Golf von Mexiko "Top Kill"-Pleite zerstört Hoffnung auf schnelles Ölpest-Ende

Verzweiflung im Golf von Mexiko: Nach der gescheiterten Operation "Top Kill" müht sich BP, den Ölfluss auf andere Weise zu stoppen. Doch der Konzern wirkt angesichts des Desasters immer hilfloser. Erneut kommt massive Kritik am Krisenmanagement des Unternehmens auf.

Rettungsmanöver im Golf von Mexiko: "Wir sterben hier einen langsamen Tod"
AFP

Rettungsmanöver im Golf von Mexiko: "Wir sterben hier einen langsamen Tod"


Washington/Robert - Der Ölkonzern BP ist am Wochenende auch mit seinem jüngsten Versuch zur Abdichtung des beschädigten Bohrlochs gescheitert. Bei dem als "Top Kill" bezeichneten Verfahren wurde tagelang eine Mischung aus Schlamm, Zement und Müll in das Bohrloch in 1500 Metern Tiefe gepumpt, um das Leck zu verschließen. Am Samstag musste BP-Manager Doug Suttles mitteilen, es habe nicht funktioniert.

Experten befürchten, dass jetzt nur noch Entlastungsbohrlöcher das Problem lösen können. Die Bohrarbeiten hierfür dürften aber noch etwa zwei Monate dauern. Bis dahin könnte jeden Tag weiterhin Öl ungehindert ins Meer strömen und die Küsten verschmutzen.

Der Top-Kill-Versuch hatte am Mittwoch begonnen. BP pumpte dabei 4.5 Millionen Liter des schweren Müll-Schlamms in das Bohrloch. Seit dem Unglück auf der Ölbohrplattform "Deepwater Horizon" am 20. April sind nach Schätzung der US-Regierung zwischen 68 Millionen und 151 Million Liter Öl ins Meer geflossen und bedrohen nun als schwerste Ölpest in der Geschichte der USA weite Küstengebiete.

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Golf von Mexiko: Die schwarze Flut erreicht die Küste

In den kommenden Tagen will der Konzern nun mit Unterwasserrobotern das Steigrohr des lecken Bohrlochs absägen und darüber einen Deckel anbringen, um den Ölfluss zu stoppen. Die Aktion soll zwischen vier und sieben Tagen dauern. Dass es damit gelingt, das Leck zumindest vorübergehend zu schließen, ist aber nicht sicher. Die vermutlich verlässlichste Lösung ist ein zweites Bohrloch, das gerade gebohrt wird, das aber erst im August fertig sein wird.

"Das jagt jedem Angst ein", sagte Suttles, "dass wir es nicht schaffen, diese Quelle zum Stillstand zu bringen." Vieles von dem, was bislang ausprobiert worden sei, wurde schon an der Erdoberfläche angewandt, aber noch nie in 1500 Metern Tiefe." Das Absägen des Steigrohrs werde vermutlich nicht dazu führen, dass das Leck noch größer wird, sagte Suttles.

Andere Ölexperten sind sich da nicht so sicher. "Wenn sie da kein Ventil drauf bekommen, dann wird es noch viel schlimmer", sagte Professor Philip W. Johnson von der Universität von Alabama.

"Wir sterben hier einen langsamen Tod"

Die Nachricht, dass "Top Kill" gescheitert sei, wurde in den Orten an der Küste von Louisiana und besonders bei den Fischern mit großer Enttäuschung aufgenommen. "Jetzt wird jedem klar, dass dieser Sommer verloren ist. Unsere ganze Lebensgrundlage ist womöglich verloren", sagte der 59-jährige Michael Ballay, Manager einer Marina in Venice in Louisiana, wo das erste Öl vor Wochen an die Küste kam. "Sie zerstören den Süden von Louisiana. Wir sterben hier einen langsamen Tod", sagte Billy Nungesser von der Gemeinde Plaquemines. "Und am Dienstag beginnt die Hurrikan-Saison."

Unterdessen wird erneut Kritik an BPs Informationspolitik laut: Die "New York Times" berichtet, dass der Konzern schon Monate vor der Explosion der "Deepwater Horizon" Sorge um die Sicherheit der Bohrinsel hatte. Wie die Zeitung unter Berufung auf interne Dokumente des Unternehmens berichtete, hätten BP-Ingenieure bereits am 22. Juni 2009 ihre Bedenken darüber geäußert, dass eine Metallverschalung, die am Bohrloch installiert werden sollte, unter großem Druck kollabieren könnte. Entgegen der konzerneigenen Sicherheitsbestimmungen habe BP an der Verwendung festgehalten, schreibt die Zeitung.

Inzwischen scheint der Glaubwürdigkeitsverlust bei BP vielleicht genauso schwer zu stoppen zu sein wie das Ölleck am Meeresboden. "Sie machen einen Fehler nach dem anderen. Das führt zu dem Eindruck, dass sie etwas zu verbergen haben", erklärte US-Senator Bill Nelson aus Florida. "Diese Jungs haben entweder kein Gefühl für die Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit oder sie sind Neandertaler, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht."

Größe des Lecks beeinflusst die Höhe der Strafe für BP

Da ist zum Beispiel eine der wichtigsten Fragen seit Beginn der Katastrophe am 20. April: Wie viel Öl tritt aus dem Leck aus? Die offizielle Schätzungen sind dabei stetig gestiegen. Erst hieß es, es trete gar kein Öl aus, dann waren es rund 160.000 Liter täglich, dann 800.000 Liter. Und jetzt erklären Wissenschaftler, es könnte auch fünfmal so viel Öl sein. Und immer tat sich BP schwer damit zuzugeben, dass das Ölleck wohl doch größer sei als man der Öffentlichkeit gesagt hatte.

Ein Grund für BP, die Schätzungen so niedrig wie möglich zu halten, ist wohl auch, dass sich die Höhe der möglichen Strafen einem US-Bundesgesetz zufolge nach der Größe des Lecks richtet. Die Strafe, die die Regierung verhängen könne, liege zwischen 1000 und 4300 Dollar pro Barrel (815 bis 3.500 Euro je 159 Liter), erklärte Nelson. "Und deshalb wollen sie die Menge, die die Menschen kennen, natürlich möglichst klein halten."

Das erfolglose Krisenmanagement wird zu einem immer größeren Problem für den BP-Chef: Seit Beginn der Krise ist nämlich auch der Aktienkurs abgestürzt. Der Börsenwert von BP verringerte sich um 50 Milliarden Dollar, was etwa einem Viertel des Gesamtwertes entspricht. Am Freitag verlor die BP-Aktie fünf Prozent, weil sich erneut Verzögerungen beim Versuch zum Stopfen des Öllecks abzeichneten. Der Kursrutsch dürfte sich am Dienstag fortsetzen, wenn die Börse in London in eine verkürzte Handelswoche startet.

jjc/apn/Reuters

Forum - Obama - gutes Ölkrisen-Management?
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Seite 1
nurmeinsenf 26.05.2010
1. Andere Optionen?
Geschludert worden ist vor allem in der Vergangenheit. Die Tiefseebohrungen hätte nur unter anderen Sicherheitsauflagen durchgeführt werden dürfen. Jetzt wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist guter Rat teuer. Offenbar hat niemand so richtig gute Antworten darauf, wie man das Leck verschließt. Woher soll Obama die nehmen? Mehr als alle Ansätze zum Abdichten mit den nötigen Ressourcen zu unterstützen und anschließende Schadensbegrenzung/-seitigung zu treiben, wird nicht möglich sein. Wirklich schön ist das alles nicht, vor allem in der Region - Amerika hat seinen Umwelt-GAU.
Haio Forler 26.05.2010
2. .
Zitat von sysopBarack Obama gerät in der US-Ölkatastrophe in Louisiana zunehmend unter Druck: Der US-Präsident wird heftig kritisiert, weil er sich in der Krise weiter auf BP verlässt. Hat Barack Obama das Krisenmanagement im Griff?
Was soll er machen? Tauchen und sich draufsetzen?
Simpso, 26.05.2010
3.
Zitat von Haio ForlerWas soll er machen? Tauchen und sich draufsetzen?
Ja, ne... wäre Bush das gewesen, wänrem it absoluter Sicherheit die Kommentare sehr viel bösartiger ausgefallen. Es ist aber aschon richtig, weder Bush noch Obama können zaubern.
Epic Fail 26.05.2010
4. ...
Zitat von nurmeinsenfGeschludert worden ist vor allem in der Vergangenheit. Die Tiefseebohrungen hätte nur unter anderen Sicherheitsauflagen durchgeführt werden dürfen. Jetzt wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist guter Rat teuer. Offenbar hat niemand so richtig gute Antworten darauf, wie man das Leck verschließt. Woher soll Obama die nehmen? Mehr als alle Ansätze zum Abdichten mit den nötigen Ressourcen zu unterstützen und anschließende Schadensbegrenzung/-seitigung zu treiben, wird nicht möglich sein. Wirklich schön ist das alles nicht, vor allem in der Region - Amerika hat seinen Umwelt-GAU.
Nicht? Der Iran hat angeboten das Leck zu schließen, die meinten das es eine Kleinigkeit wäre. Aber da gibts ja momentan Stress mit Atomverhandlungen und da kann man ja nicht so einfach die Hilfe annehmen. Und noch dazu schuldet man dann dem Iran noch etwas, das geht ja mal garnicht. Da wird lieber der Golf von Mexiko geopfert. ;)
Hilfskraft 26.05.2010
5. Technik, Know-how, Manpower
"Den staatlichen Krisenteams fehlt Technik, Know-how, Manpower" Wo ist der legendäre Patriotismus der Amis? Daß es an Technik und Know-how fehlt, leuchtet ein. Frage: Wie sieht es damit bei uns aus? Sind zwar "nur" 70 Meter, aber die müssen auch bewältigt werden, im Falle des Falles. Manpower fehlt? Ein 300Millionen-Volk und keine Manpower? Wenigstens die Küstenbewohner könnten Hand anlegen und Säuberungsaktionen organisieren. Auch wenn es nichts nützt, käme es besser in den Medien rüber. Mir scheint, daß das den meisten Amerikanern am Popöchen vorbei geht. Dann fahren sie eben woanders hin, zum Baden. H.
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