Umstrittener Unkrautvernichter Glyphosat-Absatz in Deutschland sinkt auf Tiefststand

Der Absatz des Unkrautvernichters Glyphosat lag 2016 nur noch bei 3800 Tonnen - so niedrig wie seit 13 Jahren nicht mehr. Die Bundesregierung will die Anwendung verbieten, doch sinnvolle Alternativen fehlen.

Traktor auf einem Feld bei Göttingen
DPA/ Forum Moderne Landwirtschaft

Traktor auf einem Feld bei Göttingen

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2016 wurden in Deutschland deutlich weniger glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel verkauft als in den Jahren zuvor. Im Jahr 2016 waren es knapp 3800 Tonnen, sechs Jahre zuvor lag die Menge noch bei 5000 Tonnen. Das geht aus einer kleinen Anfrage der FDP an die Bundesregierung hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Dass die Menge von Pflanzenschutzmitteln von Jahr zu Jahr schwankt, ist normal. Je nach Wetterlage und Preisen kaufen Firmen und Landwirte größere oder kleinere Mengen ein. 2016 sank der Wert im Sechs-Jahres-Vergleich allerdings erstmals unter 4000 Tonnen (siehe Grafik). Der größte Einzelabnehmer des Wirkstoffs war mit 67,6 Tonnen die Deutsche Bahn.

Eine ähnliche Menge wurde laut dem Statistikanbieter Statista zuletzt 2009 verkauft, mit 3960 Tonnen aber immer noch etwas mehr als 2016. Unter dem Wert von 2016 lag der Absatz zuletzt vor 13 Jahren, im Jahr 2003 mit 3500 Tonnen.

Glyphosat ist ein sogenanntes Totalherbizid. Es tötet alle Pflanzen und wird deshalb in Deutschland vor allem vor der Aussaat von Nutzpflanzen auf den Acker gebracht. Der Wirkstoff ist in der Öffentlichkeit allerdings umstritten.

2015 hatte die IARC, ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Die IARC untersucht allerdings nicht, ob ein Mittel bei der Anwendung im Alltag Krebs erzeugt, sondern ob es grundsätzlich dazu in der Lage ist.

Behörden, die die Risiken der alltäglichen Anwendung beurteilen, sehen kein Krebsrisiko - darunter die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) und das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR), wie die IARC ein Gremium der WHO.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick
Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenskonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand. Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Andere Herbizide häufiger und in größeren Mengen

Im Koalitionsvertrag hat sich die Bundesregierung im Namen des Biodiversitätsschutzes darauf geeinigt, die Anwendung von Glyphosat "so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden". Konkrete Pläne gibt es bislang allerdings nicht. Unklar ist auch, mit welchen Mitteln Landwirte ihre Nutzpflanzen dann vor Unkraut schützen sollen, wie nun auch die Kleine Anfrage zeigt.

Auf dem Markt gebe es kein anderes Mittel, das ähnlich effektiv Unkraut bekämpft, räumt die Bundesregierung mit Blick auf den Weinbau ein. "Ein vollumfänglicher Ersatz ist durch andere Unkrautvernichter nicht möglich." Im Falle eines Glyphosat-Verbots sei damit zu rechnen, dass andere Unkrautvernichter häufiger und in größeren Mengen eingesetzt werden, obwohl sie schlechter wirken.

In steilen Weinbergen wird Glyphosat in der Regel auf einem Streifen entlang der Weinstöcke ausgebracht, um dort das Unkraut zu unterdrücken. Weil Pflanzen das Mittel über die Blätter aufnehmen und nicht über den Boden, bleibt der Rebstock am Leben.

Bereits im Juli hatte die Bundesregierung in einer Kleinen Anfrage auch für den Ackerbau mitgeteilt, dass ihr keine vollwertigen, chemischen Alternativen zu Glyphosat bekannt seien.

Mechanische Alternativen haben Vor- und Nachteile

Um Unkraut im Weinberg loszuwerden, kommen laut Bundesregierung alternativ zu chemischen Unkrautvernichtern nur das Verteilen von Mulch auf dem Boden und das Freischneiden per Hand in Frage. Mulchgeräte seien wegen hoher Anschaffungskosten und geringer Geschwindigkeit allerdings wenig verbreitet und in Steillagen kaum zu gebrauchen.

Auf Äckern lässt sich Unkraut statt mit Pflanzenschutzmitteln auch durch Pflügen beseitigen. Das Unkraut stirbt dabei ab, weil die obere Bodenschicht umgedreht wird. Am Hang kann Pflügen allerdings Bodenerosion begünstigen, der fruchtbare Oberboden wird dabei geschädigt.

Laut einer Umfrage unter konventionellen Landwirten behandeln sie jedes Jahr im Schnitt knapp 40 Prozent ihrer Ackerfläche mit Glyphosat.

"Glyphosat gehört zu den am besten erforschten Mitteln auf dem Markt und hat sich über Jahrzehnte bewährt", sagt Carina Konrad, Agrarexpertin der FDP und selbst Landwirtin. "Will man solch ein Mittel verbieten, sollte man bessere Alternativen haben, als große Mengen anderer, schlechter erforschter Stoffe einzusetzen."

Pelargonsäure - umstrittene Alternative

Einige Städte in Deutschland verzichten bereits auf Glyphosat, um etwa öffentliche Wege von Grünzeug freizuhalten. Alternativ nutzen sie zum Teil Pelargonsäure. Ihre Risiken für die Umwelt sind allerdings schlechter erforscht als die von Glyphosat, und die Säure ist nicht so wirksam. Dadurch muss ein Vielfaches der Glyphosat-Menge verteilt werden, um mit ihr einen Effekt zu erzielen.

"Glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel haben Einfluss auf die biologische Vielfalt", begründet die Bundesregierung ihr Verbotsvorhaben. Monokulturen ohne Unkraut bieten Insekten tatsächlich weniger vielfältige Nahrung. In der Kleinen Anfrage aus dem Juli hieß es allerdings auch: "Breitbandherbizide haben nach Einschätzung des BMU grundsätzlich negative Auswirkungen auf die Biodiversität." Zu ihnen zählen Glyphosat und Pelargonsäure gleichermaßen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Pelargonsäure auch im Biolandbau als Herbizid zugelassen ist. Das stimmt nicht. Wir haben den Halbsatz gelöscht.

insgesamt 65 Beiträge
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soulflare 05.09.2018
1. Warum verbieten...
Ich verstehe gar nicht, warum man das überhaupt verbieten will. Dass Glyphosat Krebs auslöst, ist nach aktuellen Erkenntnissen ja äußerst unwahrscheinlich. Man sollte die Gesetzeslage wenn dann lieber so anpassen, dass nur ein verantwortungsvoller Umgang damit erlaubt bleibt. Allerdings stellt sich da die Frage, ob das notwendig ist, denn meines Wissens nach wird damit in Deutschland ohnehin schon recht verantwortungsvoll umgegangen.
Freedom of Seech 05.09.2018
2. Politik heute: Verbieten ohne Alternative
Das hysterische Geschrei nach Verboten dominiert die deutsche Politik (und die Diskussion in der Öffentlichkeit). Bei vernünftigen Alternativ Vorschlägen: Ratlosigkeit auf den Gesichtern. Ja klar, wir können alles in Biolandwirtschaft erzeugen. Das gab es schon mal und zwar vor dem 20igten Jahrhundert. Nannte sich damals einfach nur Landwirtschaft, häufig zur Selbstversorgung. Wegen extensiver Landwirtschaft (zur Selbstversorgung und Energieversorgung mit Holz statt Kohle) war im Mittelalter und den Jahrhunderten danach die Waldfläche in Deutschland - unterbrochen durch den 30jährigen Krieg - deutlich kleiner als heute (bei einem Zehntel der Bevölkerung). PS: Und 95% der Bevölkerung lebten unter erbärmlichen Umständen.
palmiet 05.09.2018
3. Merkwürdigerweise...
Arbeiten die Erzeuger der größten und teuersten Weine der Welt (z.B. La Romanée Conti oder Château Latour) biologisch und verzichten komplett auf Herbizide. Also braucht es keine Alternative zu Glyphosphat, man muss nur wollen!
philosophus 05.09.2018
4. Qualität hat ihren Preis...
SPON: "In steilen Weinbergen wird Glyphosat in der Regel auf einem Streifen entlang der Weinstöcke ausgebracht, um dort das Unkraut zu unterdrücken." ===>> Es gibt Alternativen, aber sie sind mit mehr Mühe (und Ausgaben) verbunden. Auf unserem Weinberg z. B. (Peloponnes), streuen wir entlang der Weinstöcke eine dicke Schicht Olivenblätter aus, welche wir umsonst aus der benachbarten Olivenölpresse bekommen. Da hat der Unkraut keine Chance mehr... Es kostet zwar mehr (Arbeitszeit), aber wir wissen später was wir trinken!. Übrigens es ist immer so: Qualität hat ihren Preis!...
exxilist 05.09.2018
5. Das ist gar fürchterlich
Nicht das Bayer/Monsanto noch am Hungertuch nagen müssen. Anscheinend hat sich seit November 2017 (EU Abstimmung über die zulassung) die Lobbyarbeit des Konzerns verschlechtert. Christian Schmidt sollte hellhörig werden. Nicht das da jemand auf einmal etwas zurückfordert. Aber vielleicht hat er zur Sicherheit auch schon den Flug zu den Caymans gebucht.
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