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Golf von Mexiko: Fische fliehen vor dem Öl

Durch die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko verlieren Meeresbewohner ihre natürliche Umgebung: Schwärme von Haien und anderen Fischen wandern vom offenen Meer an die Küsten Floridas. Doch dort droht den Tieren ein qualvoller Tod.

Delfin in der Barataria Bay nahe Louisiana: Dutzende Tiere bereits mit Öl verschmiert Zur Großansicht
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Delfin in der Barataria Bay nahe Louisiana: Dutzende Tiere bereits mit Öl verschmiert

Miami - Wissenschaftler haben an der Küste Floridas unerwarteten Besuch entdeckt: Delfine, Haie und Rochen zeigen sich im flachen Wasser, Krabben und andere Meeresbewohner sammeln sich dort zu Tausenden. Die Forscher vermuten, dass die Tiere vor dem Öl im Golf fliehen und saubere Gewässer in Küstennähe suchen.

"Ich halte es für sehr realistisch, dass die Tiere vom Ort der Katastrophe flüchten, weil das marine Ökosystem dort im großen Umfang zerstört worden ist", sagt Julian Gutt, Meeresbiologe am Alfred-Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Um genau festzustellen, welche Wege die Tiere zurücklegen, wären allerdings aufwendige Untersuchungen nötig." Es sei möglich, dass die Ölverschmutzung die gesamte Nahrungskette von Algen bis hin zu Wirbeltieren beschädigt hat - viele Tiere wanderten demnach aus, weil sie keine Nahrung mehr finden. "Unser Mitleid bezieht sich oft nur auf ölverschmierte Vögel, die an Land sichtbar sind. Dabei ist der Schaden unter der Wasseroberfläche vermutlich viel größer", sagt Gutt.

Wissenschaftler wie der Meeresbiologe Larry Crowder von der Duke University halten diese Entwicklung für alarmierend, denn in den Küstengewässern wird es wohl eng für all die Flüchtlinge. Die Forscher befürchten, dass der Sauerstoffgehalt im Wasser dadurch zu stark sinkt und die Tiere massenweise sterben. Weitere Gefahren: Falls mehr Öl als bisher in Richtung Küste treibt, wird der neue Lebensraum der Tiere immer enger. "Dann sitzen sie in der Falle", befürchtet der Crowder.

Vor dem Öl sicher sind die Tiere an der Küste aber nicht: Der Greenpeace-Meeresbiologe John Hocevar berichtet schon jetzt von Dutzenden Delfinen in der Barataria Bay nahe Louisiana, die mit Öl verschmiert seien. Kleinere Fische seien ihren natürlichen Feinden hilflos ausgeliefert und könnten von Haien oder Seevögeln gefressen werden.

Die besten Fänge seit Jahren

Leichte Beute sind die Meeresbewohner auch für Menschen: Einige Gebiete, in die sich die Tiere geflüchtet haben und in denen die Fischerei nicht verboten ist, haben sich paradoxerweise zum Paradies für Fischer entwickelt. Während manche Fischereien wegen der Ölpest um ihre Existenz fürchten müssen, berichten Fischer aus Panama City in Florida von den besten Fängen seit Jahren.

Bisher sind die Zahlen dazu, wie viele Tiere in Folge der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko gestorben sind, noch recht niedrig. Aktuellen Schätzungen zufolge sind 783 Vögel, 353 Schildkröten und 41 Säugetiere umgekommen. Zum Vergleich: Nach dem Unglück der Exxon Valdez im Jahr 1989 starben 250.000 Vögel. Dies liegt allerdings vermutlich daran, dass nun die getöteten Tiere schwerer zu finden sind. Die meisten werden wohl nie entdeckt, weil sie auf den Meeresboden gesunken sind, sich zum Sterben ins Sumpfland zurückgezogen haben oder ihre Körper von anderen Tieren gefressen wurden.

Einer neuen Schätzung zufolge ist das Ausmaß der Ölpest im Golf von Mexiko noch dramatischer als gedacht. Experten gehen nun davon aus, dass 8200 Tonnen Öl pro Tag ins Meer strömen, wie die US-Regierung mitteilte. Erst vor wenigen Tagen war die Menge auf ein tägliches Maximum von 5400 Tonnen nach oben korrigiert worden. Unabhängige Forscher und Wissenschaftler der Regierung hätten die neuen Erkenntnisse auf der Basis neuer Daten gewonnen, hieß es.

sus/AP/dpa

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