Angebliche Aids-Mittel Glaube an Wundermedizin gefährdet Giraffen

Der Giraffe droht das gleiche Schicksal wie Elefanten und Nashörnern: Die Tiere werden massenweise im Namen des Aberglaubens abgeschlachtet. Wunderheiler versprechen, aus dem Knochenmark der Giraffen Aids-Medizin zu brauen.

Giraffe im Arusha-Nationalpark in Tansania: Gefahr durch Wunderheiler
DPA

Giraffe im Arusha-Nationalpark in Tansania: Gefahr durch Wunderheiler


Ihre unverwechselbare Silhouette gehört zu den afrikanischen Savannen wie die Kängurus zu Australien: Die Giraffe ist mit ihrem bis zu zwei Meter langen Hals das höchste Tier der Erde. Mit elegantem, schwebendem Gang durchstreift sie seit Urzeiten die weiten Ebenen des Kontinents. In Tansania gilt sie als Nationaltier - und doch ist der Bestand der mächtigen Wiederkäuer ausgerechnet in dem ostafrikanischen Safari-Paradies massiv bedroht.

Hauptgrund ist wie so oft die Wilderei. Aber während es noch halbwegs einleuchtend erscheint, dass ein so riesiges Tier einer Familie viel Fleisch zum Überleben bietet, hat sich nun ein gefährlicher Irrglauben über angebliche Heilkräfte verschiedener Körperteile der Giraffen eingeschlichen.

"Immer mehr Leute glauben, dass das Knochenmark der Tiere HIV-Infektionen und Aids heilen kann", erklärt ein einheimischer Reiseführer, der allerorts zwischen dem Meru-Massiv, dem Kilimandscharo und dem Amboseli-Ökosystem an der Grenze zu Kenia eine drastische Abnahme der Giraffenpopulation beobachtet hat. Experten der Giraffe Conservation Foundation (GCF) sagen, dass ein Kilo Knochenmark bis zu 120 Dollar (105 Euro) einbringt.

Rapider Rückgang innerhalb weniger Jahre

Die 2009 gegründete Stiftung ist bis heute die einzige Organisation, die sich ausschließlich dem Schutz des Großsäugers und seines Lebensraumes widmet. "Giraffen können relativ leicht getötet werden, es reicht eine Kugel oder es werden Drahtschlingen eingesetzt, in denen sie sich mit dem Hals oder einem Fuß verfangen", heißt es auf der Webseite der Giraffe Conservation Foundation (GCF).

Wurde die Zahl der Giraffen 1998 noch auf 140.000 geschätzt, so lag sie im Jahr 2012 laut GCF bei weniger als 80.000 Individuen. In manchen Regionen, die traditionell als Giraffengebiete betrachtet wurden, sei der Bestand gar um 65 Prozent gesunken. Derzeit laufen nach Angaben der IUCN Projekte, um die Zahl der Giraffen genauer zu ermitteln. Der Trend aber erscheint relativ eindeutig. Als letzte genauere Erhebung gibt die IUCN eine Studie von 2010 an, die auf rund 100.000 Tiere kam - was einem Rückgang um 40.000 Exemplare seit 1998 entspräche.

"In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Giraffen drastisch zurückgegangen", sagt die Deutsch-Namibierin Marlies Gabriel, die im tansanischen Arusha-Nationalpark zusammen mit ihrem Mann eine Lodge betreibt und sich aktiv um den Naturschutz in der Region bemüht. Rund um den Mount Meru und die blauen Momella-Seen waren die Paarhufer noch bis vor wenigen Jahren ein gewohnter Anblick. Heute müssen Besucher des Parks schon länger suchen, um eines der Tiere zu finden - und das, obwohl Giraffen selbst kleinere Schirmakazien überragen.

Wundermedizin, Potenzmittel, Statussymbole

Es ist nicht das erste Mal, dass windige Geschäftsleute auf Kosten von Tieren angebliche Wundermedizin, Potenzmittel und Statussymbole verscherbeln. Die Jagd auf die Stoßzähne der Elefanten und das Horn der Nashörner haben beide Arten an den Rand des Aussterbens gebracht.

Giraffen, die in 21 Ländern Afrikas vorkommen, sind auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als "nicht gefährdet" eingestuft. Dies trage dazu bei, dass die Tiere im öffentlichen Bewusstsein als unbedroht angesehen würden, so die GCF. "Der Rückgang der Giraffenpopulation um 40 Prozent innerhalb der vergangenen 15 Jahre zeigt jedoch, dass Schutzmaßnahmen wichtiger sind denn je."

Würden Giraffen aussterben, ginge damit eine der bekanntesten Arten der Welt verloren. Bereits bei den alten Römern waren sie beliebt. Damals glaubte man allerdings noch, dass es sich um eine Mischung aus einem Kamel und einem Leopard handele - daher rührt der wissenschaftliche Name "Giraffa camelopardalis".

Neben der Wilderei macht den Tieren die Ausweitung menschlicher Ansiedlungen zu schaffen. "Zeugen vor Ort haben uns vom Abschlachten der Tiere durch die lokale Bevölkerung berichtet. Die Menschen wollen wohl ein Zeichen für ihre Landnutzung setzen", sagt Marlies Gabriel. Auch im Tierparadies Serengeti weiter nördlich seien von Besuchern bereits Berge toter Giraffen dokumentiert worden.

Tansania zählt trotz einiger Fortschritte weiter zu den ärmsten Ländern der Welt. Viele Bewohner sind deshalb mehr an der Landwirtschaft und an Weideflächen interessiert als am Naturschutz.

Für die wilden Tiere der Region ist das derweil eine Tragödie. "Unter dem ersten Präsidenten Julius Nyerere in den 1960er und 1970er Jahren stand auf das Wildern einer Giraffe die Todesstrafe", sagt Gabriel. "Deshalb ist es umso erschreckender festzustellen, dass sie nun langsam verschwindet."

mbe/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.