Umstrittenes Pflanzenschutzmittel Verkauf von Glyphosat ist 2017 gestiegen

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 4700 Tonnen Glyphosat verkauft - mehr als im Vorjahr. Auch beim Absatz von Pflanzenschutzmitteln insgesamt gab es einen Zuwachs.

Verpackung eines Unkrautvernichtungsmittels mit dem Wirkstoff Glyphosat
DPA

Verpackung eines Unkrautvernichtungsmittels mit dem Wirkstoff Glyphosat


4700 Tonnen Glyphosat haben Hersteller im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft. Das geht aus dem jährlichen Bericht des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hervor. Produzenten von Pflanzenschutzmitteln sind verpflichtet, die jährlich abgegebenen Mengen an das BVL zu melden.

Der Wert für 2017 liegt mit einem Plus von 900 Tonnen deutlich über dem Vorjahr (siehe Grafik). 2016 hatte der Glyphosat-Absatz mit 3800 Tonnen allerdings den niedrigsten Wert seit 2003 erreicht. Vergleicht man die Glyphosat-Absatzwerte der vergangenen zehn Jahre, liegt der Wert von 2017 auf Platz sieben - in sechs von zehn Jahren war er also höher als 2017. Dass die verkaufte Menge Pflanzenschutzmittel schwankt, liegt auch am Wetter.

Die Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, die Glyphosat-Anwendung "so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden." Einen konkreten Plan zur Umsetzung gibt es bislang allerdings nicht. Gleichwertige Alternativen zu Glyphosat sind in vielen Bereichen schwer zu finden, wie die Bundesregierung kürzlich in einer kleinen Anfrage mitteilte.

Insgesamt mehr Pflanzenschutzmittel verkauft

2017 wurden in Deutschland auch insgesamt mehr Pflanzenschutzmittel verkauft als 2016. Das BVL hat ungefähr 34.500 Tonnen dokumentiert. Der Wert liegt in einer ähnlichen Größenordnung wie in den Jahren 2014 und 2015 (siehe Grafik).

Die meisten dieser Stoffe sind der Allgemeinheit kaum bekannt. Um Glyphosat tobt dagegen seit einigen Jahren ein heftiger Streit. Der Stoff ist ein sogenanntes Totalherbizid. Er tötet alle Pflanzen und wird deshalb in Deutschland vor allem vor der Aussaat von Nutzpflanzen auf den Acker gebracht.

WHO-Gremien uneinig

Dass der Stoff umstritten ist, liegt unter anderem an einer Bewertung der IARC, einem Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2015. Sie hatte Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Die IARC untersucht allerdings nicht, ob ein Mittel bei der Anwendung im Alltag Krebs erzeugt, sondern nur ob es grundsätzlich dazu in der Lage ist.

Behörden, die die Risiken bei einer Anwendung im Alltag beurteilen, sehen dagegen kein Krebsrisiko - darunter die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) und das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR), es ist wie die IARC ein Gremium der WHO.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick
Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenskonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

In den USA sieht sich die Bayer-Tochter Monsanto, die wie viele andere Firmen auch glyphosathaltige Unkrautvernichter herstellt, dennoch mit einer Vielzahl von Klagen konfrontiert. Im August 2018 hatte ein Gericht die Firma im Fall eines an Lymphdrüsenkrebs erkrankten Mannes bereits zu einer Strafzahlung von 290 Millionen Dollar verurteilt, weil auf der Packung kein Hinweis auf ein Krebsrisiko vermerkt war. Das Urteil wurde von Schöffen gefällt.

Zuvor hatten Wissenschaftler in einer Studie mit knapp 45.000 US-Farmern kein erhöhtes Leukämierisiko im Vergleich zur Normalbevölkerung nachweisen können - obwohl diese Glyphosat über viele Jahre angewendet hatten.

jme

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