Gletscherschmelze: Grönlands Eispanzer schrumpft noch schneller als befürchtet

Schmelzwasser und ins Meer stürzende Eisbrocken lassen die Gletscher Grönlands schrumpfen - und zwar schneller als gedacht. Die Schmelzwassermenge verdoppelte sich in den letzten fünf, die Menge abgebrochenen Eises in den letzten zehn Jahren.

Er birgt mehr als sechs Prozent der weltweiten Süßwasservorräte und ist beinahe fünfmal so groß wie Deutschland: Der Eispanzer, der auf der Insel Grönland ruht. Dass er schrumpft, ist Wissenschaftlern seit langem bekannt. Doch der Umfang dieser Schmelze ist sogar noch größer als bisher angenommen.

Abbruchkante am Helheim Gletscher in Südost-Grönland: Einer der sich am schnellsten bewegenden Gletscher der Welt
NASA Wallops/Sonntag

Abbruchkante am Helheim Gletscher in Südost-Grönland: Einer der sich am schnellsten bewegenden Gletscher der Welt

Fast doppelt so viel Schmelzwasser wie noch vor fünf Jahren fließt von Grönlands Gletschern in den Ozean. Außerdem bewegen sich die Eispanzer schneller als bisher Richtung Meer. Das berichten Forscher in zwei Studien, die das Fachmagazin "Science" veröffentlichte.

Am Nasa-Forschungsinstitut in Pasadena verglichen Eric Rignot und Pannir Kanagaratnam, wie schnell die Gletscher Grönlands Richtung Meer rutschen. Ihr Ergebnis: Das Eis wird schneller. Dies zeigten die Forscher an der Menge der Eisbrocken, die jährlich am Gletscherrand abbrechen und in den Atlantik stürzen. Waren es im Jahr 1996 noch rund 35 Kubikkilometer, so betrug die Jahrsmenge 2005 schon 86,4 Kubikkilometer - deutlich mehr als eine Verdopplung binnen zehn Jahren.

Warme Luft setzt Gletschern zu

Diesen Verlust an Gletschermasse könnte nur verstärkter Schneefall über der größten Insel der Welt ausgleichen, schreiben die Forscher. Sie führen den Gletscherschwund auf die hohen Lufttemperaturen zurück. Im Durchschnitt ist es in den letzten 20 Jahren im Südosten Grönlands drei Grad wärmer geworden. Eine der Folgen sei, dass bei höheren Temperaturen mehr Schmelzwasser in die Betten eindringt, in denen die Gletscher über den Fels gleiten. Das Wasser wirkt dort zwischen Eis und Fels wie ein Schmiermittel und beschleunigt so die Bewegung.

Würde das Grönlandeis komplett abschmelzen, stiege der Meeresspiegel um sieben Meter an. Schon ein deutlich geringerer Anstieg bedroht viele küstennahe Großstädte und niedrig gelegene Länder.

Rignot und Kanagaratnam haben ausgerechnet: Gegenwärtig trägt schmelzendes Eis aus Grönland jährlich rund einen halben Millimeter zum Anstieg des Meeresspiegels bei, der aktuellen Messungen zufolge rund drei Millimeter pro Jahr beträgt.

Noch schmilzt vor allem im Süden das Eis

Der britische Klimaforscher Julian Dowdeswell von der University of Cambridge berechnete indes anhand neuer Satellitenmessungen die Menge des Schmelzwassers, das aus den Gletschern Grönlands in den Atlantik fließt. Das Ergebnis: Zwischen 2000 und 2005 hat sie sich nahezu verdoppelt. Bezogen auf die Menge von 1996 hat sich die Menge des Schmelzwassers gar verdreifacht, hatten Dowdeswells US-Kollegen berechnet.

Alle drei Wissenschaftler beobachteten vor allem in der Südhälfte der Insel eine Zunahme von Gletscherschmelze und Eisabstürzen ins Meer. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass dieser Effekt sich mit weiter steigenden Temperaturen auch im Norden Grönlands stärker bemerkbar macht.

Nach ihren Berechnungen hat sich dort die Menge des Schmelzwassers zwischen 1996 und 2005 verdreifacht. Die Ursache, so schrieb Dowdeswell, könnte der globale Klimawandel sein.

stx/AP/ddp/dpa

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