Landwirtschaft Ministerin Klöckner kündigt strengere Glyphosat-Vorschriften an

Bauern sollen Glyphosat nur noch unter Auflagen nutzen, Privatleute praktisch gar nicht mehr. Das sieht ein Plan von Agrarministerin Julia Klöckner vor. Der SPD geht das nicht weit genug.

Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner (CDU)
DPA

Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner (CDU)


Ist es der Einstieg in den Ausstieg aus Glyphosat? Agrarministerin Julia Klöckner will den umstrittene Unkrautvernichter für Privatleute weitgehend verbieten und Bauern strengere Vorschriften machen. Der Entwurf einer Verordnung werde nun in der Bundesregierung abgestimmt, kündigte die CDU-Politikerin an. In Kraft treten könnte das Ganze ihrem Ministerium zufolge ab Frühjahr 2019.

In Haus- und Kleingärten soll Glyphosat nach den Plänen der CDU-Politikerin künftig verboten werden - außer, es gibt keine Alternative und der Gärtner hat einen Sachkundenachweis. Bauern sollen den Wirkstoff nur anwenden dürfen, wenn sogenannte Saumstrukturen ausreichend vorhanden sind. Das sind zum Beispiel Hecken, die Tieren einen Rückzugsraum bieten. Ausnahmen sind zudem für stark erosionsgefährdete Böden zum Beispiel an Hängen, für gefährdete Ernten oder bestimmte Unkräuter wie Disteln und Quecken geplant.

Um Mensch und Natur zu schützen, solle Glyphosat außerdem nicht mehr in öffentlichen Parks und Sportanlagen sowie in der Nähe von Gewässern verwendet werden dürfen, sagte Klöckner. Auch für Naturschutzgebiete soll es künftig keine Ausnahmen mehr geben.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick
Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend ist, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" ist. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenskonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand. Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigern erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze reagierte zurückhaltend auf den Vorstoß. Damit sei "ein erster Schritt gemacht", teilte die SPD-Politikerin mit. "Für unser gemeinsames Ziel, den Einsatz von Glyphosat grundsätzlich zu beenden, werden weitere Schritte folgen müssen." Sie wolle, dass Pflanzenschutzmittel mit Glyphosat "spätestens zum Ende der Legislaturperiode keine Rolle mehr spielen".

Die Privatanwendung von Glyphosat macht in Deutschland nur etwa zwei Prozent aus. Vor allem die Landwirtschaft, aber auch Unternehmen wie zum Beispiel die Bahn nutzen den Wirkstoff - Marktführer ist der US-Saatgutkonzern Monsanto, allerdings ist das Patent abgelaufen. In Deutschland werden pro Jahr etwa 5000 Tonnen glyphosathaltiger Produkte verkauft.

Wie stark die neue Verordnung die eingesetzte Glyphosatmenge in Deutschland verringern soll, sagte Klöckner auf Nachfrage nicht. Es solle nicht der Eindruck entstehen, dass man irgendwann fertig sei. In den vergangenen fünf Jahren sei die Anwendung bereits um 30 Prozent zurückgegangen, betonte die CDU-Politikerin. Auch zu einem möglichen Verbot bestimmter glyphosathaltiger Mittel, die im Laufe dieses Jahres eine neue Zulassung brauchen, sagte Klöckner zunächst nichts. "Wir machen eine Anwendungserlaubnis nicht vom Vorhandensein eines Mittels abhängig", erklärte sie.

Gemischte Reaktionen auf Entwurf

Die Bahn, die Klöckner zufolge der größte Glyphosat-Einzelanwender in Deutschland ist, ist von der geplanten Verordnung vorerst nicht betroffen. Sie wolle aber mit dem Unternehmen reden, kündigte die Agrarministerin an. Es gelte, alle Beteiligten im Blick zu haben.

Der Deutsche Bauernverband begrüßte den Vorstoß im Grundsatz. "Eine Reduktionsstrategie ist grundsätzlich sinnvoll, aber ein vollständiger Ausstieg würde unsere Möglichkeiten im umweltschonenden Anbau drastisch einschränken", teilte Verbandspräsident Joachim Rukwied mit. Den Grünen dagegen gehen die Vorschläge nicht weit genug. Für einen Ausstieg im Agrarbereich seien "kleine, kosmetische Maßnahmen" nicht genug, sagte Fraktionschef Anton Hofreiter. "Stattdessen muss die Anwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft in den nächsten vier Jahren auf Null heruntergefahren werden."

Der Unkrautvernichter Glyphosat war 2017 in der EU nach monatelangem Streit für weitere fünf Jahre zugelassen worden. Auch der damalige deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) stimmte für die Verlängerung und handelte sich dafür Ärger mit der ehemaligen Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ein, die gegen eine Verlängerung war. Von Umweltverbänden und Bürgerinitiativen hatte es vorher gegen das Mittel vor allem in Deutschland massive Proteste gegeben.

Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation stufte Glyphosat im März 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für den Menschen ein. Das Institut bewertet allerdings nur, inwiefern Substanzen grundsätzlich in der Lage sind, Krebs zu erzeugen und nicht wie hoch das Erkrankungsrisiko in der Praxis ist. Die europäische Lebensmittelbehörde Efsa, die Chemikalienagentur Echa und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, die praktische Risiken abschätzen, sahen keine ausreichenden Belege dafür.

joe/dpa

insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Rhinkiekerrees@gmail.com 17.04.2018
1. Europäische Lösung
So lange man in Ländern Europas dieses Zeug frei kaufen kann ist ein Verbot von Glyphosat nicht möglich. Dann holt man es sich in Polen oder sonst wo.
Fritz.A.Brause 17.04.2018
2. Was für ein lächerlicher....
....allein von Ideologie befeuerter Streit. Im Vergleich zu den Alternativen, wie z.B. Neonikotinoide, die unzweifelhaft für Bienenpopulationen schädliche sind, wird sich hier am Glyphosat einer abgebrochen. Kann dann bitte mal jemand die wissenschaftlichen Grundlagen und Kenntnisse zu Glyphosat zur Kenntnis nehmen und nicht rein "aus dem Bauch heraus" argumentieren? Am Ende wird Glyphosat verboten und der Schaden wird grösser sein als der Nutzen. So, wie zum Beispiel auch bei den "Biokraftstoffen", die einst von Ideologen, gegen wissenschaftliche Studien, durchgedrückt wurden. Heute wollen dieselben Ideologen schon immer dagegen gewesen sein. Wie wäre es damit zuerst einmal eine Substanz zu verbieten, die laut Einstufung "sicher Krebserregend" ist, an der sich aber keiner zu Stossen scheint. Ethanol. Der nette Lustigmacher aus dem Feierabendbier und dem Gläschen Wein. Wissenschaftlich belegt gefährlicher als Glyphosat. Trotzdem jeden Tag in Unmengen "genossen". Fangt mal an zu denken, Leute und lasst die Symbolpolitik sein.
Kurt-C. Hose 17.04.2018
3. Unverständlich
Das Them Krebs ist in dem Zusammenhang schon hinreichend oft kritisch diskutiert worden und rechtfertigt rational betrachtet kein Verbot. Die Kritik, die man an Glyphosat berechtigterweise anbringen kann, ist eigentlich keine glyphosatspezifische, sondern eine strukturelle an industrialisierter Landwirtschaft. Ob Glyphosate deren gravierendstes Problem ist, kann man bezweifeln. Worüber man sich aber im Klaren sein muss, ist, dass Glyphosat ermöglicht, auf tiefes Pflügen zu verzichten und damit erheblichen Erosionsproblemen der Böden aus dem Weg zu gehen. Verzichtet man auf Glyphosate, muss man zu solchen Methoden zurückkehren, die extrem strapaziös für Ackerböden und Bodenfauna sind. In meinen Augen ist das blinder Politaktionismus, der mehr auf irrationalen Ängsten von Laien beruht, als tatsächliche Folgenabwägung im wissenschaftlichen Sinn.
odonata 17.04.2018
4. Sikkation und Flurbereinigung beenden!
"Umweltschonend" wäre es wenn die Bauern so wie jetzt schon die Biobauern arbeiten würden: mit Bodenbearbeitung anstatt mit Giftspritze. Aber solange großzügig Ausnahmegenehmigungen für Sikkation und Frühkahrsputz erteilt werden muss der Bauernverband nichts fürchten....ausbaden tun es Wildbienen und Imkereien, die den verseuchten Honig zum Müll tragen können. Den sollte dann mal das Ministerium zugeschickt bekommen! Das ist alles Augenwischerei im Stile von Herrn Schmidt...aber der hat seinen Beratervertrag mit der Agrarchemie vermutlich schon mit der Abschiedsurkunde ausgehändigt bekommen...
Marut 17.04.2018
5. Mal sehen
Da werden wir mal sehen, ob Frau Klöckner das durchbekommt - da wird die Lobby von Bayer und Monsanto schon kräftig gegenhalten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.