Globale Erwärmung Das Heer der Fliegen

Für manche Tierart wird der Klimawandel zur Bedrohung. Andere sollen von ihm profitieren. Neue Studien zeigen nun: Ausgerechnet lästiges Ungeziefer wie Hausfliegen und Zecken dürfte sich stark ausbreiten. Damit wächst für den Menschen das Risiko von Infektionskrankheiten.

Von Volker Mrasek


Vier Jahre lang tat Dave Goulson Dinge, die bei anderen Zeitgenossen nur tiefsten Ekel hervorrufen würden. Er trieb sich auf Hausmüllkippen in der Gegend um Southampton in Südengland herum und köderte Fliegen. Myriaden von Fliegen.

Fliegen: Klimaerwärmung lässt Populationen wachsen
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Fliegen: Klimaerwärmung lässt Populationen wachsen

In 48 Monaten haben Goulson und einige geruchstolerante Kollegen genau 102.890 einzelne Exemplare mit ihren Klebefallen eingefangen - und dabei stets den Gestank von verrottendem Abfall in der Nase gehabt. "Einfach Ekel erregend" sei das gewesen, sagt der Projektleiter, "wahrlich keine glanzvolle Forschungsarbeit."

Doch die Qualen waren nicht umsonst. Dank der regelmäßigen Deponie-Visiten wissen die Forscher von der University of Southampton nun, wie sich der Klimawandel auf eine Tiergruppe auswirken dürfte, um deren Schutz sich niemand ernsthaft sorgt. Den Untersuchungen der Briten zufolge könnten sich die Bestände von Haus- und Schmeißfliegen im Süden Englands durch die Erwärmung der Erdatmosphäre verdoppeln, wenn nicht gar verdreifachen. Und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass die Fliegen-Heere nicht auch in anderen Regionen mit gemäßigtem Klima kräftig anschwellen - etwa auf dem europäischen Kontinent.

Insgesamt 26 Fallen installierten die Biologen auf dem Gelände der drei Deponien in Paulsgrove, Lymington und Ringwood. Wöchentlich wechselten sie die Klebestreifen und zählten nach, wie viele Fliegen ihnen jeweils auf den Leim gegangen waren. So bekamen die Forscher ein Bild von den jahreszeitlichen Schwankungen der Brummerbestände.

Außentemperatur bestimmt Fliegenzahl

Ihre demografischen Kurven verglichen sie dann mit den Aufzeichnungen einer Wetterstation in Southampton - um zu sehen, ob Klimafaktoren die Populationsdichte beeinflussen und ob sich die Zahl der Fliegen auf Basis meteorologischer Daten vorhersagen lässt. Heraus kam, dass sich die Außentemperatur blendend als Indikator eignet, Niederschlag und Luftfeuchte dagegen keine so entscheidende Rolle spielen.

Die Zahl erklebter Fliegen ging immer dann nach oben, wenn es in der Vorwoche wärmer geworden war. "Die Entwicklung vom Ei über das Puppen- und Larvenstadium bis zum erwachsenen Tier läuft dann schneller", erläutert Goulson, "und am Ende führt dieser Entwicklungsschub zu rasch anwachsenden Fliegenbeständen."

Ihre Daten verarbeiteten die Briten zu einem Computermodell und simulierten damit, wie sehr der Klimawandel die Populationen der Plagegeister aufpäppeln wird. Das Ergebnis: Steigt die Außentemperatur bis 2080 um zwei Grad Celsius, wächst das Hausfliegenheer auf die zweieinhalbfache Stärke an. Sind es vier bis fünf Grad, muss man die Zahl der lästigen Insekten sogar mit 3,5 multiplizieren - eine schaurige Vorstellung. Schon heute kommen auf einen Hektar Abfallhalde bis zu 10 Millionen dicke Brummer.

Gesundheitsrisiken für den Menschen

Mit der Bestandsexplosion könnten aber auch ernsthafte gesundheitliche Risiken für den Menschen verbunden sein. Nach "Dekkers Enzyklopädie der Schädlingsbekämpfung" ist inzwischen verbrieft, dass Hausfliegen Bakterien wie Salmonellen, Shigellen und Chlamydien übertragen können, wenn sie einem übers Gesicht krabbeln oder auf Lebensmitteln Pause machen. Die Mikroben können später Magen-Darm-Infekte auslösen.

Goulson berichtet von aktuellen Untersuchungen in England, bei denen sich herausstellte, dass immerhin ein Fünftel aller Stubenfliegen mit Bakterien der Gattung Campylobacter verseucht ist. Auch sie verursachen Durchfall und ähnliche Beschwerden.

Wollte man etwas gegen die drohende Expansion von Haus- und Schmeißfliegen tun, dann empfiehlt Biologe Goulson eine strikte Mülltrennung. Bio-Abfälle dürften nicht im gewöhnlichen Hausmüll landen und dann auf Deponien unter freiem Himmel verrotten. "Hausfliegen sind nun mal Vegetarier und leben von organischem Material."

Auch Zecken mögen es warm

Dicke schwarze Stubenbrummer und grün-blau schimmernde Fleischfliegen sind indes nicht die einzigen Profiteure der Klimaerwärmung. Auch anderes unwillkommenes Ungeziefer dürfte zunehmen. Forscher der Harvard Medical School in den USA legen jetzt eine Studie vor, wonach wärmere Winter der Expansion von Zecken einen kräftigen Schub verleihen werden.

Das Verbreitungsgebiet der Blut saugenden Spinnentiere in Nordamerika könnte sich demnach bis 2080 mehr als verdoppeln. Dabei beherbergen sie noch gefährlichere Krankheitskeime als Haus- oder Schmeißfliegen. Viele Zecken übertragen mit ihren Bissen etwa Borrelien. Eine Infektion mit diesen Bakterien kann, wenn sie nicht erkannt und rechtzeitig behandelt wird, beim Menschen bleibende Nerven- und Gelenksschäden verursachen und sogar zu Lähmungen führen.

Die Inflation von Hausfliegen sei "sicher nicht das vordringlichste Problem", sagt deshalb auch Dave Goulson. Aber vielleicht das ekeligste, um die Leute davon zu überzeugen, "dass man die Auswirkungen des Klimawandels möglichst minimiert".



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