Golf von Mexiko BP will Öl-Leck vorzeitig versiegeln

Die endgültige Versiegelung des Öllecks im Golf von Mexiko steht unmittelbar bevor - das zumindest glauben der Ölkonzern BP und die US-Regierung. In zwei Wochen könnte demnach die Entlastungsbohrung beendet sein. Inzwischen wird auch eine andere, noch schnellere Methode vorbereitet.

Auffangglocke über dem Ölleck: "Static Kill"-Aktion könnte Leck vorzeitig versiegeln
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Auffangglocke über dem Ölleck: "Static Kill"-Aktion könnte Leck vorzeitig versiegeln


New Orleans/Washington - Das defekte Bohrloch im Golf von Mexiko könnte in zwei Wochen endgültig gestopft werden. Eine der beiden Entlastungsbohrungen dürften bereits an diesem Wochenende abgeschlossen werden, erklärte der Krisenmanager der US-Regierung für die Ölpest, Thad Allen. Die Abdichtung des Lecks wäre dann nach Angaben des BP-Konzerns im besten Falle innerhalb von fünf Tagen möglich, sie könnte sich aber auch über mehrere Wochen hinziehen.

Mit den Entlastungsbohrungen soll der Druck von dem defekten Bohrloch genommen werden, aus dem in den vergangenen drei Monaten Schätzungen zufolge bis zu 700 Millionen Liter Öl ausgetreten sind. Am Wochenende soll eine der beiden Entlastungsbohrungen, die seitlich an den leckgeschlagenen herangeführt werden, ihr Ziel erreichen, sagte Allen. BP-Vizepräsident Ken Wells äußerte sich indes vorsichtiger und erklärte, er erwarte einen Erfolg der Bohrung bis Ende Juli.

Sobald der neue Bohrkanal fertig ist, will BP das Leck am Meeresboden mit Schlamm und Zement versiegeln. Das wird nach Angaben des Konzerns mindestens fünf Tage, möglicherweise aber auch Wochen dauern.

BP bereitet "Static Kill"-Aktion vor

Allerdings könnte BP der Entlastungsbohrung mit einer weiteren Aktion zuvorkommen. Bei der "Static Kill" genannten Aktion soll schwerer Schlamm durch die Ventile des Abdeckzylinders gepumpt werden, der seit vergangenem Donnerstag das Loch verschließt. Die Operation werde bereits vorbereitet, sagte BP-Manager Kent Wells. Ob tatsächlich ein Anlauf unternommen werde, müsse aber die Einsatzleitung der Regierung entscheiden. Er rechne bis Donnerstag mit einer Entscheidung.

Unterdessen wurden in einem Radius von etwa drei Kilometern rund um das verschlossene Bohrlich mehrere kleinere Lecks am Meeresboden entdeckt, die nach Angaben der Regierung aber nichts mit dem Desaster nach dem Untergang der Bohrplattform "Deepwater Horizon" zu tun haben. Sie seien zudem sehr klein, erklärte Allen - "ähnlich einem Ölleck, das Sie vielleicht in ihrem Auto haben".

Allen hatte angeordnet, dass die provisorische Kappe noch bis mindestens Mittwoch die Quelle verschließen solle. Alle 24 Stunden wird neu entschieden, ob der Auffangzylinder auf dem Bohrloch bleibt. Hintergrund sind Bedenken, dass die kilometerlange Steigleitung im Meeresboden den Druck der gestauten Ölmassen nicht aushält und sich das Öl einen anderen Weg an die Oberfläche bahnt.

BP verkauft Unternehmensteile an US-Ölunternehmen

Der BP-Konzern, der sich am Dienstag erneut eine peinliche PR-Panne leistete, gab jetzt den Verkauf einiger Geschäftsfelder an ein US-Unternehmen bekannt. Der Konkurrent Apache zahle sieben Milliarden Dollar (5,5 Milliarden Euro) für Anlagen und Geschäftsteile in den USA, Kanada und Ägypten, teilte BP am Dienstag mit. Der Erlös solle in einen 20 Milliarden Dollar schweren Entschädigungsfonds für die Opfer der Ölpest fließen.

Die Ratingagentur Moody's sagte am Dienstag voraus, dass nach aktuellem Stand bis Jahresende 17.000 Arbeitsplätze an der Golfküste wegen der Ölpest wegfallen dürften. Im schlimmsten Fall - wenn die Ausbreitung der Ölpest anders als erhofft bis Jahresende nicht gestoppt würde und die US-Regierung das Moratorium für Ölbohrungen durchsetze - könnten es sogar über 100.000 Arbeitsplätze sein.

Am stärksten seien bisher die Fischindustrie und die Landwirtschaft durch die Ölpest getroffen, teilte Moody's mit. Das gelte insbesondere für den US-Bundesstaat Louisiana. Laut US-Arbeitsministerium stieg die Arbeitslosenquote dort im vergangenen Monat um 0,2 Prozentpunkte auf sieben Prozent. Damit ist Louisiana nur einer von fünf US-Bundesstaaten mit wachsenden Arbeitslosenzahlen.

Experten befürchten Umweltschäden durch Säuberungsarbeiten

Inzwischen warnen Experten bereits davor, dass die Arbeiten zur Eindämmung der Ölpest selbst die Umwelt schädigen könnten. Bei den 5600 Schiffen, die inzwischen im Einsatz sind, handele es sich um die größte Flotte seit der Invasion der Alliierten in der Normandie im Zweiten Weltkrieg, teilte die US-Küstenwache mit. Hinzu kommen zahlreiche Helikopter, Bulldozer, Lastwagen und andere Transportmittel. "Nichts, was man gegen eine Ölpest unternimmt, bleibt ohne Wirkung", sagte Lisa Jackson, Chefin der US-Umweltbehörde Epa.

Umweltschützer und Ölbekämpfungs-Spezialisten warnen, dass viele bisher nicht erprobte Maßnahmen gegen die Ölpest zum Einsatz kämen - und nicht selten mehr Schaden anrichten als verhindern. "Je mehr man mit Chemikalien auflöst, je mehr schweres Gerät man bringt, je mehr unerfahrene Leute mitmischen, desto weniger können Mutter Natur und die Ölsperren ihren Job erledigen", sagte Mike Brewer, der früher eine Ölpest-Bekämpfungsfirma geleitet hat.

BP hat insbesondere in der Anfangsphase zahlreiche Menschen im Kampf gegen die Ölpest eingesetzt, die über keine oder wenig einschlägige Erfahrung verfügen - Shrimp-Fischer, Arbeitslose, Studenten und Wanderarbeiter. "Eine Zeit lang war es wie der Wilde Westen", sagte Drew Wheelan von der Umweltorganisation American Bird Association. Die Reinigungstruppen hätten zahlreiche Nistplätze in Vogelkolonien zertrampelt und seltene Vögel gefährdet. Die dem Louisiana vorgelagerte Insel East Grad Terre etwa sei kreuz und quer mit Reifenspuren übersät. "Die ganze Säuberungsaktion war katastrophal", sagte Wheelan. "Kein Zentimeter des Strands wurde verschont."

mbe/AP/dpa/AFP

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