Mögliche Alternative zu Glyphosat Dieser Zucker lässt Unkraut verkümmern

Deutsche Forscher haben ein Zuckermolekül gefunden, das bei Pflanzen, Bakterien und Pilzen das Wachstum hemmt. Sie schätzen es für Tiere und Menschen als ungefährlich ein.

Cyanobakterien im Labor (Archivbild)
Klaus Brilisauer

Cyanobakterien im Labor (Archivbild)


Die Tage des Unkrautvernichters Glyphosat sind gezählt. In ihrem Koalitionsvertrag haben Union und SPD erklärt, man wolle die Anwendung des Herbizids "deutlich einschränken" - und habe vor, diese "so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden". Im Detail gestaltet sich die Umsetzung zwar schwierig. Auf europäischer Ebene scheint allerdings ein Verbot zum Jahr 2022 möglich.

Forschende der Universität Tübingen haben nun eine natürliche Verbindung entdeckt, die sie unter anderem für eine Alternative zu Glyphosat halten.

Im Fachmagazin "Nature Communications" beschreibt ein Team um die Chemiker Klaus Brilisauer und Stephanie Grond sowie den Mikrobiologen Karl Forchhammer ein Zuckermolekül, das von bestimmten Bakterien hergestellt wird. Es hemmt demnach das Wachstum anderer Bakterien, von Pilzen und Pflanzen. Für Menschen und Tiere soll die Substanz laut ersten Tests ungefährlich sein. Weitere Versuche zu dieser Frage sind aber noch nötig.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick
Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt habe.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenkonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 - als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Das Zuckermolekül wurde aus Kulturen des Süßwasser-Cyanobakteriums Synechococcus elongatus isoliert. Diese Art dient Forschern als Modellorganismus, ihr Genom ist vollständig bekannt. Das Bakterium kann, wie bereits bekannt war, in manchen Fällen, das Wachstum anderer, verwandter Bakterienstämme hemmen. Den Forschern gelang es nun, die chemische Struktur der Verbindung zu entschlüsseln, die dafür verantwortlich ist - und eine Methode für ihre Herstellung zu entwickeln.

Getestet wurde die Substanz dann unter anderem an bestimmten Hefen, aber auch an der Acker-Schmalwand, einer für biologische Experimente beliebten Modellpflanze, und an Tabakpflanzen. Dabei sei die wachstumshemmende Wirkung gut erkennbar gewesen, so die Wissenschaftler.

Untersuchungen mit menschlichen Zelllinien

Das neu entdeckte Zuckermolekül wirkt, indem es ein Enzym des sogenannten Shikimatwegs hemmt. Das ist ein biochemischer Stoffwechselweg, der nur in Mikroorganismen und Pflanzen vorkommt. Aus diesem Grund argumentieren die Forschenden auch, der Wirkstoff sei aus ihrer Sicht unbedenklich für Menschen und Tiere. Erste Untersuchungen mit mehreren menschlichen Zelllinien hätten das auch belegt.

Allerdings greift auch Glyphosat in den Shikimatweg ein. Negative Folgen, etwa für Tiere, können daraus womöglich trotzdem erwachsen. So hatten Forschende im vergangenen Jahr davor gewarnt, das Herbizid könnte Darmbakterien von Honigbienen abtöten - und damit das Immunsystem der Tiere schädigen. In der Studie wurden recht hohe Glyphosat-Dosen verwendet. Zu Verunsicherung führte dabei, dass die höchsten verwendeten Mengen im Experiment mitunter zu geringeren Effekten führten als kleinere Dosen.

Fragt man Forscher Brilisauer nach den Parallelen zwischen der von ihm mit entdeckten neuen Substanz und Glyphosat, verweist er zunächst darauf, dass es sich bei dem Zuckermolekül um ein reines Naturprodukt handele, "das Cyanobakterien bereits seit Millionen von Jahren produzieren". Allerdings ist Natürlichkeit kein Beleg dafür, dass ein Stoff harmlos ist. Auch in der Natur entstehen gefährliche Gifte.

Brilisauer betont, der Zucker sei aus seiner Sicht gut in der Umwelt abbaubar - "sonst hätte man ihn früher schon gefunden". Die bisher bekannte Ökotoxizität der Substanz sei niedrig. "Das sieht interessant und vielversprechend aus", so der Forscher. Zur Frage aber, wie sich der Zucker etwa auf das Mikrobiom von Tieren auswirke, könne man noch nichts sagen. Weitere Studien seien nötig. Einen Partner in der Industrie habe man aktuell noch nicht.

chs



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
gekreuzigt 06.02.2019
1. Bis zum ausdrücklichen Beweis
des Gegenteils ist das Molekül unter Verdacht, krebserregend zu sein. Siehe Glyphosat.
tommirf 06.02.2019
2. Und wenn schon?
Auch wenn dieses neue Produkt möglicherweise weniger gefährlich für Mensch und Tier sein sollte ( was noch zu beweisen wäre... ), der fatale Effekt aller "Unkrautvernichter" bleibt: es verschwinden die Nahrungsquellen für eine Unzahl von Insekten, und damit auch direkt oder indirekt für Vögel und weitere Kleinlebewesen. Dann haben wir bald gar keine Wildtiere mehr bei uns.
rst2010 06.02.2019
3. "Sie schätzen es für Tiere und Menschen als ungefährlich ein."
mit anderen Worten: sie wissen es nicht, haben keine Nachweise. Sondern raten einfach mal so ins Blaue rein. abgesehen davon, dass wir das schon so oft gehört haben, und kurz danach wurden die Probleme ruchbar. Immer das Gleiche, mindenstens seit Parathion (DDT) immer wieder vorexerziert.
gruj1 06.02.2019
4. Parathion ist E 605 und
Zitat von rst2010mit anderen Worten: sie wissen es nicht, haben keine Nachweise. Sondern raten einfach mal so ins Blaue rein. abgesehen davon, dass wir das schon so oft gehört haben, und kurz danach wurden die Probleme ruchbar. Immer das Gleiche, mindenstens seit Parathion (DDT) immer wieder vorexerziert.
hat rein gar nichts mit DDT zu tun. Der hier gefundene Zucker ist chemisch weder E 605 noch DDT ähnlich. Daher ist von anderer toxikologischer Wirkung auszugehen. Die Folgerung der Wissenschaftler ist also keineswegs "ins Blaue" geraten. Solche Unterstellungen sind ohne naturwissenschaftliche Minimalkenntnisse schon recht gewagt.
permissiveactionlink 06.02.2019
5. #3, rst2010
Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen ! Parathion, E605, bzw. Nitrophenolthiophosphorsäureester, wurde 1944 von Gerhard Schrader bei Bayer/IG-Farben entwickelt und zunächst ab 1947 von American Cyanamid und Monsanto vermarktet (Die Amerikaner hatten die Unterlagen im Rahmen der Untersuchungen zu deutschen Chemiewaffen, Tabun, Sarin, Soman, erbeutet), und ist ein Thiophosphorsäureester. Es hat nichts mit DDT (Dichlordiphenyltrichlorehan) zu tun. Letzteres wurde bereits 1874 von dem östereichischen Chemiker Othmar Zeidler synthetisiert und erst 1939 erkannte der schweizer Chemiker Paul Hermann Müller (J.R. Geigy-AG) die insektizide Wirkung. Geigy vermarktete DDT ab 1942 unter dem Handelsnamen Gesarol. Parathion und DDT sind beide Nervengifte, ihre Wirkmechanismen unterscheiden sich aber : DDT führt zu verstärkter Ausschüttung von Neurotransmittern an den motorischen Neuronen, während Parathion den enzymatischen Abbau des ausgeschütteten Neurotransmitters Acetylcholin im Bereich des synaptischen Spaltes blockiert.
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