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Fossilfund: Wie die Insekten fliegen lernten

Clevere Technik: Das Ur-Insekt Carbotriplura kukalovae war vor mehr als 300 Millionen Jahren als womöglich erstes Insekt der Lage, mit verbreiterten Rückenschilden von urzeitlichen Bäumen herabzugleiten. Zur Großansicht
DPA/ SMNS/ Arnold Staniczek

Clevere Technik: Das Ur-Insekt Carbotriplura kukalovae war vor mehr als 300 Millionen Jahren als womöglich erstes Insekt der Lage, mit verbreiterten Rückenschilden von urzeitlichen Bäumen herabzugleiten.

Fast alle Insekten können fliegen - doch es gibt auch welche ohne Flügel, Silberfischchen zum Beispiel. Stuttgarter Forscher fanden nun ihren gemeinsamen Verwandten: einen 300 Millionen Jahre alten Gleitflieger.

Insekten sind die mit Abstand artenreichste Tiergruppe und die meisten haben einen riesigen Vorteil: Sie können fliegen. Bis heute ist jedoch nicht ganz klar, wie und wann sie diese wichtige Fähigkeit erworben haben. Stuttgarter Wissenschaftler fanden nun heraus, dass die ersten Fluginsekten reine Gleitflieger waren. Das Ur-Insekt Carbotriplura kukalovae war demnach vor 309 Millionen Jahren als womöglich erstes Insekt in der Lage, mit verbreiterten Rückenschilden von urzeitlichen Bäumen herabzugleiten, berichteten Arnold Staniczek und Günter Bechly vom Staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart am Dienstag.

Das bereits vor 30 Jahren in Böhmen gefundene fossile Tierchen war demnach ein Bindeglied zwischen den ungeflügelten Silberfischchen und den Fluginsekten. Zudem konnten Staniczek und Bechly die Theorie bestätigt, dass sich die Flügel der Insekten aus tragflächenähnlichen Rückenplatten entwickelten. Das hatten Stuttgarter Forscher schon 2011 vermutet, als sie die Chimärenflügler entdeckten, eine Insektengruppe aus der Stammlinie der Eintagsfliegen. Ihre neuen Erkenntnisse veröffentlichten Bechly und Staniczek am Dienstag in der Fachzeitschrift "Systematic Entomology".

Der Gleitflieger, ein rund zehn Zentimeter langes Rieseninsekt, ließ sich offenbar vor über 300 Millionen Jahren in den böhmischen Sumpfwäldern von einem Baum fallen und glitt sanft zu Boden. Passiv, denn flattern oder mit Flügeln schlagen konnte das Insekt noch nicht. Es sieht zwar aus wie ein Silberfischchen, hat aber lange Laufbeine und seitlich verbreiterte Rückenschilde, die es zum Gleiten nutzt.

Erst 1985 taucht das Tierchen wieder auf - von Forschern ausgegraben im Braunkohle-Tagebau als versteinertes Ur-Insekt. Die Wissenschaftler damals ordnen ihren Fund aber den ungeflügelten Silberfischchen oder im Wasser lebenden Larven von Eintagsfliegen zu. Keine große Sensation, das fossile Rieseninsekt gerät in Vergessenheit, Jahrzehnte lagert es in einem tschechischen Provinzmuseum. Bis zunächst Pavel Sroka von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Budweis und dann die Stuttgarter Staniczek und Bechly auf den vergrabenen Schatz aufmerksam werden. Für die Entwicklungsgeschichte der Insekten seien ihre Erkenntnisse wegweisend, betont am Dienstag die Leiterin des Naturkundemuseums Stuttgart, Johanna Eder.

anf/dpa

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