Umstrittenes Pestizid Anbieter wollen Glyphosat-Studien in Leseräumen auslegen

Kann der Unkrautvernichter Glyphosat Krebs auslösen oder nicht? Offizielle Stellen sind sich darüber uneinig. Nun wollen die Hersteller ihre Studien offenlegen - allerdings nur sehr eingeschränkt.

Demonstranten am 15. März 2016 gegen eine erneute Glyphosat-Zulassung
DPA

Demonstranten am 15. März 2016 gegen eine erneute Glyphosat-Zulassung


Im Streit um die Zukunft des Pflanzenschutzmittels Glyphosat in Europa wollen die Anbieter der Öffentlichkeit unter Auflagen Studien zu Gesundheitsfragen zur Verfügung stellen. Die Unternehmen hätten EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis eine "Lesesaal-Lösung" angeboten, erklärte der Hersteller-Zusammenschluss Glyphosat Task Force (GTF). Andriukaitis hatte zuvor die Veröffentlichung der Studien gefordert, in denen es um eine mögliche Krebsgefahr durch das Pestizid geht.

Die Untersuchungen hatte die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, Efsa, zur Beurteilung des Krebsrisikos durch Glyphosat herangezogen. Die Efsa kam in ihrer Bewertung zu dem Schluss, dass das Pflanzenschutzmittel wahrscheinlich nicht krebserregend sei. Das widerspricht der Einschätzung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC). Diese Diskrepanz verunsichert nach Auffassung von Andriukaitis viele Menschen - deshalb sollten die Studien veröffentlicht werden.

SPIEGEL ONLINE

In einem Brief an den Kommissar äußerte die GTF Bedenken gegen eine komplette Offenlegung der Untersuchungen. Die 14 Studien enthielten geistiges Eigentum und vertrauliche Informationen. Außerdem sei bereits ein wissenschaftlicher Fachbeitrag über die Untersuchungen veröffentlicht worden; auch gebe es via Internet Zugriff auf einige der zugrunde liegenden Datensätze.

Kopieren verboten

Denkbar sei allerdings, in Leseräumen Versionen der Studien auszulegen, aus denen vertrauliche Informationen und personenbezogene Daten entfernt wurden. Unter Aufsicht könnten Interessierte etwa in Räumen der Efsa die Unterlagen lesen und sich handschriftliche Notizen machen. Kopien oder Fotografien wären dabei verboten. Die GTF-Mitglieder könnten dem Vorschlag nach verlangen, dass ihnen die Namen der Lesesaal-Besucher übermittelt werden.

"Diese zusätzliche Transparenz sollte nicht ausgenutzt werden, um wissenschaftlich haltlos zu skandalisieren und Panik zu schüren", warnte GTF-Sprecherin Ursula Lüttmer-Ouazane. Die Debatte um Glyphosat und die Vertraulichkeit bestimmter Unterlagen dürfe nicht missbraucht werden, um "die gesamte Grundlage zur Bewertung von Pflanzenschutzmitteln infrage zu stellen", erklärte die Arbeitsgruppe.

Die Zulassung von Glyphosat in der EU läuft im Juni aus. Die GTF-Mitglieder haben eine erneute Zulassung beantragt. Kritiker wollen Glyphosat verbieten. Die EU-Kommission dagegen sieht aufgrund der Empfehlungen der Efsa keinen Grund, das Mittel in der EU vom Markt zu nehmen.

Glyphosat ist das deutschland- und weltweit am meisten verkaufte Pestizid und wird sowohl in der Landwirtschaft als auch in privaten Gärten sehr häufig verwendet. Knapp 40 Prozent der konventionell bewirtschafteten Ackerfläche in Deutschland wird mit glyphosathaltigen Pflanzengiften behandelt.

MEHR ZUM THEMA

jme/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.