilweise von toten Tieren genommen, bei lebenden arbeiteten die Biologen mit speziellen Gewebeprobspfeilen, die sie per Gewehr abfeuerten und später wieder zur Analyse einsammelten.

Das Ergebnis der Untersuchung ist nicht nur überraschend, sondern könnte auch zu einer völligen Neubewertung der Tiere und ihrer Bestände führen. Der Stammbaum der Giraffen muss wohl neu aufgestellt werden. Bisher gingen Wissenschaftler von einer Giraffenart aus, die sich in mehrere Unterarten aufteilt - je nach Forschungsstand waren das bis zu elf, heute gehen die meisten Wissenschaftler von neun aus.

Doch tatsächlich gibt es vier unterschiedliche Giraffenarten, schreibt Erstautor Julian Fennessy in "Current Biology":

  • Die Süd-Giraffe (Giraffa giraffa) mit den Unterarten Angola-Giraffe (G. g. angolensis) und Kap-Giraffe (G. g. giraffa),
  • zweitens die Massai-Giraffe (Giraffa tippelskirchi) und
  • drittens die Netz-Giraffe (Giraffa reticulata).
  • Die Vierte ist die Nord-Giraffe (Giraffa camelopardalis) mit den drei Unterarten Nubische Giraffe (G. c. camelopardalis), Westafrikanische Giraffe (G. c. peralta) und Kordofan-Giraffe (G. c. antiquorum).

Die genetischen Unterschiede der Tiere seien mit denen vergleichbar, die etwa zwischen Eis- und Braunbären bestehen, schreiben die Forscher. Bisher wurden die Tiere anhand ihrer Fellzeichnungen, dem Aussehen der Hörner und ihres Verbreitungsgebiets zugeordnet. "Die Sequenzen von voneinander unabhängigen kernkodierten Genen, die als repräsentativ für das gesamte Genom gelten, zeigen die genetischen Verwandtschaftsverhältnisse aller Unterarten aus ganz Afrika", sagt Axel Janke vom Senckenberg-Forschungszentrum, der die Genanalysen geleitet hat.

Die Studie beinhaltet zudem eine Neuerung, die Arbeit für Zoos weltweit bedeuten könnte, in denen Giraffen leben. Denn in Tierparks werden vor allem Netz- und Rothschild-Giraffen gehalten, so Stephanie Fennessy. Doch nach den Analysen der Forscher gibt es die letzte Unterart eigentlich nicht. Das Tier ist genetisch mit der Nubischen Giraffe identisch - diese Art hatte 1758 der schwedische Naturforscher Carl von Linné aufgrund von 200 Jahre alten Aufzeichnungen erstmals beschrieben. Da dieser Name somit zuerst verwendet wurde, müsste er auch weiterhin gebraucht werden. Der Name Rothschild-Giraffe würde somit verschwinden - auch von den Schildern zahlreicher Zoos.

Rückgang um 35 Prozent

Auch auf den Artenschutz dürften die Erkenntnisse Einfluss haben. Weltweit gibt es Schätzungen zufolge noch rund 100.000 wild lebende Giraffen in ganz Afrika - die Anzahl ist in den letzten 30 Jahren um über 35 Prozent zurückgegangen. Bisher werden nur einige Arten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion ICUN als "nicht gefährdet" eingestuft. Das könnte sich in Zukunft ändern. "Es zeigt sich, dass ihre biologische Vielfalt sehr wohl bedroht ist", sagt Janke.

"Von der Nord-Giraffe gibt es nur noch etwa 4750 Exemplare in freier Wildbahn. Als eigene Spezies gehört sie damit zu den am stärksten gefährdeten Säugetieren der Welt", sagt Julian Fennessy. Die Arbeit der Forscher soll bei einer Neubewertung der Bestände helfen. Derzeit begutachtet eine ICUN-Expertenkommission die neue Studie - gut möglich, dass demnächst zumindest bei einigen Arten die Gefährdungsstufe angehoben wird.

Seit Jahren bemühen sich die Fennessys um den Schutz der Tiere in ganz Afrika. Vor allem im östlichen Teil des Kontinents werden die Tiere bedroht, nicht nur durch Wilderei, bei der die Paarhufer etwa wegen ihres Knochenmarks abgeschlachtet werden, das laut dem Volksglauben HIV-Infektionen und Aids heilen soll.

Zuletzt haben der Australier und die Deutsche Tiere in Uganda umgesiedelt. Dort wurde Öl gefunden - ausgerechnet unter dem Gebiet, auf dem viele Giraffen leben. Zudem gerieten die Tiere dort auch häufig in Fallen und verendeten dann qualvoll. Deshalb wollten die Biologen auf der anderen Seite des Nils, der das Gebiet durchzieht, eine neue Population gründen. Dafür wurden 20 Jungtiere eingefangen und per Fähre über den Fluss gefahren. Bei der Auswahl schauten die Experten nun ganz besonders auf die Art der Tiere. "Denn nach unseren Erkenntnissen paaren sich die verschiedenen Arten zwar in Gefangenschaft, aber nicht in freier Wildbahn", sagt Stephanie Fennessy.

Deshalb sei es wichtig, dass man Anzahl, Verbereitungsgebiete und Gefährdung der Tiere genau kennt. Denn schließlich ist selbst das Erbgut von Unterarten genetisch einzigartig.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.