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Gletschersterben: Antarktis-Eis schmilzt in Rekordtempo

Der Meeresspiegel könnte in den nächsten Jahren weit rascher steigen als bisher angenommen. Klimaforscher haben bei einer internationalen Konferenz in London von einem dramatischen Eisverlust in der Antarktis berichtet.

Eisberg in der antarktischen Davis-See: Dramatischer Verlust an Eis lässt Meeresspiegel steigen
Science

Eisberg in der antarktischen Davis-See: Dramatischer Verlust an Eis lässt Meeresspiegel steigen

London/Exeter - Noch vor vier Jahren war ein Expertengremium der Vereinten Nationen zu dem Schluss gekommen, dass die Eisdecke in den nächsten hundert Jahren wahrscheinlich nicht bedroht sei. Jetzt aber kommen Wissenschaftler zu einem vollkommen anderen Ergebnis. Neue Messungen in der Antarktis haben ein Abschmelzen bisher ungeahnten Ausmaßes offenbart, sagte Chris Rapley, Leiter des British Antarctic Survey (BAS), auf einer Klimakonferenz in der englischen Stadt Exeter.

"Die bisherige Ansicht war, dass die westantarktische Eisdecke nicht vor 2100 zusammenbrechen wird. Diese Beurteilung müssen wir ändern", sagte Rapley dem "Daily Telegraph". Im Jahr 2001 hätten Experten der Vereinten Nationen geglaubt, die Antarktis sei ein "schlafender Riese". Heute müsse man wohl eher von einem "erwachten Riesen" sprechen, sagte Ripley. Ob die Schmelze auf die Klimaerwärmung zurückgehe, könne man noch nicht sagen.

Bei neuen Messungen in abgelegenen Gebieten der Westantarktis haben die Wissenschaftler festgestellt, dass pro Jahr rund 250 Kubikkilometer Eis vom Festland ins Meer rutschen. Mit einer solchen Menge könnte man eine Fläche von 500 mal 500 Kilometern mit einer einen Meter hohen Eisschicht bedecken.

Allein der Eisabfluss in der Westantarktis lasse die globalen Meeresspiegel um ein Fünftel Millimeter pro Jahr steigen. Insgesamt werde der jährliche Anstieg der Meeresspiegel um derzeit zwei Millimeter zu mindestens 15 Prozent durch das Schmelzen der antarktischen Eisdecke verursacht.

Abbruch des Larsen-B-Schelfs im Jahr 2002: Schneller Zusammenbruch
AP

Abbruch des Larsen-B-Schelfs im Jahr 2002: Schneller Zusammenbruch

"In dieser Region gibt es einen dramatischen Abfluss, von dem wir noch vor fünf Jahren nichts wussten", sagte Rapley der Tageszeitung "The Independent". Die Gegend sei schwer zugänglich, so dass bisher keine Messungen stattgefunden hätten. "Was wir jetzt entdeckt haben, eröffnet die Debatte völlig neu."

In den vergangenen Jahren sind mehrere gigantische Stücke der antarktischen Eisdecke abgebrochen und ins Meer hinausgetrieben. Das 1600 Quadratkilometer große Larsen-A-Schelf hat sich 1995 von der Antarktis getrennt. 1998 folgte das Wilkins-Schelf mit 1100 Quadratkilometern und 2002 das Larsen-B-Schelf mit 3250 Quadratkilometern.

Die britische Umweltministerin Margaret Beckett hatte die Klimakonferenz zuvor mit einer Vorhersage eröffnet, die in dieser Deutlichkeit nur selten von Politikern zu hören ist. "Größere Auswirkungen" der globalen Erwärmung seien in den kommenden 20 bis 30 Jahren nicht mehr zu verhindern, sagte die Ministerin. Ein möglicherweise katastrophaler Temperaturanstieg werde in jedem Fall stattfinden, weil er bereits "Teil des Systems" geworden sei.

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